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Nicht so stiller Has

Nicht so stiller Has

Ewa Hess | 22. April 2014 – 12:26

Christian Hubschmid und ich treffen Endo Anaconda im Rosengarten in Bern. Er erzählt uns über sein Wildern im Kostümfach, was ihm auf der Toilette im Heidiland widerfährt und warum er im Gegensatz zu Knackeboul keine Likes braucht. Er posiert für uns und den Fotografen als moderner ägyptischer Diktator mit Sonnenbrille. Der Sänger von Stiller Has wärmt sich so fürs Kostümfach auf: Er wird im Sommer im Musical «Aida» an den Thuner Seespielen den Pharao spielen. Das ist eine Überraschung: Der subversive Rebell wird Teil der Unterhaltungsindustrie. An einem sommerlich warmen Nachmittag erklärt der 58-Jährige im Berner Rosengarten, wie es zu seiner Verwandlung kam.

Endo Anaconda, Musical? Wirklich?

Warum denn nicht? Es handelt sich schliesslich um eine Sprechrolle. Ich habe nicht die Absicht, ins leichte Fach zu wechseln. Die Musik der Thuner «Aida» ist von Elton John, also solide musikalische Unterhaltung. Und die Bezahlung stimmt auch.

Mit wie viel kann man den Hasen ködern?

Die Bezahlung ist okay, doch ich mache es nicht allein wegen des Geldes. Es schadet nicht, ab und zu in einem anderen Genre zu wildern. Da fällt mir doch kein Stein aus der Pharaonenkrone.

Warum dann nur eine Sprechrolle?

Stimmt eigentlich, es ist schon fast beleidigend. Aber so konkurrenziert dieser Auftritt wenigstens nicht den Stillen Has.

Ist der Pharao in dieser Version der «Aida» wenigstens ein saftiger Bösewicht?

Nein, warum sollte er das sein? Pharaonen von damals waren zwar absolute Herrscher. Aber so grausam sind sie doch nicht gewesen, dass sie an einem Tag 500 Todesurteile aussprechen würden, wie es die heutigen Pharaonen tun.

Wen bezeichnen Sie als den heutigen Pharao?

Die Regierung Ägyptens, die Militärs. Auch wenn die vor zehn Tagen ausgesprochenen Todesurteile sich gegen die Muslimbrüder richten, die ich für Wirrköpfe halte, bin ich dennoch erstaunt und schockiert, dass der Westen keine Sanktionen ergreift.

Wird diese politische Wirklichkeit in der Thuner Inszenierung thematisiert?

Nein, aber die Geschichte mit der unpassenden Liebschaft passt dennoch gut in unsere Zeit.

Inwiefern? Beziehungen überschreiten heute Rassen- und Klassengrenzen.

Nur scheinbar. In die heutige Zeit übersetzt wäre das, als wenn der Schwiegersohn von Christoph Blocher sich in ein somalisches Dienstmädchen verliebt hätte. Das bringt die Machtverhältnisse durcheinander.

Vergleichen Sie gerade Blocher mit einem Pharao?

Er ist ein Pharao ohne Reich. Er hätte eine Legende werden können, doch dazu fehlt ihm die Altersweisheit.

Worauf spielen Sie an?

Er untergräbt seinen Mythos, indem er nicht loslässt.

Mit der Masseneinwanderungsinitiative hat seine Partei die Schweizer Politszene dennoch erschüttert. Wie stehen Sie dazu?

Es hat unter den Nein-Sagern genauso viele Idioten wie unter den Ja-Sagern. Wir diskutieren. Es gibt Nationen, die diskutieren erst, nachdem sie Millionen Menschen in den Gasofen geschickt haben. Wir Schweizer diskutieren vorher.

Waren Sie eigentlich damals für den Beitritt zum EWR?

Nein. Und jetzt erst recht nicht, die Europäische Union ist doch nichts anderes als eine überdimensionierte Finanzblase.

Spricht hier ein ehemaliger Kommunist?

Ich hatte Sympathien für die Oktoberrevolution. Nicht für den Stalinismus, der danach folgte.

Wann sind Sie aus der KP ausgetreten?

Sobald ich nachpubertär wurde und einen klareren Kopf bekam. Meine kommunistische Frühjugend war eine Antwort auf das deutschnationale Umfeld in Südkärnten, wo ich aufgewachsen bin.

Eine Zeile aus einem Ihrer Songs heisst «Ich mit der Rose, du mit dem Gewehr». Ist Stiller Has ein Pazifist?

Diese Zeile ist eine Jugenderinnerung. Meine Grosseltern haben zur Zeit des Kalten Kriegs auf der österreichischen Seite der jugoslawischen Grenze ein Ferienhaus gehabt. Wir Jungs haben mit den bewaffneten jugoslawischen Grenzbeamtinnen geschäkert. Sie waren sehr hübsch mit ihren Schifflihütchen.

Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren Österreicher?

Kärntner und Slowenen, die in Österreich lebten. Diese Familie war zweigeteilt. Während des Kriegs war ein Teil davon Mitläufer bei den Deutschen, der andere Teil bei den Partisanen. Für mich waren die Grenzen also immer ein Thema.

Ist Ihr humorvoller Zynismus, den man aus Ihren Songs und Kolumnen kennt, eine einge­übte Strategie angesichts dieser Widersprüche?

Nein. Ich bin echt von allen Systemen enttäuscht. Gut, dass ich bald sechzig werde, und gut, dass ich auf dieser Welt nicht allzu alt werden muss.

Sie werden nicht alt?

Nein, ich habe keine Lust, achtzig zu werden und als Rentner meinen Mietzins mit der Pumpgun eintreiben zu müssen.

Wie meinen Sie das? Sind Sie Mitglied bei Exit?

Nein, nein. Mich würde dieser Duftschalen-Groove der Exit-­Trostspender nerven. Krank sein und Sterben ist ein einsamer Job.

Aber warum gleich sterben? Wie man am Beispiel der Rolling Stones sieht, gibt es für beliebte Bands noch andere Wege, ihre Rente aufzubessern.

Ja, wenn die Kräfte reichen. Und wenn nicht? Vom Hotel Bellevue in die Notschlafstelle ist der Weg nicht sehr lang. Knapp fünf Meter.

Stiller Has ist eine der ­fleissigsten Bands der Schweiz. Ist diese Never Ending Tour nur das Resultat einer finanziellen Notwendigkeit?

Nein, ich mache das echt gern. Aber ich hätte gern eine Auszeit. Wir haben gerade 25 Jahre Stiller Has gefeiert und noch nie um Subventionen gebettelt. So etwas ist durchaus rufschädigend. Man gilt dann als «kommerziell».

Muss man um Subventionen betteln?

In der Stadt Bern ist es so, dass alle, die Subventionen empfangen, auch gleichzeitig in den Kommissionen sitzen und Subventionen vergeben. Da möchte ich mich nicht anstellen.

Untertreiben Sie nicht? Der Stille Has hat doch eine Lobby!

Ich bin nun mal ein Düsterling.

Einer, der dem Düsteren sehr komische Lieder abringt.

Man muss ja irgendwie damit fertigwerden. Schon nur der Kinder wegen.

Wie alt ist Ihr Jüngstes?

Mascha ist fünf Jahre alt.

Sie haben drei Kinder von drei verschiedenen Müttern. Gab es in Ihrem Leben auch ruhige Familienphasen?

Phasen schon. Mehr nicht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Kindern?

Sehr liebevoll.

Mögen Ihre Kinder Ihre CDs?

Das wäre doch reichlich absurd, wenn ein Pubertierender die Musik des eigenen Vaters toll fände. Aber mit der Kleinen mache ich gerne Spontandichtung. Sie deklamiert fehlerfrei Gedichte von Christian Morgenstern.

Sie kommen bei den Jungen gut an, nächsten Mittwoch spielen Sie im Zürcher Exil, wo das Publikum dreimal jünger ist als Sie . . .

(Eine Gruppe Teenager kommt an den Tisch, an welchem das Interview stattfindet, und bittet um Autogramme.)

Mädchen: Darf ich ein Autogramm haben?

Endo (scherzt): Freilich, aber zeig es deinem Freund nicht!

Mädchen: Dürfen wir noch ein Foto haben?

(Sie fotografieren sich gegenseitig mit Endo und ziehen kichernd ab.)

Tut das gut, wenn man so angehimmelt wird?

Das gehört zum Job.

Sie inszenieren sich auf Ihrer letzten CD als böser Alter mit Bundfaltenhose, doch bei der Jugend geniessen Sie Kultstatus. Wie geht das?

Diese Kinder sind eben schon in ihrem antiautoritären Kindergarten mit meinem Song «Grusig, grusig» malträtiert worden. Darum bin ich bei denen so berühmt wie Pippi Langstrumpf. Aber wer möchte schon ein Kind wie Pippi Langstrumpf? Die bekäme heute Ritalin.

Welche Kinder will man denn heute?

Solche, die sich mit vier Jahren schon für einen Monitorjob bei Cablecom entscheiden. Oder für die Sendung «The Voice of Switzerland» trainieren.

Apropos, wären Sie nicht langsam reif für die Jury?

Ich finde die Sendung doof. Und ich glaube dem Rapper Stress keine Sekunde, dass er immer seine Naturaline-Unterhose, für die er Werbung macht, anhat.

Für die macht doch seine Ex-Frau Melanie Winiger Werbung.

Wer auch immer. Ich stehe wenigstens dazu, dass ich Zimmerli-Unterwäsche trage. Aber zurück zu «The Voice»: Diese Frau, die die letzte Staffel gewann, die Schwangere, wie hiess sie noch …

Nicole Bernegger . . .

Ja, die hat eine tolle Stimme. Und Stress produziert ein Album von ihr, das scheisse tönt. Sie hat eine gute Band, sie hätte ein viel besseres Album gemacht, wenn man sie allein hätte machen lassen.

Aber hat man Sie schon für die Jury angefragt?

Hören Sie schon auf! Die Sendung als Ganzes ist einfach nur lächerlich. Es sind Menschen, die selber nichts Originelles bringen und darüber urteilen, wie andere Sachen singen, die auch nicht originell sein dürfen.

Was schauen Sie selber am TV?

«ZDF History» mit dem Moderator Guido Knopp. Und Naturfilme. Ich bin Naturfilmgucker. Ansonsten bin ich fanatischer Zeitungsleser. Elektronische Medien sind nichts für mich.

Sie sind aber die Zukunft. Auch in der Musikindustrie.

Die CD ist nicht tot. So etwas zu behaupten, ist Blödsinn. CDs machen immer noch zwei Drittel des Umsatzes aus. Aber um die Urheberrechte in der Schweiz ist es schlecht bestellt. Was solls, am Radio wird Stiller Has sowieso nicht gesendet.

Warum nicht?

Weil unsere Musik und unsere Texte die Leute vom Arbeiten abhalten. Das ist unerwünscht.

Wie wäre es mit einer Quote für Schweizer Musik?

Welche Schweizer Musik? Die Kopie der Kopie der englischen Popmusik? Die meisten Leute hören doch gar keine Musik. Wenn du im Heidiland aufs Klo gehst, kriegst du sofort Verstopfung von dieser Beschallung.

Aber Ihre Konzerte sind doch immer rappelvoll!

Ja, das stimmt. Rapper Knackeboul sagte einmal zu mir: «Warum bist du nicht auf Facebook? Ich habe 20 000 Likes.» Von mir aus, aber er spielt im Stadtkeller Luzern vor 80 Nasen, ich vor 330. Und ich habe keine Likes.

Sie sind also nicht auf Facebook?

Doch, aber inaktiv. Ich brauche auch keine Google-Brille. Das geht Richtung Totalkontrolle. Und diese neuen Kameras, wie heissen die?

GoPro?

Die sind ja der reinste Irrsinn. Sobald bei mir vor dem Fenster die erste Drohne auftaucht, ich schwöre, ich schiesse sie ab. Mit dem Luftgewehr.

Haben Sie eins im Schrank?

Ja, natürlich. Im Ernst: Ich wünsche der Schweiz einen elektromagnetischen Schock. Einen mittleren wirtschaftlichen Totalabsturz.

Warum?

Weil man wieder die menschlichen Qualitäten entdecken müsste. Wir müssten zueinander stehen, näherrücken …

Also doch: Sie sind ein Romantiker!

Klar bin ich ein Romantiker. Ich liebe das tatsächliche Leben. Das Physische. Es ist mir lieber, dass mir jemand wegen einer Obszönität eine Ohrfeige gibt, als dass er nicht mehr mein Facebook-Freund ist. Ich habe lieber direkte Reaktionen. Ich würde nie auf Parship gehen.

Einer neuen Beziehung stünde aber nichts im Weg?

Was soll dieser im Wege stehen? Es ist langweilig allein. Ich kann mich immer noch verlieben, und ich glaube immer noch an die Liebe. Nur allzu oft möchte ich mein Herz nicht mehr brechen lassen.

In Ihren Songs geht es nicht nur um die Liebe, sondern oft auch um Ihren Körper.

Überhaupt nicht. Wo denn?

In «Böses Alter» haben ältere Herren Ranzen, und im Song «Märli» heisst es, «U ds Schlaraffelland gits nur mit Mageband».

Das reimt sich halt. Und ich habe es eher auf meinen Bandkollegen Schifer Schafer gemünzt. Aber gut, Körper und Schönheit sind das beherrschende Thema in dieser Gesellschaft. Die Jungen lassen sich schon Vollbärte implantieren. Unten rasieren sie alles ab, und was sie da einsparen, wird oben angesetzt. Unten keine Filzläuse, dafür oben Bartflechten – das kann doch nicht die Alternative sein.

Ist Ihre Glaubwürdigkeit grösser, weil Sie dem gängigen Schönheits- und Schlankheitsideal nicht ganz entsprechen?

Entspreche ich nicht? Das ist unfair! Ich habe dreissig Kilo abgenommen. Nicht, weil ich mich hässlich gefunden habe, sondern weil meine Leber-, Zucker- und Blutdruckwerte derart beängstigend waren. Und jetzt geht es mir besser denn je.

Dürfen wir dann hoffen, dass Sie noch nicht bald sterben?

Na, jedenfalls nicht sofort.

Nicht so stiller Has

Der Berner Endo Anaconda, 58, ist eine der prägendsten Figuren der Schweizer Kulturszene. Mit seiner Mundart-Band Stiller Has tourt er seit Jahren durch aus­verkaufte Säle. Seine Kolumnenbände «Sofareisen» und «Walterfahren» sind Bestseller. Der Sohn einer Österreicherin und eines Schweizers wurde als Andreas Flückiger in Burgdorf geboren und verbrachte seine Jugend in einem Internat in Klagenfurt. In den Achtzigerjahren kehrte er in die Schweiz zurück.

© SonntagsZeitung; 06.04.2014; Seite 15

 

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Literatur Politik

Cohn-Bendits Dämonen

Cohn-Bendits Dämonen

Ewa Hess | 18. Mai 2014 – 14:21

Im Hotel Castello del Sole in Ascona TI ist selbst die aufgeregte Stimmung eines Festivals kultiviert gedämpft. Die Sonne spiegelt sich im Lago Maggiore, internationale Literaten reisen an, um im Rahmen der Frühlingsveranstaltung «Eventi letterari» auf dem Monte Verità Ideen auszutauschen.

In diese Umgebung scheint Daniel Cohn-Bendit nicht so recht zu passen. Mit dem schnellen Schritt eines Berufspolitikers betritt der «rote Dany» die Lobby. Die Haare des deutsch-französischen Doppelbürgers sind nicht mehr rot, doch der Blick hinter der runden Brille verrät ungebremste Neugierde und Debattierlust.

Unser Treffen fällt mit seinem persönlichen Wendepunkt zusammen: Daniel Cohn-Bendit, 69, nimmt Abschied von der Politik. Nach 20 Jahren im Europaparlament als Vertreter abwechselnd der deutschen und der französischen Grünen setzt sich der ehemalige Rädelsführer des französischen Studenten­aufstands von 1968 zur Ruhe. Nach Jahren des Pendelns zwischen Brüssel und Frankfurt und einer überstandenen Krebserkrankung will Cohn-Bendit nun mit Ingrid Apel, mit der er seit 1997 verheiratet ist und einen erwachsenen Sohn hat, das Leben geniessen. Er wohnt in Frankfurt mit befreundeten Paaren gleichen Alters in ­einer Hausgemeinschaft.

Daniel Cohn-Bendit, Sie ­sprechen zum Thema ­«Politische Utopien und ­persönliche Dämonen». Was erwartet uns da?

Utopien und Dämonen sind das Thema des Literaturfestivals hier in Ascona. Ein gut gewähltes Thema, denn Utopien rufen Dämonen auf den Plan.

Inwiefern?

Utopien können sich radikalisieren und verselbstständigen. Darin liegt etwas Dämonisches, weil Utopie dann zum Selbstzweck wird und den Menschen aus dem Blick verliert.

Beispiel?

Schauen Sie meine Laufbahn an. Zuerst gab es für mich Sozialuto­pien – den Traum von einer besseren Gesellschaft. Verbunden mit der Revolte in den 60er-Jahren, hatte ich eine antiautoritäre Utopie. Daraus folgend, gab es für mich die grüne Utopie, das heisst die Vision, dass man Politik auch anders machen kann. Dann die europäische Utopie. Die Ziele mussten stets neu verhandelt werden, damit sie nicht auf Abwege geraten.

Abwege? Meinen Sie damit etwa den Terrorismus?

Absolut. Der Versuchung der Radikalisierung bis zur Gewalt hin bin ich klar entgegengetreten. Durch das Diskutieren, das Gegeneinanderabwägen kann man Dämonen im Zaum halten.

Sie haben aber immer ­provoziert. Führt Provokation nicht auch zu Gewalt?

Nein. Die Provokation zielt nicht auf die Vernichtung des anderen, im Gegenteil, sie will sich mit ihm auseinandersetzen. In den 70ern war meine Lust am Provozieren aber so stark, dass sich diese Haltung verselbstständigt hat – zum Dämon wurde. Ich wollte immer noch eins draufsetzen.

Etwa in der französischen ­Kultursendung «Apostrophe» von 1982. Sie sagen da, dass Sie ein Haschischbiskuit intus hätten und erzählen, wie Sie im antiautoritären Kindergarten mit Kindern Sexualität entdecken würden.

Sehen Sie, nein! Sie schildern das falsch. Nicht wie ich, sondern wie die Kinder die Sexualität entdecken! Das ist nicht das Gleiche. In dieser Sendung erzähle ich, wie die Kinder ihre Sexualität entdecken, und mokiere mich über die Reaktionen der Erwachsenen darauf.

Ähnliches beschrieben Sie 1975 in Ihrem Buch «Der Grosse Basar», das seit einigen Jahren unter Verdacht steht, pädophile Handlungen zu ­verherrlichen.

Eines mal vorweg: Diese Passagen waren nicht so gemeint, wie sie heute interpretiert werden. Überhaupt, das ganze Buch war nicht so gemeint, es war auch nicht nur Provokation, es gibt darin Kapitel über jüdische Identität in Israel, ein Thema, das mich heute wieder beschäftigt. Das Buch hat übrigens, als es herauskam, niemanden provoziert, es war überhaupt kein Skandal.

Inzwischen weiss die Gesellschaft aber viel mehr über den Missbrauch von Kindern. Es gab damals Opfer, Kinder, die nicht beschützt worden sind.

Ja, das ist empörend und sehr traurig. Aber ein Teil der Öffentlichkeit geht in diese Auseinandersetzungen nicht mit der Haltung «Versuchen wir zu verstehen, was da wirklich war oder nicht war», sondern mit der Haltung «Jetzt müssen wir ganz klar ein Urteil sprechen».

Mit scharfen Urteilen hat die Generation der 68er auch nicht gerade gegeizt.

Das stimmt. Es kann schon sein, dass das jetzt eine Retourkutsche ist. Ein Urteil, das jedes Argument zum Schweigen bringt.

Wie gehen Sie damit um?

Es hatte mich am meisten getroffen, als ich den Theodor-Heuss- Preis letztes Jahr bekommen habe und es in Stuttgart eine Demonstration gegen mich gab. Es hiess, man könne diesen Preis für freiheitliche Gedanken nicht einem wie mir geben.

Haben Sie das nicht erwartet?

Nicht in dieser Heftigkeit. Da ging es nicht mehr um den Text, da sollte plötzlich bewiesen werden, dass er einer pädophilen Realität entspricht. Was aber nie bewiesen werden konnte, weil es da keine gab. Da gab es meinerseits weder Gelüste noch Taten.

In der Schweiz wird bald über eine Initiative abgestimmt, die für Pädophile ein Berufsverbot für Arbeit mit Kindern fordert. Wie würden Sie stimmen?

Wohl dafür. Grundsätzlich ist es richtig: Wenn jemand pädophil ist, soll er nicht mit Kindern arbeiten. Das Problem liegt aber woanders.

Wo liegt es?

Man konzentriert sich dadurch auf Pädophile, die man durch ein Berufsverbot von den Kindern fernhalten kann. Dabei geht die Tatsache vergessen, dass die Mehrheit der pädophilen Täter Familienangehörige sind: Onkel, Väter. Das reale Problem umreisst eine andere Frage: Darf jemand, der begründet der Pädophilie verdächtigt wird, Vater werden?

Sie sagen: begründet. Heute wiegt auch ein unbegründeter Verdacht schwer.

Das stimmt. Darum wollen etwa in Deutschland immer weniger junge Männer Grundschullehrer werden oder in Kindergärten arbeiten. Ein Schüler meiner Frau hat ein Praktikum im Kindergarten gemacht. Er war begeistert, und die Leiterin hat ihn toll gefunden, aber gesagt, dass sie in Zukunft keine Männer mehr einstelle. Warum? «Weil wir aufpassen müssen.» Wir leben in einer Verdachtsgesellschaft. Spontane Zärtlichkeit den Kindern gegenüber ist gefährlich geworden.

«Du musst deine Freundin anders lieben», schrieben Sie in einer Schrift aus den 60er-­Jahren. Was meinten Sie damit?

Was weiss ich, was ich damals meinte. Aber heute vergisst man, wie verklemmt diese Gesellschaft damals war. In Frankreich brauchte eine verheiratete Frau die schriftliche Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollte. Bis 1973 war Homosexualität unter Strafe verboten. Es ging uns darum, ein offeneres Verhältnis zu Sexualität und Liebe zu entwickeln und nicht ein Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau.

Ihr eigenes Leben verläuft in Bahnen, die dem Ideal eines braven Bürgers entsprechen – man hört nichts von Exzessen oder Affären.

Ich habe es immer abgelehnt, aus meinem Privatleben Politik zu machen. Ich war keiner kommunistischen Sekte verfallen, Gewalt habe ich immer abgelehnt, und als ich der erste Multikultur-Dezernent in Frankfurt war, machte ich trotz meiner Radikalität immer vernünftige Politik. Ich kann nicht mit Joschka Fischer oder Gerhard Schröder gleichziehen, die vier-, fünf-, sechs- oder siebenmal geheiratet haben.

Ihr Weggefährte Joschka ­Fischer hat mal gesagt, dass es Ihrem Einfluss zu verdanken war, dass die Frankfurter Sponti-Szene sich weitgehend aus der RAF heraushielt. Empfanden Sie diese Versöhnlichkeit als einen Kompromiss?

Ja, im guten Sinne. Ich bin ein durch und durch kompromisssüchtiger Mensch.

Sie sind kompromisssüchtig? Verzeihen Sie, wenn ich überrascht bin.

Doch, doch. Schon 1968, als ich anfing, war das meine Stärke. Ich wollte immer alle mitnehmen. Ich sagte nicht: Die Radikalsten haben recht. Es gab Menschen, die in der Bewegung mitgemacht haben und nicht gleich eine revolutionäre Gesellschaft wollten. Ich wollte, dass die auch mitkommen.

Darum die Gewaltablehnung?

Nein, die ist ein Instinkt. Das hängt mit meiner Geschichte zusammen, also der Emigration meiner Eltern und einer tief sitzenden Angst vor der Vernichtung. Wenn ich einen Film über die Nazizeit sehe oder über die Lager in der Sowjetunion, muss ich mich sofort fragen: Was wäre gewesen, wenn du nicht 1945, sondern 1935 oder 1930 geboren worden wärst?

Ihre Eltern sind noch vor dem Krieg aus Deutschland nach Frankreich emigriert?

Ja, 1933. Mein Vater war Rechtsanwalt – der Linken. Nach dem Reichstagsbrand hat er einen Tipp bekommen, dass er verhaftet werden sollte. Er ist dann nach Frankreich gekommen. Meine Eltern führten da ein Heim für jüdische Kinder, deren Eltern deportiert worden waren. Nach dem Krieg hatten sie dann ein Kinderheim in der Nähe von Paris.

Kam daher Ihre Affinität zum Kindergärtnerberuf?

Das ist eine mögliche Überlegung. Später war meine Mutter Wirtschaftsleiterin in einem jüdischen Gymnasium, wo ich immer als Kind hinging. Im Sommer machte sie Sommerlager im Elsass. Ich war also immer in einem Kinderkollektiv.

Ihre Frau, mit der Sie seit 33 Jahren das Leben teilen, ist auch eine Lehrerin.

Ja. Wenn wir über unsere Kinder diskutieren – meine Frau hat einen Sohn aus einer anderen Ehe, und wir haben einen gemeinsamen Sohn, der jetzt 23 Jahre alt ist –, stellen wir fest, dass ich der Teil bin, der «overprotective» ist. Ich bin eine richtige «jüdische Mamme». Bis heute telefonieren mein Sohn und ich fast jeden Tag. Bei einer Frau würde man sagen: Kann die nicht loslassen?

Was studiert Ihr Sohn?

Wirtschaftswissenschaften. Nicht BWL, sondern Volkswirtschaft. Da wird man nachher einer wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman.

Hat er das vor?

Nein, um Gottes willen. Er studiert, hat einen Fussballverein gegründet. Das war, als er 18 oder 19 Jahre alt war, so eine Provokation, die er auf den Tisch legte.

Mit Provokationen kann man auch Zuneigung ausdrücken. Muss man Ihre Äusserungen gegen die Schweiz auch in ­diesem Sinne verstehen?

Ich äussere mich gegen die Schweiz?

Sie sagten, im Steuerstreit hätte die Schweiz idiotisch ­reagiert, die Minarettabstimmung bezeichneten Sie als schändlich, und jetzt prophezeien Sie, dass sie nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative auf den ­Knien zu Europa zurückrutschen werde.

Ja, gucken Sie mal, die Minarettgeschichte. Drei Minarette gab es. Drei! Sie konnten das in Europa gar nicht erklären. Oder wie lange hat sich die Schweiz gesträubt und das Bankgeheimnis verteidigt. Das war die Verteidigung des organisierten Weisswaschens von dreckigem Geld.

Die Grenzen Europas sind noch viel dichter als die der Schweiz – siehe Lampedusa.

Aber davon profitiert doch die Schweiz auch! Machen Sie es sich nicht so einfach! Dagegen kämpfen wir ja, wir Grünen, gegen dieses Bollwerk Europa. Und deswegen wollen wir es nicht auch noch im Inneren.

Gibt es etwas, das Sie an der Schweiz bewundern?

Ich habe über die direkte Demokratie viel Lobendes gesagt. Wenn die Schweiz über die Kernkraftwerke demokratisch abstimmt oder über Kampfflugzeuge, völlig in Ordnung. Wenn aber in mehreren Volksentscheiden das Frauenstimmrecht abgelehnt wird, halte ich das für dümmlich.

Frauenstimmrecht! Ist auch schon eine Weile her.

Historische Prozesse sind langsam. Die Französische Revolution und die Erklärung der Menschenrechte waren 1789. Frankreich hat danach 150 Jahre gebraucht, um das Wahlrecht für Frauen einzuführen.

Angesichts der kommenden Bedrohungen, müsse Europa zusammenhalten, haben Sie letzte Woche in Brüssel gesagt.

Angesichts der Globalisierung. Kein Nationalstaat ist in der Lage, sich gegenüber der Globalisierung zu wehren, weil die Märkte stärker sind. Wenn in 30 Jahren Brasilien, Indonesien, Mexiko, Indien, China, Russland und die USA an einem Tisch sitzen werden, um globale Entscheidungen zu treffen, wird keiner der europäischen Nationalstaaten allein mithalten können. Ein vereintes Europa schon.

Doch Sie selbst ­hören als Europaparlamentarier auf – letzte Woche haben Sie in ­Brüssel Abschieds­party gefeiert.

Und auch meinen 69. Geburtstag. Ich war 20 Jahre im Europaparlament. Das politische Personal muss sich erneuern. Vor drei Jahren hatte ich zudem an der Schilddrüse einen Knoten. Das war für mich ein Schock.

Die Krankheit ist überwunden?

Ja, die Schilddrüse konnte entfernt werden, aber mir wurde bewusst, dass ich auf meinen Körper hören muss. Die Arbeit als Europa­abgeordneter ist anstrengend. Man ist abends in Rom, am nächsten Morgen in Brüssel.

Was haben Sie nun vor?

Eine Brasilienreise; ich werde einen Dokumentarfilm über die Fussballweltmeisterschaft drehen.

Planen Sie auch kulturelle ­Projekte in der Schweiz? Hier hat man Sie als «Literaturclub»-Leiter noch in bester Erinnerung.

Ich habe es sehr gern gemacht – neun Jahre lang. Ich hatte da einen Trick. Ich gab nicht den Oberliteraturkritiker, sondern ich sagte: Ihr seid alle besser als ich. Das Problem der «Literaturclub»-Leiter ist, dass die immer beweisen wollen, dass sie die Besten sind. Das ist unangenehm.

Sie haben von Ihrem ­Mitstreiter Peter Hamm oft Schelte bekommen.

Ja, er sagte: «Du bist jetzt unter der literarischen Wahrnehmungsgrenze.» Ich mag mich an die Auseinandersetzung um Susanna Tamaros Buch «Geh, wohin dein Herz dich trägt» erinnern. Meine Sendungskollegen waren entsetzt, die fanden das kitschig. Ich habe aber Briefe von Zuschauerinnen erhalten: weiter so! Und: danke.

Sind Sie weiterhin ein Leser?

Ja, aber ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehr sein wird. Meine Frau hat mir zum Geburtstag die Tagebücher der Gebrüder Goncourt geschenkt. Das ist gehobener Klatsch. Herrlich.

Sie mögen Klatsch?

Aber ja. Es ist wunderbar, etwas – in Anführungszeichen – Unsinniges zu lesen. Es sind zehntausend Seiten. Da kann man sich gegenseitig vorlesen. Einfach nur aus Spass.

 

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Kunst

Pilets Affen

Pilets Affen

Ewa Hess | 16. Februar 2014 – 19:40

Ich traf den Lausanner Künstler Guillaume Pilet und die Kuratorin Sabine Rusterholz in den schönen Räumen des Kunsthauses Glarus. Mitten unter den Affen, und zwischen den Bildern, die Gitter zeigen, unterhielten wir uns über die Freiheit, ein Mensch zu sein. Der junge Künstler – erst 29 – hat ein beeindruckendes Universalwissen. Hier mein Text zu seiner Ausstellung, veröffentlicht am 16.2.2014 in der Sonntagszeitung.

Nachhilfe im Menschsein
Was macht der Affe im Museum? Er trinkt Tee. Aus feinstem Porzellan. Dabei spreizt er aber nicht den kleinen Finger ab, sondern benimmt sich ungebührlich. Er schnappt sich die Teekanne und giesst sich das bernsteinfarbene Elixier der Zivilisation direkt ins freche Mäulchen hinein.

«Zoo Manners» heisst die Skulptur des Lausanners Guillaume Pilet, welche den äffischen Schabernack in gewollt grob geformter Keramik abbildet. Solche Teestunden mit Affen, sagt Pilet, ein ernsthafter junger Mann mit Bart, habe es im Londoner Zoo in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts jeden Tag gegeben. Die Krux dabei war, dass die Affen zu schnell lernten. Nach einigen Vorführungen waren die klugen Tiere bereit, die Tassen sitzend zum Mund zu heben. Das Publikum fand es aber weniger witzig, weshalb die Wärter den Primaten ihre guten Manieren wieder abtrainieren mussten.

Solche Paradoxien im Verhältnis des Menschen zu seinem nächsten Verwandten sind für den Künstler ein gefundenes Fressen. Seit zwei Jahren schon lassen ihn die Affen nicht los. Er sammelt alles: von Postkarten bis zu den Schriften des amerikanischen Verhaltensforschers Harry Harlow. Einen Teil dieser Sammlung hat er in seiner Ausstellung im Kunsthaus Glarus ausgebreitet.

Auf grob gezimmerten Regalen liegen die Zeugen des unentwegten menschlichen Interesses an seiner haarigen Vorstufe: Bücher der Forscherinnen Jane Goodall, Dian Fossey oder Francine Patterson, Spielzeuge in Affenform, Kassetten mit der filmischen Trilogie des «Planeten der Affen» sowie unzählige Ausgaben der Zeitschrift «National Geographic», auf deren Umschlag ein fotografierender, malender oder herzzerreissend dreinschauender Affe prangt.

«Nicht ich bin von den Affen besessen», sagt Pilet, «die Menschen überhaupt sind es.» Sowohl in der Populärkultur wie in der hohen Kunst: lauter Affen. Pilets Erklärung dazu: Indem wir die Affen beobachten, erkennen wir unser eigenes Verhältnis zur Zivilisation. Darum ist es uns oft lieber, wenn wir über die tollpatschigen Vettern lachen können.

Bei seiner eigenen Auseinandersetzung mit der Affenforschung geht Pilet wie ein Künstler, nicht wie ein Wissenschaftler vor: Er fantasiert sich seinen eigenen Affen. Meistens spielt diesen sein Kollege in einem Affenkostüm. Daraus entstehen Experimentalfilme wie etwa «I ape therefore I am». In diesem stellen die beiden Darsteller – Pilet als Forscher, der Kollege als Affe – die berühmten Harlow-Experimente nach.

Darin werden etwa die Affenkinder verschiedenen Mutterfiguren zugeführt. Eine ist weich, die andere gibt Nahrung. Interessanterweise wählen die Affenbabys die weiche Mama. Daraus schloss damals Harlow, dass Kinder, auch menschliche, Zuneigung und Berührung der Mutter dringender noch als Nahrung brauchen. Ein Schlag ins Gesicht der in den 50er-Jahren modischen «Hygienisten», welche Kinder in aseptische Kammern sperren wollten.

Lieben lernen, «Learning To Love», nennt Pilet darum seine Ausstellung in Glarus, die seine erste museale Einzelschau ist. In dem schönen kleinen Kunsthaus am Fuss des Tödi hat schon manche Künstlerkarriere begonnen: Urs Fischer stellte hier aus, auch Ugo Rondinone.

Pilet ist nebst seiner Studienkollegin Claudia Comte ein herausragender Repräsentant der neuen Lausanner Künstlerszene. Diese hat sich um die Künstler John Armleder, Philippe Decrauzat und Stéphane Dafflon gebildet, die an der Lausanner Kunsthochschule als Professoren tätig sind. Bis 2016 will Pilet sein grosses Projekt «Learning From Aping» zu Ende bringen. Bis dann werden seine Affen, ob aus Keramik oder im Kostüm, der Welt noch einige höchst vergnügliche Lektionen erteilen.

«Learning To Love», Kunsthaus Glarus, bis 4. Mai

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Kunst

Vincents Rückkehr nach Arles

Vincents Rückkehr nach Arles

Ewa Hess | 14. April 2014 – 11:01

Vincent van Gogh hat in Arles die fruchtbarsten Jahre seiner Künstlerlaufbahn verbracht. Doch er hatte wenig Freunde, die Bürger der Stadt wollten den Störefried so schnell wie möglich wegschicken. Wenn also jetzt Touristen nach Arles kommen, um auf Van Goghs Spuren zu wandeln, finden sie: nichts: Das gelbe Haus abgebrochen, das gelbe Kaffee eine Touristenfalle, und keine Werke weit und breit. Das heisst, es war bis jetzt so. Jetzt wird alles anders. Denn die neueröffnete Fondation Vincent van Gogh in Arles macht eine Rückkehr Vincents in die Stadt der starken Farbkontraste möglich. Ich war dort, habe die Bewohner und die Ermöglicher gesprochen. Hier mein Bericht.

(veröffentlicht in gekürzter Form in der SonntagsZeitung am 6.4.2014)

Es ist die gleiche Sonne. Damals traf sie den düster dreinblickenden Neuankömmling mitten in die Pupille. Dreizehn Monate blieb er danach in Arles. Eine Zeit, die in den Kunstgeschichtsbüchern gern mit Ausrufzeichen versehen wird: 189 Bilder! Hunderte von Zeichnungen! Ausbruch der Farbe!

Warum Vincent van Gogh am 20. Februar 1888 nach Arles kam, weiss man nicht. Er wollte eigentlich nach Marseille. Warum gerade hier dem gequälten Genie der Knopf aufging, kann man auch nur vermuten. Jedenfalls, alles, was er suchte, brach hier aus ihm heraus. Manisch malte er, Bild um Bild, ohne Unterbruch. Die Sonnenblumen, das gelbe Haus, das nächtlich erleuchtete Café. Es war eine Offenbarung.

Es ist die gleiche Sonne, am 26. März 2014 knallt sie wieder mit dem ganzen Ungestüm des Frühlings auf die alten Mauern des Städtchens, auf die Ruinen des Amphitheaters, leuchtet schräg in die engen Gassen. Vor dem Hôtel Léautaud de Donines hält ein schwerer Panzerwagen. Unter den Blicken der dunkel uniformierten Sicherheitsleute laden Kuriere gelbe Kisten aus. Vincent van Gogh kehrt zurück nach Arles.

«Arles hat immer noch ein Van Gogh Trauma», erzählt Bice Curiger, während die Bilder, die aus Amsterdam, Paris und Zürich kommen, in den Kisten aufs Auspacken warten. Die Zürcher Kuratorin, bis vor Kurzem für die Gegenwartskunst am Kunsthaus Zürich verantwortlich, ist schon seit fast einem Jahr in der provenzalischen Stadt am Einrichten. «Die Stadt schämt sich, dass ihre Bürger damals den irren Maler einfach nur los werden wollten». Kein einziges der unerschwinglich gewordenen Bilder ist in den Familien der allzu aufrechten Bürger geblieben.

Endlich kann Arles jetzt die Schande vergessen. Muss den auf den Spuren Van Goghs anreisenden Touristen nicht mehr erklären, dass es hier nichts, aber gar nichts Vangoghsches zu sehen gibt: Sein gelbes Haus abgebrochen, sein Lieblingscafé verkauft und kein einziges Bild im Museum. Dass diese Zeit nun zu Ende ist, hat Arles einem Menschen zu verdanken, der wie einst der Maler aus dem Zug stieg und blieb. Anders als Van Gogh war das kein armer Schlucker. Sondern ein Hoffmann, wie Hoffmann-La Roche. Luc Hoffmann, der Enkel des Firmengründers.

Luc war das stille Kind des Pharmamagnaten Emanuel Hoffmann. Seit den Schultagen schlug sein Herz für die Natur, die Vögel. In die Camargue folgte er dem Ruf der Flamingos, deren Habitat von der Landwirtschaft bedroht war. Als er später heiratete und eine Familie gründete, liess er sich in der Gegend der starken Lichtkontraste ganz nieder. Er rettete den Camarguer Naturpark als der Umweltschutz noch nicht mal einen Namen hatte und hob, nicht ohne sein immenses Vermögen grosszügig in die Wagschale zu werfen, den WWF aus der Taufe.

«Van Gogh wurde in Arles das gleiche Schicksal zuteil wie dem Schwemmland», lässt der 91-jährige Medienscheue an die Presse ausrichten. «Nach langer Vernachlässigung wird nun endlich dessen entscheidende Rolle im Wirken der Natur anerkannt. So ist auch Van Gogh, insbesondere wegen des Schaffens aus seiner Zeit in Arles, als Wegbereiter der Moderne und der zeitgenössischen Kunst angesehen». Langer Rede kurzer Sinn: 2010 schenkte Luc Hoffmann der Stadt die nötigen Mittel, um den bestehenden Verein Van Gogh in eine Stiftung umzuwandeln, die ein Museum betreiben kann. Wie viel es war, weiss man nicht, doch allein schon die Verwandlung des historischen Patrizierhauses aus dem 15. Jahrhundert in ein modernes Musentempel kostete 11 Millionen Euro.

In dem vom französischen Archtekten Guillaume Avenard auf Schweizer Standard getrimmten Haus herrschen die kunstfreundlichsten Verhältnisse. Endlich lassen sich die grossen Museen dazu bewegen, Bilder nach Arles zu leihen. Zur Eröffnungsausstellung kommen schon mal ihrer zehn. Mindestens eines pro Jahr ist auch in Zukunft vertraglich versprochen. Um die Veranstaltung noch weiter anzureichern, wird auch die zeitgenössische Kunst ins Konzept eingebunden. Man stellt die Kunsthaus-Spezialistin und ehemalige Biennale-Dompteurin Bice Curiger an, um den Geist Van Goghs mit den Werken der heutigen Kunsthelden in die Zukunft zu extrapolieren.

Die Stadt empfängt die Initiative Hoffmanns wie man Manna vom Himmel auffängt. Die Wirtschaftskrise traf das das schöne Arles mit der Wucht eines wilden Mistrals. 5000 Industriestellen sind innerhalb von einem Jahrzehnt verschwunden. Die Werkstätten der SNCF sind weggezogen, und auch die hier ansässige Papier- und Metallverarbeitungsindustrie wanderte in Billiglohnländer ab. Von den 53 Tausend Einwohnern zahlen 60 Prozent keine Steuern. Arbeitslosenquote liegt bei 14 Prozent, das ist weit über dem französischen Durchschnitt.

Touristen, die einzige verbliebene Einkommensquelle, bewundern zwar immer noch die romanische Kathedrale St. Trophime, die römischen Ausgrabungen, die mittelalterlichen Gässchen – doch die Fondation Van Gogh schafft Stellen. Ihrer 40 sind es schon jetzt. Die Beschäftigung für lokale Handwerker zählt vielfach.

Endlich naht der Moment: man darf die Bilder aufhängen. Die Wände wurden vom britischen Künstler Gary Hume in den Tönen der holländischen Pallette farblich vorbereitet. Gedämpft, doch strahlend: Wie Van Goghs «Kartoffelesser» mit einem Schuss Absinth. «Farben des Nordens, Farben des Südens», heisst die erste Ausstellung sinnig. Sie soll zeigen, wie die Sonne der Provence die Leinwände des grossen Autodidakten aufhellte.

Die parallel stattfindende Schau «Van Gogh Live» muss sich daneben keinewegs verstecken. Es ist die Crème de la Crème der zeitgenössischen Kunst, die Bice Curiger hier mit feiner Hand arrangiert. Auch viele Schweizer: eine wundersame Glasinstallation von Raphael Hefti streut farbige Reflexe ins ganze Haus, Fritz Hausers akustisch-optische Scratch-Installation belebt das Treppenhaus und auch Thomas Hirschhorn hat sich ein köstliches Thema für seine lückenlos raumfüllende Installation einfallen lassen: Sie stellt dar, wie es im Kopf eines japanischen Teenagers aussehen könnte, der gleichermassen für Mangas und Van Gogh schwärmt.

Während «Das Gelbe Haus» unter der Aufsicht des Museumsdirektors aus Amsterdam an die Wand gehängt wird, schweigen die wenigen zugelassenen Anwesenden andächtig. Eine Stunde später bricht Françoise Nyssen beim Anblick des auf dem iPhone festgehaltenen historischen Moments in Tränen des Glücks aus. Die Chefin des hier ansässigen Verlags Actes Sud (zwei Prix-Goncourt-Träger und die bestverkaufende Stig-Larssen-Trilogie im Programm) ist für die Initiative Hoffmanns des Lobes voll. Auch ihr Vater, der Verlagsgründer Hubert Nyssen, ein gebürtiger Belgier, kam aus Paris nach Arles und blieb hängen. «Arles braucht Menschen, die an die Zukunft glauben. Und ich glaube aus tiefsten Herzen an die Kraft der Zusammenarbeit», sagt die Arles-Lokalpatriotin.

Mit der Zusammenarbeit spielt sie an eine weitere Initiative der Familie Hoffmann in Arles. Bei dieser ist nicht Vater Luc, sondern die Tochter Maja federführend. Gleichzeitig mit der Eröffnung der Fondation Van Gogh im Stadtzentrum wird an ihrem Rand, auf dem Gelände der ehemaligen SNCF-Werkstatt der Grundstein eines Baus der Superlative gelegt. Nicht private 11, sondern 100 Millionen Euro stehen bei dieser kühnen Initiative zur Verfügung. Im Zentrum des «Parc des Ateliers» genannten Projekts wird ein bereits an Bilbao erprobter Touristenmagnet errichtet: ein silbern schimmernder, geometrisch verwinkelter Prunkbau Frank Gehrys.

Das Konzept des «Parcs» klingt so futuristisch, als ob es einem Science-Fiction-Roman entstammen würde. Ein experimenteller Kultur- und Wissenschaftscampus wird hier vorbereitet. Vage verbunden mit dem bekanntesten kulturellen Asset Arles’, dem Photographie-Festival «Rencontres», soll Gehrys Gebäude und das herum entstehende Atelierkomplex die Künstler und die Wissenschafter im Zeitalter der virtuellen Vernetzung auch örtlich zusammenbringen und zur Weltverbesserung inspirieren. Actes Sud hat sich schon eine Bürofolge auf dem Campus reserviert.

«In den kommenden Jahren wird «Parc des Ateliers» als ein Beschleuniger auch der wirtschaftlichen Entwicklung der Region funktionieren», sagt Hervé Schiavetti, der soeben wiedergewählte Bürgermeister von Arles. Während in ganz Frankreich, und ganz besonders hier im Süden, Marine Le Pens Front National in den Kommunalwahlen ganze Landstriche für sich gewann, erreicht Schiavetti, der Kommunist, in Arles die traumhafte Quote von 47 Prozent, den rechten und den extrem rechten Kandidaten weit hinter sich lassend. Sein Erfolgsgeheimnis heisst Hoffmann. Jedermann weiss, wie gut sich der rote Hervé mit der Spenderfamilie versteht. Nicht selten speist er am Sonntagmittag bei ihnen. Schon früh hatte er die Weitsicht, die einträglichen Privatinitiativen willkommen zu heissen.

So ist das schöne Hôtel Léautaud de Donines, in dem Van Gogh jetzt seine triumphale Rückkehr nach Arles feiern kann, eine mietfreie Gabe der Gemeinde. «Die Hoffmanns sind für uns Arlesiens keine Fremden», ruft Schiavetti in die Menge an einer Versammlung kurz vor der zweiten Runde der Wahlen am vergangenen Sonntag. «Luc Hoffmanns Kinder gingen hier zur Schule, im Dorf Le Sambuc und in Arles. Ich werde mein Möglichstes tun, damit private und öffentliche Initiativen harmonisch zusammengehen».

Schon heisst es in der Pariser Presse, Schweizer Milliardäre haben in Arles dem Kommunisten den Kopf gerettet. Stimmt wohl nicht ganz, denn wenn Schiavetti in Arles etwas vorgeworfen wird, dann dass er sich nur noch auf die Wunderprojekte der Hoffmanns verlässt. «Er weiss, warum ich in der ersten Wahlrunde nicht für ihn gestimmt habe», sagt Anne Igou, die umtriebige Besitzerin des Hotels Nord Pinus, in dem Picasso während der Stierkampf-Saison wohnte. In der zweiten Runde allerdings wollte seine Nicht-Wiederwahl in Arles kaum jemand mehr riskieren, denn nicht nur Anne Igou schwärmt für die Familie. «Maja ist eine Macherin», sagt die Hotelière, «was sie sich in den Kopf gesetzt hat, das führt sie aus». Mit Kulturengagements in New York, London, Paris, Basel und Zürich beweist die Sammlerin, Filmemacherin und Mäzenin Maja Hoffmann, dass in ihrem Kopf einiges Platz hat.

Vorerst einmal wird in Arles ein Stadtfest gefeiert. Van Gogh ist zurück, die Neugierigen strömen aus ganz Frankreich und Europa zur Feier. Frank Gehry legt den Grundstein seines Wunderbaus und hält Hof im Nord Pinus. Selbst François Hollande schickt ein Grusswort. Für eine besondere Note der musikalischen Unterhaltung hat Bice Curiger auch gesorgt: Vor der Fondation sitzt eine resolute alte Akkordeon-Spielerin und schmettert «La vie en rose».

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Fotografie

Steidl und Keel

Steidl und Keel

Ewa Hess | 13. Januar 2014 – 23:58

Am Sonntag zur Zeit des Kirchgangs habe ich im Rahmenprogramm der Messe Photo 14 die schöne Aufgabe, ein Gespräch zwischen zwei grossartigen Verlegern zu moderieren, die auch Künstler sind. Philipp Keel hat als Künstler bei Steidl den wunderbaren Band «Color» herausgebracht. Gerhard Steidl ist ein Druck- und Verlagskünstler, denn seine gemeinsam mit den grössten Fotografen unserer Zeit (Robert Frank, William Egglestone, Ed Ruscha, Jeff Wall, Joel Sternfeld, Alec Soth und viele andere) entworfenen Fotobücher sind allesamt Kunstwerke. Fotografin und Autorin Monica Beurer (die auch als Monica Boirar veröffentlicht) sass im Publikum und hat diesen Bericht über diese Begegnung verfasst:

@ Monica Boirar (erschienen auf FotoIntern)

Zwei Verleger ersten Ranges waren an der photo14 in der Maaghalle Zürich geladene Gästen des photoFORUMs. Gerhard Steidl und Philipp Keel unterhielten sich gestern Mittag mit Ewa Hess, Leiterin Kulturressort der Sonntags-Zeitung.

Autoren seien schwierige Menschen. Darüber waren sich Gerhard Steidl und Philipp Keel im Gespräch mit Ewa Hess einig. Der Sohn von Daniel Keel, Autor, Künstler und Filmemacher, der nach dem Tod seines Vaters, Gründer des Diogenes-Verlags, 2011 nun selbst Verlagsleiter geworden ist, erinnerte sich, wie schwierig er in der Rolle des Künstlers bei der Realisierung seines ersten Fotobuchs im Steidl Verlag gewesen sei. Das ausgiebige Gezänke zwischen ihm und Gerhard Steidl um die konkrete Umsetzung habe nicht drei Wochen, wie es Steidl zuerst geschildert hatte, sondern insgesamt drei Monate gedauert.

Keels erster Bildband «Color», 2004 bei Steidl publiziert, aus dem im Verlauf des Abends rund drei Dutzend farbige Fotografien via Beamer-Projektion gezeigt wurden, ist mittlerweile vergriffen. Steidl, der sich als 18-jähriger von Andy Warhol die Technik des Siebdrucks hatte erklären lassen, in jungen Jahren Assistent bei Joseph Beuys gewesen war, weiss seine eigene Kreativität für das Verlagsgeschäft offenbar erfolgreich zu nutzen. Im Bewusstsein, dass hinter einem fotografischen Projekt oft eine jahrelange Arbeit stecke, befrage er die Autoren zuallererst nach deren Vision. Erst dann gelte es, Ideen zu entwickeln bezüglich des passenden Formats und Papiers. Mit seinem aussergewöhnlichen Verlagshaus – die Druckerei befindet sind im selben Haus, einen Stock unterhalb der Büroräumlichkeiten – hat sich Steidl ein kleines Imperium erschaffen. Hier sei er nicht der König, wie es Hess ausdrückte, sondern der Diktator, meinte Steidl. Der Geruch der Druckerfarbe sei die süchtig machende «Droge».

In einer Schaffenskrise habe Karl Lagerfeld ihm die beste Antwort gegeben bezüglich Sinn und Zweck der mit ihm zusammen realisierten Fotobücher. Es gelte, Atmosphäre zu verkaufen. Steidl verglich das Erlebnis «Fotobuch» mit einem Theaterabend und möchte die Leute für ein paar Stunden verzaubern. Ähnlich denkt auch Philipp Keel. In seinem belletristischen Verlag sei der Vorhang zu Beginn und am Ende etwas anders, aber auch er wolle die Leute gut unterhalten, bei Diogenes natürlich mit spannenden Geschichten.

Nach der Qualität der freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Verleger und den Autoren befragt, stellt Keel fest, dass er, seit er Verlagsleiter sei, ein permanent schlechtes Gewissen habe, weil ihm die Zeit fehle, seine Versprechungen, wieder einmal anzurufen, einzuhalten. Mehr als eine Arbeitsbeziehung wolle er mit seinen Autoren auf gar keinen Fall eingehen, sagte Steidl, auch nicht mit Günter Grass, dessen weltweite Rechte er an seinen Werken besitzt und mit der «Blechtrommel», die in Übersetzungen noch immer einige hunderttausendmal pro Jahr verkauft werde, viel verdiene. Nach dem Wunsch von Grass fliesse von den Einnahmen auch etwas Geld in die Förderung junger Talente. Das Beschränken der freundschaftlichen Beziehung auf eine Arbeitsbeziehung sei, so Steidl, eine sehr gute Methode, um über Jahrzehnte hinweg über die Runden zu kommen. So habe Grass beispielsweise versucht, ihn zu verheiraten. Das habe allerdings nicht geklappt.

Eine aus dem Publikum gestellte Frage im Anschluss an das moderierte Podiumsgespräch entlockte Steidl ein paar interessante Zahlen aus seinem Verlagsalltag. Der bei seinem berühmten Fotobuchverlag offenbar abgeblitzte Fotograf fragte nach einem Erfolgsrezept, um sein Buchprojekt doch noch realisieren zu können. Jährlich erhalte er etwa 2‘000 Angebote für Bücher, darunter seien 300 bis 400, die er gerne machen würde, mehr als 20 bis 30 Debütautoren könne er bei seiner Jahresproduktion von 220 visuellen Büchern nicht berücksichtigen, sagte Steidl. Schliesslich gelte es vor allem auch, neue Bücher von Autoren zu veröffentlichen, mit denen er teilweise bereits über mehrere Jahrzehnte hinweg gut und gerne zusammenarbeite. Vom Drucken im Eigenverlag rate er dringend ab. Bei erfolgloser Suche, sei es besser, das Projekt ganz fallen zu lassen.

Philipp Keel ermutigte den Fragesteller aus dem Publikum, bei seiner Suche auf jeden Fall hartnäckig zu bleiben. Mit gutem Beispiel voran, nutzte Keel selbst die Gunst der Stunde und übergab Gerhard Steidl vor den Zuschauern, als hilfreiche Zeugen, einen Umschlag mit dem Buch-Dummy seines neuen Bildbandes. Gerhard Steidl könne nun nicht mehr sagen, die Maquette sei wohl irgendwo in seinem Verlag liegengeblieben und er habe sie noch gar nicht gesehen. Ob sich der Eigentümer und Geschäftsführer des bekannten Göttinger Verlags diesem öffentlichen Druck fügen wird oder das neue Projekt von Philipp Keel nun erst recht für längere Zeit in die Warteschlaufe legt, wird sich weisen. Wir warten gespannt auf den zweiten Fotoband.

www.monicabeurer.ch

 

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Festival Film

Clooney in Berlin

Clooney in Berlin

Ewa Hess | 9. Februar 2014 – 20:05

Wie konnte das so gründlich schiefgehen? Es ist George Clooneys sechster Film als Regisseur, und alle anderen waren gut. Dieser eine, «Monuments Men», der gestern an der Berlinale erstmals gezeigt wurde, ist aber ein Blindgänger. Am Schluss der Pressevorführung gab es Pfiffe. Für Clooney! In Berlin!

Dabei hat die Stadt dem Film, der um die Ecke in den Babelsberg-Studios gedreht wurde, so entgegengefiebert wie selten einem. Deutsche Vergangenheit in den Händen des Filmästheten – das konnte doch nur ein Hit werden. Doch so entschlossen alle waren, den Film über tapfere «Monuments Men», also eine Spezialtruppe der US-Kunstretter, gut zu finden, es ging nicht. Am Ende war es im rappelvollen grossen Saal des Berlinale-Palasts klar: Der einzige Moment echter Betroffenheit war, als ein Kollege mitten in der Vorführung einen Herzinfarkt erlitt und der Film angehalten werden musste.

Eigentlich hat der Film alles für einen Blockbuster

Dabei hat die Geschichte über ein Trüppchen US-Intellektueller, die in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs ihr Leben aufs Spiel setzen, um die von den Nazis geraubten Kunstwerke vor Vernichtung und Plünderung zu retten, eigentlich alles, was ein Blockbuster braucht. Erstens eine All-Stars-Besetzung, die ihresgleichen sucht. Da ist erst mal Clooney als kunsthistorischer Indiana Jones, ein Professor, der sich in einen Abenteurer wandelt. Mit von der Partie ist auch Matt Damon, mit den aus der «Bourne»-Serie bekannten imposanten Muskeln, der unbezahlbare Bill Murray mit seiner stoischen Miene, der lustige Choleriker aus «Big Lebowski», John Goodman, der charmante «Artiste» Jean Dujardin, dazu noch unser Schweizer Nachwuchstalent Joel Basman und, um dem ganzen Würze zu verleihen, die bezaubernde Cate Blanchett als eine Pariser Bilderwärterin mit Brille.

Nicht dass der Film langweilig wäre. Es ist eher, als ob es gar kein Film wäre, sondern eine Abfolge von Sketches, die nicht zu einer Erzählung zusammenwachsen. John Goodman hat im ganzen Film vielleicht zwei witzige Zeilen. Die erste ist ganz am Anfang, als sich die Architekten, Restaurateure und Designmuseumsdirektoren auf den Kriegseinsatz vorbereiten und er meint, dass mit Blindmunition geschossen wird, dabei ist es echte.

So geht es die ganze Zeit. Nicht nur mit dem Humor. Auch mit der Romantik. Cate Blanchett etwa spielt im Film Claire, die Frau, die während der ganzen Besatzungszeit in Paris das Raubkunstlager der Nazis im Museum Jeu de Paume heimlich von ihrer Position als Sekretärin überwacht und katalogisiert. Damit sie den Amis verrät, wo die Nazis den Genter Altar und die Brügger Madonna lagern, muss Damon sie erst überzeugen, dass die «Monuments Men» die Kunstwerke nicht selbst klauen. Kaum ist ihm das gelungen, öffnet sie ihren strengen Dutt und lädt ihn zum Essen ein. Sehr subtile Symbolik.

Dabei hat Clooney, der Frauenschwarm, bisher mit jedem seiner Filme bewiesen, dass zwischen seinen attraktiven Silberschläfen mehr Hirn steckt, als die meisten Männer neidvoll vermuten. Die Filme waren alle gut – und jeder von ihnen machte sich für eine Tugend stark. Denn darin ist Clooney ganz der traditionelle Mann aus den Südstaaten, mit einem warmen Empfinden für Recht und Anstand (ausser mancher seiner Freundinnen gegenüber). In «Confessions of Dangerous Mind» geisselte er – visionär – den Zynismus der US-Geheimdienste. In «Good Night, Good Luck» machte er sich für die Pressefreiheit stark, in «The Ides of March» liess er einen politischen Ränkespieler scheitern.

Bei «Monuments Men» muss dem grossen Liebhaber europäischer Kultur, die er so gerne in seiner kultivierten Villa am Comersee feiert, ein Übermass an Respekt im Weg gestanden haben. Man sieht es direkt vor sich, wie Clooney vor all diesen Rembrandts, Renoirs, Cézannes und van Eycks in Ehrfurcht erstarrt – und seinen Film vergeigt.

«Monuments Men» ab 20. Februar 2014 bei uns im Kino

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Architektur

Pritzkerpreis für Ban

Pritzkerpreis für Ban

Ewa Hess | 2. April 2014 – 14:27

Mit dem aktuellen Pritzker-Preis-Träger Architekt Shigeru Ban sprach ich vor anderthalb Jahren, als er das Meidenhaus der Tamedia baute. Ein charmanter und kluger Mann! Wir sprachen über das Bauen mit Holz und Karton, sein Vorbild Le Corbusier, die traditionelle japanische Lebensweise und einen Hut als Muster für das Dach des Centre Pompidou

von Ewa Hess

Der japanische Architekt Shigeru Ban, 56, hat Unterkünfte für die obdachlos gewordenen Menschen in Ruanda und Kobe entworfen und mit dem aus Papier erbauten Japan-

Pavillon an der Expo Hannover Geschichte geschrieben. Wir treffen den international gefragten Stararchitekten und Baumeister des neuen Medienhauses von Tamedia auf der Baustelle. Shigeru Ban, der eben aus Moskau kommt, wirft einen schnellen Blick auf die Fortschritte des Baus. Sein Gesicht bleibt undurchdringlich. Da es regnet, ist die Holzstr

uktur des Gebäudes mit einer orangen Plastikplane abgedeckt. Zumindest für die scheint er keine warmen Gefühle zu hegen. Im Gespräch merkt man allerdings schnell, dass die würdevolle Reserve nur eine Tarnung ist und dass der grosse Architekt durchaus auch zu Witzen aufgelegt sein kann.

Shigeru Ban, Sie sind berühmt für Bauten aus Papier. Aber das Haus für unser Medienunternehmenmit vielen Zeitungen bauen Sie aus Holz. Warum?

Das ist doch gar kein Widerspruch. Papier macht man schliesslich aus Holz. Betrachten Sie die Verwendung dieses Materials als eine Bewegung zurück zum Ursprung.

In Kenntnis Ihrer früherer Arbeiten haben wir uns auf einen filigranen Bau gefasst gemacht. Was man bisher sieht, ist eher eine archaisch grobe Struktur.

Sie kommt Ihnen archaisch vor? Ich sehe darin die Zukunft.

Warum?

Wussten Sie, dass bei einem Holzbau die Hälfte der CO2-Emission anfällt, verglichen mit einem Betonbau? Und nur ein Drittel dessen, was eine Stahlkonstruktion produziert. Zudem hat unser Holz schon eine Menge CO2 in Sauerstoff verwandelt, als es noch ein Baum war. Und: Es wächst im Gegensatz zu den anderen Baumaterialien nach . . .

Sie verwenden Holz aus umweltschützerischen Gründen?

Nein. Ich liebe Holz für seine Schönheit. Und es riecht so wunderbar. Als ich ein Kind war, wollte ich Schreiner werden.

Darum sind die Balken so dick?

Wieder falsch geraten! Die Übergrösse der Balken dient dem Feuerschutz.

Je mehr Holz, desto besser Feuerschutz? Klingt paradox.

Vielleicht, hat aber schon seine Richtigkeit. Wenn das Holz abbrennt, wird es zur Kohle, und Kohle hat sehr gute Feuerschutz-Eigenschaften. Nur muss man die Balken massiver als nötig machen. Dann bildet bei einem Brand die Kohle eine Schutzschicht um den Holzkern.

Die traditionellen japanischen Häuser sind ebenfalls aus Holz, stammt Ihre Begeisterung für dieses Material daher?

Nein, für mich gehört das Holz zur Schweiz.

Warum?

Weil in diesem Land die Technologie für solche Bauten am weitesten fortgeschritten ist. Auch für das Centre Pompidou in Metz habe ich mit einem Schweizer Ingenieur zusammengearbeitet, übrigens mit dem gleichen wie für Ihr Haus.

Zürich gilt im Schweizer Vergleich als langweilig in Sachen moderne Architektur.

Zu Unrecht. In Zürich steht ein Gebäude, das mich schon ganz früh als Architekt geprägt hat. Das ist der kleine Pavillon von Le Corbusier am See. Ein Stück architektonischer Experimentierlust, dem ich durchaus nacheifere.

Nicht der japanischen Bautradition? Man meint sie in Ihren klaren Linien und leichten Strukturen zu erkennen.

Diese spielt bei mir schon eine Rolle, aber sozusagen aus zweiter Hand. Während meiner Ausbildung an der Cooper Union in den USA war ich sehr begeistert von den Case Study Houses, die in den 50er- und 60er-Jahren in Kalifornien gebaut wurden. Von Architekten, die während des Kriegs aus Europa nach Kalifornien kamen, wie Richard Neutra oder Rudolf Schindler, und die ihrerseits von den Grundsätzen der japanischen Architektur begeistert waren.

Ich fragte unseren Präsidenten Pietro Supino, weshalb er Sie ausgewählt hat, um das Tamedia-Haus zu bauen.

Und, was hat er gesagt? Ich muss gestehen, ich war sehr überrascht, als die Einladung kam.

Er sagte, dass er jemanden suchte, der mit dem Gebäude einen intelligenten Mehrwert schafft. Tun Sie das?

Hm. Das versucht doch jeder Architekt.

Eines Ihrer Häuser hat ihn besonders beeindruckt, das auf der Long Island bei New York.

Ah ja, das Sagaponac House. Es ist eines meiner sogenannten Furniture Houses, in welchen die Möbel schon in die Bauweise integriert sind.

Das sind Häuser, die man in Teilen auch transportieren kann.

Ja, genau. Und wenn man sie wieder zusammensetzt, sind die Möbel, also Schränke, Regale, Tische schon im Haus drin, weil sie in die Wände und in den Boden integriert sind.

Wie kommen Sie auf solche Ideen?

Japan ist ein Land, das in steter Erdbeben-Gefährdung lebt. Und bei einem Erdbeben passiert es oft, dass Häuser zerfallen, ohne die Menschen zu verletzen, schwere Schränke und Regale aber auf die Menschen fallen, mit schlimmen Folgen. Darum hatte ich die Idee, alles aus einem Guss zu machen. Das kostet weniger, gefährdet die Menschen nicht und sieht erst noch gut aus.

Steht Ihr humanitäres Engagement für Menschen, die ihre Häuser verloren haben, auch in Zusammenhang mit dieser Gefährdung, die in Japan allgegenwärtig ist?

Schwer zu sagen. Mein erster Einsatz fand nicht einmal in der Folge einer Naturkatastrophe statt, sondern in Ruanda, nach der Tragödie des Genozids.

Wie kam es, dass Sie damals die Notunterkünfte für die Flüchtlingslager entworfen haben?

Das war ein Moment in meinem Leben, als ich von meinem Beruf enttäuscht war. Ich dachte, wir Architekten helfen nur den reichen Menschen, mit ihrer Macht zu prahlen. Ich hatte das Bedürfnis, der Menschheit zu dienen. Und dann hörte ich von diesen riesigen Flüchtlingslagern in Ruanda, wo Menschen unter den Wetterbedingungen litten, weil die Unterkünfte, die die UNO ihnen zur Verfügung stellte, so schlecht waren.

Wie haben Sie die UNO überzeugt, dass Ihre Unterkünfte besser sind?

Ich fuhr nach Genf. Und wartete auf eine Audienz beim Hohen Flüchtlingskommissar, was ziemlich hoffnungslos war. Da traf ich, per Zufall, Herrn Neumann.

Muss ich den kennen?

Nein. Das war jener deutsche Architekt, der für die Unterkünfte zuständig war. Er hat mir zugehört, denn er hatte ein Problem.

Welches?

Sie verteilten Zelte, Plastikplanen mit Stäben aus wertvollem Aluminium. Die armen Flüchtlinge aber verkauften die Masten und fällten Bäume, um sie zu ersetzen. Nur: Zwei Millionen Menschen, die Bäume fällen, sind ein Umweltproblem.

Und Sie schlugen dann Kartonrollen vor?

Ja, das hat sie alle hellhörig gemacht. Denn die Rollen sind leicht und billig.

Wie kamen Sie darauf, dass man aus Kartonrollen, auf die unter anderem Toilettenpapier gewickelt ist, Häuser bauen kann?

Ich werfe nicht gerne Sachen weg. Und wir Architekten haben immer diese Kartonrollen, in welchen wir unsere Zeichnungen transportieren. Die stapelten sich in meinem Atelier, so kam ich darauf.

Sind Papierbauten überhaupt wetterfest?

Absolut. Man muss sie nur beschichten. Die Orangensaftpackung hält ja auch Flüssigkeit, obwohl sie aus Papier ist.

Wie lange kann eine solche Papierbehausung stehen bleiben?

In Kobe, wo ich sie auch angewendet habe, nach dem grossen Erbeben 1995, blieben sie zwei Jahre stehen. Aber sie halten auch länger.

Entwerfen Sie immer noch Häuser aus Papier?

Ja. Häuser, Brücken, Museen. Ich bin gerade daran, eine Kirche in Neuseeland gänzlich aus Papier zu bauen. In Christchurch. Die Kirche dort wurde vom Erdbeben zerstört.

Würden Sie eigentlich auch ein Shoppingcenter bauen?

Hm. Vielleicht, wenn der Erbauer an meiner Auffassung der Architektur interessiert ist . . . Aber nein, Shoppingcenter interessieren mich weniger.

Sie haben das Swatch Center in Tokio gebaut, in dem Uhren verkauft werden.

Ja, aber das war etwas anderes. Das war, wie für Tamedia, ein Firmengebäude für ein Unternehmen, das für seinen innovativen Geist bekannt ist. Und Herr Hayek liess sich weitgehend auf meine Experimente ein.

Wie auch seine Kinder mit dem grossen Neubauprojekt von Ihnen jetzt in Biel.

Ja, in Biel bauen wir drei Gebäude für Swatch und Omega, die einen Firmensitz und Showrooms umfassen. Auch Holzkonstruktionen übrigens.

Sind Museen eigentlich die Kirchen der heutigen Zeit?

Ich sehe eine Ähnlichkeit, die Sie vielleicht verblüffen wird. Den Kirchen laufen die Menschen davon und den Museen vielleicht bald auch.

Wie kommen sie darauf? Die Kunst erlebt gerade eine anhaltende Periode der Popularität.

Ja, aber inhaltlich entfernt sie sich vom Publikum. Die zeitgenössische Kunst ist so stark konzeptuell geworden, dass man sie nicht mehr versteht. Darum könnte ich mir vorstellen, dass die vielen Museen, die jetzt entstehen, bald Probleme bekommen.

War Ihnen dieser Gedanke beim Bau des Centre Pompidou in Metz gekommen?

Ja. Und er hatte Einfluss auf die Art, wie ich das Museum gestaltet habe. Das Haus ist keine mit Kunst gefüllte geschlossene Schachtel, sondern in erster Linie ein Ort, wo sich Menschen treffen können. Auch wenn sie keine Kunst schauen wollen.

Mir fällt auf, dass das Centre Pompidou in Paris, welches in den 70er-Jahren entstanden ist, wie eine Fabrik aussieht, und Ihres in Metz eher wie ein Nomadenzelt. Sind das Symbole dafür, wie wir unsere Zeit wahrnehmen?

Das lässt sich vielleicht so interpretieren. Ich als Architekt denke nicht so. Für mich ergibt sich die Form der Hülle aus der Funktionalität des Inneren. Ich brauchte in Metz ein Stockwerk, wo grosse Skulpturen ausgestellt werden können. Über diesen Raum habe ich dann ein Dach gesetzt . . .

Das doch wie ein Zelt aussieht.

Nein, wenn Sie es unbedingt wissen wollen – es ist ein Hut.

Ein Hut?

Ja, ein chinesischer Hut, den ich vor Jahren bei einem Trödler in Paris gefunden habe. Seine architektonische Qualität ist mir sofort aufgefallen. Eine Struktur aus Bambus, Ölpapier dazwischen. Ich habe seither in mehreren Gebäuden versucht, diese Struktur anzuwenden. In Metz ist es mir am besten gelungen.

Welche Rolle spielt der Computer in Ihren Entwürfen?

Es ist ein Werkzeug.

Das computerisierte Design hat die Architektur verändert.

Aber nicht zum Guten. Ohne Computer musste man länger nachdenken, bevor man zu bauen anfing. Und das war besser so. Ein Gebäude bleibt lange stehen, man sollte keine Tageseinfälle verwirklichen können.

Wie wohnen Sie selber?

Ich habe zwei Wohnungen. Eine in Paris, eine in Tokio. Die in Tokio habe ich selber entworfen.

Gibt es darin den traditionellen japanischen, mit Matten ausgelegten Tatami-Raum?

Nein. Für meine Generation hat ein solcher Raum keine Funktion mehr.

Warum nicht?

Weil sich unser Lifestyle verändert hat. Wir schlafen nicht mehr auf dem Boden.

Wirklich nicht? Hier im Westen sind doch alle wild auf Tatami, Futon, die japanische Lebensart . . .

Wir sprechen nicht vom Gleichen. Ein Bett in Futon-Form, das ist noch kein Tatami-Raum.

Nein? Worin liegt der Unterschied?

In der japanischen Architektur gab es einen multifunktionalen Raum, der fürs Schlafen, Essen und verschiedene Tätigkeiten gebraucht wurde, die mit der traditionellen Lebensweise zusammenhängen. Meine Grosseltern haben noch so gelebt. Bei meinen Eltern gab es westliche und japanische Räume. Und bei mir wäre ein Tatami-Raum nur noch eine Pose. Reine Folklore.

Essen Sie auch nicht japanisch?

Ich esse gerne das, was die Einheimischen im jeweiligen Land essen.

Was gab es gestern in Moskau?

Borschtsch, Piroschki und Buf Stroganoff.

Klingt gut. Und in der Schweiz essen Sie Rösti?

Auch, aber ich gehe in Zürich auch in ein japanisches Restaurant in der Nähe. Sein Besitzer hat in der Zeitung gelesen, dass ich hier baue, und kam auf die Baustelle, um mich in sein Lokal einzuladen.

Ihr zweiter Lebensmittelpunkt ist Paris. Warum die französische Hauptstadt?

Es ist ein praktischer Ort. Von hier aus ist man schnell überall in Europa, kann aber auch bequem nach Tokyo fliegen.

Sie leben nicht in Paris, weil Sie die Stadt mögen?

Paris ist schön. Lustigerweise heisst das Wort «schön» auf japanisch auch «sauber». In Japan sagt man darum: Paris ist schön, aber nicht sauber. Das ist ein Wortspiel, bringt aber den Gegensatz auf den Punkt. Mir hat Frankreich tolle Chancen geboten, aber auch viel Kummer bereitet.

Warum Kummer?

Dort zu bauen, ist ein Albtraum. Die Generalunternehmer in Frankreich sind die schlimmsten auf der ganzen Welt.

Warum?

Kaum haben sie den Auftrag, verwandeln sie sich in Feinde des Architekten. Sie erhöhen Preise, zögern Termine hinaus.

Ist das in der Schweiz anders?

Oh ja. Die Schweiz ist vielleicht der beste Ort auf der Welt, um zu bauen: freundliche Behörden, qualitätsbewusste Kunden . . . Das ist nur in Japan noch besser.

Inwiefern?

Japanische Kunden schweigen. Eine Einmischung gälte als unhöflich.

Welcher der Schweizer Architekten ist Ihnen am nächsten?

Peter Zumthor.

Warum?

Weil er, ähnlich wie ich, kontextbezogen baut. Jedes seiner Gebäude ist nur an dem Ort richtig, wo es gebaut wurde. Das strebe ich auch an. Zumthor allerdings ist die Qualität der Ausführung so wichtig, dass er nur in Europa baut. Ich hingegen baue gerne in fremden Ländern und mit lokalen Materialien, zum Beispiel mit Lehm in Sri Lanka.

Inwiefern ist das Tamedia-Haus richtig für den Ort wo es steht?

Unter anderem wegen seiner Beziehung zum Fluss.

Zur Sihl?

Ja. Als ich den Fluss gesehen habe, wusste ich sofort, dass er den Mitarbeitern den Atemraum öffnen wird.

Wie meinen Sie das?

Das Gebäude öffnet sich an schönen Tagen vollständig zum Fluss hin – die Fassade kann hochgezogen werden. Es ist ein Medienhaus, die Hektik ist gross. Das Wasser, die Natur bewirken, dass man wieder etwas ruhiger atmet, die Gedanken entspannen sich.

Publiziert am 16.09.2012 in der SonntagsZeitung

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