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Mir gefällts. Ist dieses Urteil der Ursatz der Kulturkritik? Wenn dem so wäre, dann würde dieses allgegenwärtige Daumen-hoch-Händchen diese tatsächlich, wie manche behaupten, überflüssig machen. Alle «liken»! Sodass sich die ratsuchenden Zerstreuungswilligen selbst entscheiden können, wessen Daumen sie folgen wollen (Freunde? Koryphäen? Promis?). Sie dürfen dabei auch – Big Data sei Dank – auf parawissenschaftliche Methoden zurückgreifen, sich der Mehrheit, der Minderheit oder gar dem Durchschnittsbürger anschliessen. Wozu also noch Kulturkritik? Doch so einfach ist die Sache mit dem «I like» nicht. Wir Kulturjournalisten kennen alle diesen toten Winkel der Urteilsfähigkeit, den gerade die persönliche Betroffenheit schafft. Ist ein Thema im Spiel, das uns persönlich, aus biografischen oder sentimentalen Gründen, ganz besonders am Herzen liegt, ist oft das ästhetische Urteil jäh getrübt. Da geht einem manchmal die dargestellte menschliche Tragödie oder das ausgemalte Glück so nah, weil etwas Ähnliches schon im eigenen Leben geschah und/ oder einen immer noch beschäftigt. Erfahrungsgemäss verblassen die erworbenen Kriterien vor so einem Fall, man merkt dann oft nicht auf Anhieb, wie simpel die damit verbundene Erzählung gestrickt ist, wie kitschig die ästhetische Referenz, wie unlogisch die Argumentation usw. Darum sollte Daumen hoch und runter niemandem genügen. Eine facettenreiche Besprechung, ein vorwitziges Interview oder ein Essay, die vom Hundertsten ins Tausendste kommen (und dann auch den Weg zurück nicht scheuen), sind ja selber Kultur. Sie machen erst ein Buch, einen Film, eine Theateraufführung zum kollektiven Erlebnis, sie bieten Lesarten an, verhelfen Bedeutungen zur Entfaltung, bauen tragfähige Sinnkonstrukte – und sorgen für Orientierung im dichten Informationsurwald. Die Formel «Begreifen, was uns ergreift», einst vom Zürcher Germanisten Emil Staiger geprägt, gilt heute stärker denn je. Der Daumen allein ist nicht viel wert. Er braucht andere Finger, er braucht Zungen, Hirne. Und auch Galle sollte dazugehören.

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Private Sales, ein Schattenspiel

Private Sales, ein Schattenspiel

Der Kunstmarkt folgt seiner Vorliebe für das Schattenspiel in den «Private Sales»-Sektor. Warum? Ist wohl nicht schwer nachzuvollziehen, um Regulierungsbestrebungen auszuweichen. Mein Artikel in der Sonntagszeitung dazu:

Hat sie oder hat sie nicht? Auf Wirtschaftsportalen und in Kunstzeitschriften wird gemunkelt, eine «gut informierte Person» soll es einem «Marktinsider» erzählt haben, und die Experten halten es für «durchaus wahrscheinlich».

Das Gerücht: Die US-Entertainerin Oprah Winfrey soll ihren Klimt verkauft haben. Für 150 Millionen Dollar. Nach China. Die Sammler dort sind gerade wild auf Klimt. Und Winfreys Bild ist nicht irgendein Klimt, sondern das Schwesterbild zur berühmten «Woman in Gold», auch ein Porträt der Wiener Industriellengattin Adele Bloch-Bauer, zwar ohne Gold, dafür mit dekorativer Hutkrempe.

Gekauft, das steht fest, hat die TV-Frau das Bild 2006 für 87,6 Millionen Dollar an einer Auktion von Christie’s. Das ist Allgemeinwissen, denn die Auktionen finden nicht hinter verschlossenen Türen statt. Was vielen Teilnehmern des boomenden Markts gar nicht in den Kram passt.

Die schlagzeilensichernden Preis-Rekordmeldungen, bis jetzt ein probates Werbemittel der grossen Auktionshäuser, kommen deshalb aus der Mode. Die neusten Zahlen zeigen: 70 Prozent aller Kunsthandänderungen finden in sogenannten Private Sales statt. Das geht aus dem jährlich erscheinenden Marktreport hervor, der von der Maastrichter Kunstmesse Tefaf erhoben wird und am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Drastischer Einbruch im eigentlichen Auktionsgeschäft

Anders als eine öffentliche Auktion wird ein Private Sale abseits des Rampenlichts abgewickelt. «Flexibilität, Direktheit und Diskretion» seien die Werte, denen sich ihre Private-Sale-Abteilung verschrieben habe, wirbt etwa das Auktionshaus Sotheby’s auf seiner Website.

Spezialisten des Hauses besorgen die Expertise, überwachen die Verträge und bürgen für eine ordentliche Abwicklung. Dass sie die passenden Käufer (bzw. Verkäufer, wenn jemand eine Ergänzung seiner Sammlung sucht) kennen und auftreiben, gehört zum Service dazu. Der allerdings nur für Objekte im Wert von mehr als 100 000 Dollar angeboten wird.

Wichtige Marktplayer haben sich nach und nach aus den Auktionshäusern in ihre eigenen Kunstmarktboutiquen verabschiedet, wie etwa der prominente Schweizer Auktionator Simon de Pury, der 2013 Phillips verliess und mit seiner Frau die Firma De Pury de Pury gründete. Oder jüngst Brett Gorvy, der beliebte Chairman der Post-War- und Contemporary-Abteilung bei Christie’s, der nach 23 erfolgreichen Jahren zur Schweizer Kunsthändlerin Dominique Lévy überlief und als Lévy Gorvy diskreter als zuvor weitermachte.

Alarmiert von einem Einbruch im eigentlichen Auktionsgeschäft (das 2016 laut der Londoner Firma Art Tactic im Bereich der zeitgenössischen Kunst um 33 Prozent kleiner ausfiel), vergrössern die etablierten Versteigerer nun ihre eigenen Private-Sales-Abteilungen und stellen auch kunstmarktfremde Spezialisten an, Sotheby’s etwa jüngst den Wallstreet-Banker David Schrader, der von J. P. Morgan Chase kommt.

Der Hauptvorteil des neuen Geschäftszweigs liegt auf der Hand: die Diskretion. Obwohl sämtliche Marktteilnehmer scheinheilig ihre Unschuld betonen und den Verdacht der Geldwäsche und des Steuerbetrugs weit von sich weisen, bleibt das Kaufen und Verkaufen hochwertiger Kunstwerke jene letzte Oase der Geheimnistuerei, die bei dem Katz- und-Maus-Spiel mit dem Fiskus den nötigen Rechtsschatten bieten kann.

Rachel Pownall, die neue Autorin des Tefaf-Reports, unternahm mit ausgeklügelten Statistiken und Befragungen eine neue Anstrengung, um den Anteil der Privattransaktionen am gesamten Volumen des Markts zu beziffern. Doch selbst sie gibt in ihrem Vorwort zu, dass viele der Verkäufe spurlos in Steuerverstecken und Offshore-Konstrukten verschwinden, während die Werke in einem Freilager schlummern.

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Katja N., Aktivistin

Katja N., Aktivistin

Ewa Hess | 16. Juni 2015 – 11:54

Die russische Aktivistin Ekaterina Nenaschewa (rechts) nähte zusammen mit der Pussy-Riot-Frau Nadja Tolokonnikowa (links) auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz eine Fahne, bis sie verhaftet wurde. Die Bilder, die sie aus dem Gefängnis twitterte, gingen um die Welt. Einen Tag später wurde sie entlassen. Ich hörte von der Aktion, als ich für eine Kunstreportage in Moskau war und bat Katja über Facebook um ein Interview. Sie sagte zu und kam in der Sträflingsuniform, die sie selbst genäht hat und aus Protest gegen die schlechte Haftbedingungen in Russland während 30 Tagen trug. Wir sprachen in meinem Hotelzimmer über ihr Engagement. Die klare Weltsicht, präzise Sprache und psychische Reife der jungen Frau haben einen grossen Eindruck auf mich gemacht. Hier das daraus entstandene Interview.

Katja, was ist passiert?

Am 12. Juni, einem Nationalfeiertag, wurden wir zwei Frauen während einer Performance am Bolotnaja-Platz in Moskau verhaftet. Nadja Tolokonnikowa – die ein Mitglied der Band Pussy Riot und ehemalige Strafgefangene ist – half mir beim Nähen, als die Polizisten kamen.

Der Name Bolotnaja weckt Erinnerungen an die Proteste 2012. War die Adresse bewusst gewählt?

Natürlich. Viele Teilnehmer der Demonstration vom 6. Mai sind noch im Gefängnis. An diesem symbolträchtigen Ort wollten wir unsere Performance aufführen: In Uniformen der Strafgefangenen eine russische Fahne nähen.

Sie tragen diese Uniform schon seit Wochen?

Ja, die Performance fand im Rahmen meiner Aktion «Habe keine Angst» (russisch: «Ne bojsja») statt. Diese Aktion thematisiert die Wiedereingliederung von ehemaligen Strafgefangenen. Sie soll eine breitere Öffentlichkeit für diese Problematik schaffen.

Worin besteht die ganze Aktion?

Ich trage dreissig Tage lang die Uniform einer Gefangenen. Ich gehe in ihr arbeiten, ins Restaurant, ins Theater, in die Metro oder zum Coiffeur und setze mich den Reaktionen aus, die diese Kleidung hervorruft. Oft sind sie gereizt, aggressiv. Viele Menschen verstehen gar nicht, dass das eine Gefangenenuniform ist, dennoch macht sie diese schlichte Kleidung mit aufgenähter Gefangenennummer unwirsch oder ängstlich. Das ist für mich unangenehm, und dieses ungute Gefühl kommt meinem Werk zugute.

Inwiefern?

Bei der Aktionskunst geht es ja darum, die Gefühle eines Menschen in einer solchen Situation zum Thema zu machen: Trauer, Unsicherheit, Niedergeschlagenheit und vor allem sehr viel Angst. Je stärker diese Gefühle in mir sind, desto stärker die Herausforderung des Kunstwerks an die Welt.

Wie hängt die Fahnenperformance damit zusammen?

Gestern war der 18. Tag meiner Aktion, und Nadja Tolokonnikowa hat beschlossen, mitzumachen. Wir haben uns mit Stoff in den russischen Nationalfarben und einer kleinen alten Nähmaschine an den Bolotnaja-Platz begeben.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit Pussy Riot?

Ich habe am Vortag die MediaZona, eine von Pussy Riot initiierte Newsseite der Bürgerrechtsbewegung, über die Aktion informiert. Nadja hat mir dann sofort geschrieben, dass sie meine Aktion unterstützen will. Kurz vor der Performance haben wir uns erstmals gesehen.

Wie hängt das Nähen mit Ihrem Thema zusammen?

Das Nähen ist ein kreativer Prozess, kann auch sehr schön sein, ein Hobby, doch es ist ebenfalls ein Werkzeug zur Ausbeutung der Strafgefangenen, welche Kleidungsstücke ohne Lohn nähen müssen. Auf diesem Widerspruch hätte unsere Performance basieren sollen, wir sind aber nicht weit gekommen.

Was kam dazwischen?

Nach wenigen Minuten sind Polizisten aufgetaucht. Wir haben sie ignoriert und weitergenäht. Sie haben uns in den Kastenwagen gezwängt, Faden, Stoff, Nadeln mit eingepackt. Die Nähmaschine haben sie zuerst vergessen und mussten nochmals anhalten, um sie zu holen. Das hatte durchaus eine komische Wirkung.

Haben die Polizisten Tolokonnikowa als Pussy-Riot-Mitglied erkannt?

Erst als sie auf dem Polizeiposten ihren Pass zeigte.

Mit welcher Begründung führte man Sie ab?

Da gab es nicht viele Erklärungen. Die einzige, die wir gehört haben, war: Man näht nicht auf der Strasse. Ein konstruktives Gespräch kam während der ganzen Zeit nicht auf.

Gab es Übergriffe?

Eine Frau, deren Funktion mir unklar war, verlangte, dass wir unsere Uniformen ausziehen. Da wir keine anderen Kleider dabei hatten, wollten wir das nicht tun. Es hiess zu einem gewissen Zeitpunkt, dass wir in den Uniformen überhaupt nicht rauskommen werden, was mir lachhaft schien, denn diese «Uniformen» habe ich selbst genäht, sie sind eigentlich nichts anderes als ein normaler Bleistiftrock und Bluse.

Waren die Beamten also ­ nicht aggressiv?

Bei der Abführung gab es schon Kraftanwendung, aber keine Schläge. Es waren fünf Polizisten und wir nur zwei Frauen. Auf dem Kommissariat, und vor allem nachdem sie bemerkt haben, dass Nadja die Frau von Pussy Riot war, gab es grobe Witze und abschätzige Bemerkungen. Unhöflich, verächtlich, beleidigend, aber keine physische Bedrohung.

Glauben Sie, dass Sie durch die Präsenz der weltberühmten Aktivistin Tolokonnikowa besser oder schlechter behandelt worden sind?

Ohne sie, da bin ich mir sicher, wäre ich länger zurückgehalten worden. Als wir im Saal sassen, wurde ein junger Mann reingebracht, dem das Telefon und alle seine Sachen abgenommen wurden. Ich habe auch mit Nadja darüber gesprochen, dass wir wohl zu den besser Behandelten gehören.

Sie haben aus dem Kommissariat getwittert, also durften Sie die Telefone behalten?

Ja, diese hatten wir in unseren Blusentaschen. Aber die Nähutensilien nahm man uns weg, vor allem den Stofffetzen mit der Aufschrift IK-1.

Was hat diese Aufschrift zu bedeuten?

Ispravitelnaja kolonia odin – Strafkolonie eins. Wir wollten diesen Schriftzug auf die fertige Fahne nähen, als Metapher für Russland.

Woher kommt Ihr Engagement für Gefangene?

Ich arbeite in einem Sozialwerk, das sich um Kinder ohne Eltern kümmert. Dabei bin ich mit dem Phänomen konfrontiert worden, dass den gefangenen Frauen nicht erlaubt wird, mit ihren Kindern Kontakt aufzunehmen. In den russischen Straflagern gibt es eine grosse ­Anzahl von Frauen, die ganz allein sind. Niemand schreibt ihnen, niemand spricht zu ihnen, und sie verkümmern menschlich. Oft kommen diese Frauen freiwillig in die Straflager zurück, indem sie Vergehen anderer auf sich nehmen, weil sie vor dem Leben draussen schlicht Angst haben. Deshalb habe ich meine Aktion «Habe keine Angst» genannt.

Welche Angst ist damit gemeint?

Die Frauen haben Angst vor der Welt draussen, und die Menschen draussen haben Angst vor ehemaligen Strafgefangenen. Solange wir aber voreinander Angst haben, wird nur dem System geholfen, und die Welt wird nicht besser.

Ein unpolitischer Kampf um eine bessere Welt, das klingt für manche naiv.

Das ist doch gerade der Punkt: Solange nur Politiker aufeinander folgen, wird sich nie etwas ändern. Nawalny will Putin ersetzen? Glauben Sie, dass dadurch etwas besser wird? Wir müssen bei uns selbst anfangen. Die Toleranz ist die Grundlage der Demokratie. Als Aktivistin will ich sie in meiner Gesellschaft verankern helfen.

Ist es ein Sozialprojekt oder Kunst?

Beides. Ein sozial-künstlerisches Projekt. Mir scheint es wichtig, dass die Künstler heute Projekte machen, die ­gesellschaftlich relevant sind.

Haben Sie jetzt auch Angst?

Natürlich. Ich sehe diese neue Situation – dass ich auf die Anklage warte und nicht weiss, was mir zur Last gelegt wird, dass ich nicht weiss, ob ich observiert werde und so weiter. Ich sehe das als Teil meiner Aktion. Ich arbeite daran, meine Erfahrung auszuweiten. Nach diesem Interview gehe ich in meiner Gefangenenuniform zum Anstellungsgespräch bei McDonald’s. Mal sehen, wie die reagieren.

Welche Probleme der russischen Wirklichkeit wollen Sie noch in Angriff nehmen?

Neben dem unmenschlichen Strafvollzug ist auch das psychiatrische System Russlands veraltet und repressiv. Die ­Sozialisierung von Kindern aus den ­Kinderheimen ist schwierig. Die Meinungsfreiheit ist ein weiteres Thema.

Wie steht es um diese?

Schlecht. Ich war Journalistin, daher weiss ich das aus eigener ­Erfahrung.

In welchem Medium haben Sie gearbeitet?

In der Zeitung «Gazeta Zawtra». Zunächst war das ein normales Medium, wurde aber mit der Zeit immer stärker zum Organ der regierenden Partei. Als ich am Ende einen Artikel über die Ukraine verfasst habe, hat ihn die Redaktion so redigiert, dass seine Aussage komplett verfälscht wurde. Ich wurde nach wenigen Monaten entlassen.

Hat Sie dieses Erlebnis radikalisiert?

Ich bin aus Krasnodar, wo ich aufgewachsen bin, nach Moskau gekommen, um Journalistin zu werden. Hier habe ich aber schnell begriffen, dass man in den russischen Medien nicht so arbeiten kann, wie ich es mir vorgestellt habe. Dann habe ich mich der Sozialarbeit und der Aktionskunst zugewendet. Ich empfinde das nicht als eine Radikalisierung.

Veröffentlicht im Tages Anzeiger am 16. Juni 2015

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Nicht so stiller Has

Nicht so stiller Has

Ewa Hess | 22. April 2014 – 12:26

Christian Hubschmid und ich treffen Endo Anaconda im Rosengarten in Bern. Er erzählt uns über sein Wildern im Kostümfach, was ihm auf der Toilette im Heidiland widerfährt und warum er im Gegensatz zu Knackeboul keine Likes braucht. Er posiert für uns und den Fotografen als moderner ägyptischer Diktator mit Sonnenbrille. Der Sänger von Stiller Has wärmt sich so fürs Kostümfach auf: Er wird im Sommer im Musical «Aida» an den Thuner Seespielen den Pharao spielen. Das ist eine Überraschung: Der subversive Rebell wird Teil der Unterhaltungsindustrie. An einem sommerlich warmen Nachmittag erklärt der 58-Jährige im Berner Rosengarten, wie es zu seiner Verwandlung kam.

Endo Anaconda, Musical? Wirklich?

Warum denn nicht? Es handelt sich schliesslich um eine Sprechrolle. Ich habe nicht die Absicht, ins leichte Fach zu wechseln. Die Musik der Thuner «Aida» ist von Elton John, also solide musikalische Unterhaltung. Und die Bezahlung stimmt auch.

Mit wie viel kann man den Hasen ködern?

Die Bezahlung ist okay, doch ich mache es nicht allein wegen des Geldes. Es schadet nicht, ab und zu in einem anderen Genre zu wildern. Da fällt mir doch kein Stein aus der Pharaonenkrone.

Warum dann nur eine Sprechrolle?

Stimmt eigentlich, es ist schon fast beleidigend. Aber so konkurrenziert dieser Auftritt wenigstens nicht den Stillen Has.

Ist der Pharao in dieser Version der «Aida» wenigstens ein saftiger Bösewicht?

Nein, warum sollte er das sein? Pharaonen von damals waren zwar absolute Herrscher. Aber so grausam sind sie doch nicht gewesen, dass sie an einem Tag 500 Todesurteile aussprechen würden, wie es die heutigen Pharaonen tun.

Wen bezeichnen Sie als den heutigen Pharao?

Die Regierung Ägyptens, die Militärs. Auch wenn die vor zehn Tagen ausgesprochenen Todesurteile sich gegen die Muslimbrüder richten, die ich für Wirrköpfe halte, bin ich dennoch erstaunt und schockiert, dass der Westen keine Sanktionen ergreift.

Wird diese politische Wirklichkeit in der Thuner Inszenierung thematisiert?

Nein, aber die Geschichte mit der unpassenden Liebschaft passt dennoch gut in unsere Zeit.

Inwiefern? Beziehungen überschreiten heute Rassen- und Klassengrenzen.

Nur scheinbar. In die heutige Zeit übersetzt wäre das, als wenn der Schwiegersohn von Christoph Blocher sich in ein somalisches Dienstmädchen verliebt hätte. Das bringt die Machtverhältnisse durcheinander.

Vergleichen Sie gerade Blocher mit einem Pharao?

Er ist ein Pharao ohne Reich. Er hätte eine Legende werden können, doch dazu fehlt ihm die Altersweisheit.

Worauf spielen Sie an?

Er untergräbt seinen Mythos, indem er nicht loslässt.

Mit der Masseneinwanderungsinitiative hat seine Partei die Schweizer Politszene dennoch erschüttert. Wie stehen Sie dazu?

Es hat unter den Nein-Sagern genauso viele Idioten wie unter den Ja-Sagern. Wir diskutieren. Es gibt Nationen, die diskutieren erst, nachdem sie Millionen Menschen in den Gasofen geschickt haben. Wir Schweizer diskutieren vorher.

Waren Sie eigentlich damals für den Beitritt zum EWR?

Nein. Und jetzt erst recht nicht, die Europäische Union ist doch nichts anderes als eine überdimensionierte Finanzblase.

Spricht hier ein ehemaliger Kommunist?

Ich hatte Sympathien für die Oktoberrevolution. Nicht für den Stalinismus, der danach folgte.

Wann sind Sie aus der KP ausgetreten?

Sobald ich nachpubertär wurde und einen klareren Kopf bekam. Meine kommunistische Frühjugend war eine Antwort auf das deutschnationale Umfeld in Südkärnten, wo ich aufgewachsen bin.

Eine Zeile aus einem Ihrer Songs heisst «Ich mit der Rose, du mit dem Gewehr». Ist Stiller Has ein Pazifist?

Diese Zeile ist eine Jugenderinnerung. Meine Grosseltern haben zur Zeit des Kalten Kriegs auf der österreichischen Seite der jugoslawischen Grenze ein Ferienhaus gehabt. Wir Jungs haben mit den bewaffneten jugoslawischen Grenzbeamtinnen geschäkert. Sie waren sehr hübsch mit ihren Schifflihütchen.

Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren Österreicher?

Kärntner und Slowenen, die in Österreich lebten. Diese Familie war zweigeteilt. Während des Kriegs war ein Teil davon Mitläufer bei den Deutschen, der andere Teil bei den Partisanen. Für mich waren die Grenzen also immer ein Thema.

Ist Ihr humorvoller Zynismus, den man aus Ihren Songs und Kolumnen kennt, eine einge­übte Strategie angesichts dieser Widersprüche?

Nein. Ich bin echt von allen Systemen enttäuscht. Gut, dass ich bald sechzig werde, und gut, dass ich auf dieser Welt nicht allzu alt werden muss.

Sie werden nicht alt?

Nein, ich habe keine Lust, achtzig zu werden und als Rentner meinen Mietzins mit der Pumpgun eintreiben zu müssen.

Wie meinen Sie das? Sind Sie Mitglied bei Exit?

Nein, nein. Mich würde dieser Duftschalen-Groove der Exit-­Trostspender nerven. Krank sein und Sterben ist ein einsamer Job.

Aber warum gleich sterben? Wie man am Beispiel der Rolling Stones sieht, gibt es für beliebte Bands noch andere Wege, ihre Rente aufzubessern.

Ja, wenn die Kräfte reichen. Und wenn nicht? Vom Hotel Bellevue in die Notschlafstelle ist der Weg nicht sehr lang. Knapp fünf Meter.

Stiller Has ist eine der ­fleissigsten Bands der Schweiz. Ist diese Never Ending Tour nur das Resultat einer finanziellen Notwendigkeit?

Nein, ich mache das echt gern. Aber ich hätte gern eine Auszeit. Wir haben gerade 25 Jahre Stiller Has gefeiert und noch nie um Subventionen gebettelt. So etwas ist durchaus rufschädigend. Man gilt dann als «kommerziell».

Muss man um Subventionen betteln?

In der Stadt Bern ist es so, dass alle, die Subventionen empfangen, auch gleichzeitig in den Kommissionen sitzen und Subventionen vergeben. Da möchte ich mich nicht anstellen.

Untertreiben Sie nicht? Der Stille Has hat doch eine Lobby!

Ich bin nun mal ein Düsterling.

Einer, der dem Düsteren sehr komische Lieder abringt.

Man muss ja irgendwie damit fertigwerden. Schon nur der Kinder wegen.

Wie alt ist Ihr Jüngstes?

Mascha ist fünf Jahre alt.

Sie haben drei Kinder von drei verschiedenen Müttern. Gab es in Ihrem Leben auch ruhige Familienphasen?

Phasen schon. Mehr nicht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Kindern?

Sehr liebevoll.

Mögen Ihre Kinder Ihre CDs?

Das wäre doch reichlich absurd, wenn ein Pubertierender die Musik des eigenen Vaters toll fände. Aber mit der Kleinen mache ich gerne Spontandichtung. Sie deklamiert fehlerfrei Gedichte von Christian Morgenstern.

Sie kommen bei den Jungen gut an, nächsten Mittwoch spielen Sie im Zürcher Exil, wo das Publikum dreimal jünger ist als Sie . . .

(Eine Gruppe Teenager kommt an den Tisch, an welchem das Interview stattfindet, und bittet um Autogramme.)

Mädchen: Darf ich ein Autogramm haben?

Endo (scherzt): Freilich, aber zeig es deinem Freund nicht!

Mädchen: Dürfen wir noch ein Foto haben?

(Sie fotografieren sich gegenseitig mit Endo und ziehen kichernd ab.)

Tut das gut, wenn man so angehimmelt wird?

Das gehört zum Job.

Sie inszenieren sich auf Ihrer letzten CD als böser Alter mit Bundfaltenhose, doch bei der Jugend geniessen Sie Kultstatus. Wie geht das?

Diese Kinder sind eben schon in ihrem antiautoritären Kindergarten mit meinem Song «Grusig, grusig» malträtiert worden. Darum bin ich bei denen so berühmt wie Pippi Langstrumpf. Aber wer möchte schon ein Kind wie Pippi Langstrumpf? Die bekäme heute Ritalin.

Welche Kinder will man denn heute?

Solche, die sich mit vier Jahren schon für einen Monitorjob bei Cablecom entscheiden. Oder für die Sendung «The Voice of Switzerland» trainieren.

Apropos, wären Sie nicht langsam reif für die Jury?

Ich finde die Sendung doof. Und ich glaube dem Rapper Stress keine Sekunde, dass er immer seine Naturaline-Unterhose, für die er Werbung macht, anhat.

Für die macht doch seine Ex-Frau Melanie Winiger Werbung.

Wer auch immer. Ich stehe wenigstens dazu, dass ich Zimmerli-Unterwäsche trage. Aber zurück zu «The Voice»: Diese Frau, die die letzte Staffel gewann, die Schwangere, wie hiess sie noch …

Nicole Bernegger . . .

Ja, die hat eine tolle Stimme. Und Stress produziert ein Album von ihr, das scheisse tönt. Sie hat eine gute Band, sie hätte ein viel besseres Album gemacht, wenn man sie allein hätte machen lassen.

Aber hat man Sie schon für die Jury angefragt?

Hören Sie schon auf! Die Sendung als Ganzes ist einfach nur lächerlich. Es sind Menschen, die selber nichts Originelles bringen und darüber urteilen, wie andere Sachen singen, die auch nicht originell sein dürfen.

Was schauen Sie selber am TV?

«ZDF History» mit dem Moderator Guido Knopp. Und Naturfilme. Ich bin Naturfilmgucker. Ansonsten bin ich fanatischer Zeitungsleser. Elektronische Medien sind nichts für mich.

Sie sind aber die Zukunft. Auch in der Musikindustrie.

Die CD ist nicht tot. So etwas zu behaupten, ist Blödsinn. CDs machen immer noch zwei Drittel des Umsatzes aus. Aber um die Urheberrechte in der Schweiz ist es schlecht bestellt. Was solls, am Radio wird Stiller Has sowieso nicht gesendet.

Warum nicht?

Weil unsere Musik und unsere Texte die Leute vom Arbeiten abhalten. Das ist unerwünscht.

Wie wäre es mit einer Quote für Schweizer Musik?

Welche Schweizer Musik? Die Kopie der Kopie der englischen Popmusik? Die meisten Leute hören doch gar keine Musik. Wenn du im Heidiland aufs Klo gehst, kriegst du sofort Verstopfung von dieser Beschallung.

Aber Ihre Konzerte sind doch immer rappelvoll!

Ja, das stimmt. Rapper Knackeboul sagte einmal zu mir: «Warum bist du nicht auf Facebook? Ich habe 20 000 Likes.» Von mir aus, aber er spielt im Stadtkeller Luzern vor 80 Nasen, ich vor 330. Und ich habe keine Likes.

Sie sind also nicht auf Facebook?

Doch, aber inaktiv. Ich brauche auch keine Google-Brille. Das geht Richtung Totalkontrolle. Und diese neuen Kameras, wie heissen die?

GoPro?

Die sind ja der reinste Irrsinn. Sobald bei mir vor dem Fenster die erste Drohne auftaucht, ich schwöre, ich schiesse sie ab. Mit dem Luftgewehr.

Haben Sie eins im Schrank?

Ja, natürlich. Im Ernst: Ich wünsche der Schweiz einen elektromagnetischen Schock. Einen mittleren wirtschaftlichen Totalabsturz.

Warum?

Weil man wieder die menschlichen Qualitäten entdecken müsste. Wir müssten zueinander stehen, näherrücken …

Also doch: Sie sind ein Romantiker!

Klar bin ich ein Romantiker. Ich liebe das tatsächliche Leben. Das Physische. Es ist mir lieber, dass mir jemand wegen einer Obszönität eine Ohrfeige gibt, als dass er nicht mehr mein Facebook-Freund ist. Ich habe lieber direkte Reaktionen. Ich würde nie auf Parship gehen.

Einer neuen Beziehung stünde aber nichts im Weg?

Was soll dieser im Wege stehen? Es ist langweilig allein. Ich kann mich immer noch verlieben, und ich glaube immer noch an die Liebe. Nur allzu oft möchte ich mein Herz nicht mehr brechen lassen.

In Ihren Songs geht es nicht nur um die Liebe, sondern oft auch um Ihren Körper.

Überhaupt nicht. Wo denn?

In «Böses Alter» haben ältere Herren Ranzen, und im Song «Märli» heisst es, «U ds Schlaraffelland gits nur mit Mageband».

Das reimt sich halt. Und ich habe es eher auf meinen Bandkollegen Schifer Schafer gemünzt. Aber gut, Körper und Schönheit sind das beherrschende Thema in dieser Gesellschaft. Die Jungen lassen sich schon Vollbärte implantieren. Unten rasieren sie alles ab, und was sie da einsparen, wird oben angesetzt. Unten keine Filzläuse, dafür oben Bartflechten – das kann doch nicht die Alternative sein.

Ist Ihre Glaubwürdigkeit grösser, weil Sie dem gängigen Schönheits- und Schlankheitsideal nicht ganz entsprechen?

Entspreche ich nicht? Das ist unfair! Ich habe dreissig Kilo abgenommen. Nicht, weil ich mich hässlich gefunden habe, sondern weil meine Leber-, Zucker- und Blutdruckwerte derart beängstigend waren. Und jetzt geht es mir besser denn je.

Dürfen wir dann hoffen, dass Sie noch nicht bald sterben?

Na, jedenfalls nicht sofort.

Nicht so stiller Has

Der Berner Endo Anaconda, 58, ist eine der prägendsten Figuren der Schweizer Kulturszene. Mit seiner Mundart-Band Stiller Has tourt er seit Jahren durch aus­verkaufte Säle. Seine Kolumnenbände «Sofareisen» und «Walterfahren» sind Bestseller. Der Sohn einer Österreicherin und eines Schweizers wurde als Andreas Flückiger in Burgdorf geboren und verbrachte seine Jugend in einem Internat in Klagenfurt. In den Achtzigerjahren kehrte er in die Schweiz zurück.

© SonntagsZeitung; 06.04.2014; Seite 15

 

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Yoncé total

Yoncé total

Ewa Hess | 22. Dezember 2013 – 12:19

Auf der Busfahrt von Zuoz nach Ascona hörte ich vor einigen Jahren Beyoncé mit gedrückter Repeattaste. Seither ist sie mir nah. Die überwältigenden neuen Videos wirken – nicht nur darum – stark auf mich. Doch dann kommen langsam die Zweifel. Yoncé, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Da war selbst Madonna bescheidener…

Sie ist die Sonne
von Ewa Hess

Sie stakst auf ihren starken Beinen durch – ja, was ist das eigentlich? Eine unterirdische Garage? Eine postindustrielle Einöde? Zerfetzte Überreste eines grünen Korsetts verhüllen ihren wohlgewachsenen Körper höchst ungenügend. Auch das ausgefranste Top ist zu kurz: Die grossen, schweren Brüste schauen unten heraus. Gerade so viel, dass man irritiert hinsehen muss. Weil jederzeit mehr rausrutschen könnte. Was es wundersamerweise nicht tut.

Kein Zweifel, diese Frau hat Superkräfte. Unter ihrer islamischen Kopfbedeckung leuchten die schwarz geschminkten Mandelaugen mit revolutionärer Glut. Wenn sie ihre Hand ausstreckt, züngelt das Feuer am Horizont. In ihrem Gefolge – allerlei finstere Gestalten, es sind Entrechtete und Beleidigte dieser Welt. Das ist sie, die neue Beyoncé. Die Königin von uns allen. Die Herrscherin über das politisch korrekte Pop-Universum. Sie ist eine Prophetin der Slums. Aber auch die einzige Gerechte unter den Reichen. Zudem eine Märtyrerin ihrer Schönheit. Dennoch eine Verkünderin der Freude in freudloser Welt. Sie ist die Sonne. Die Mutter der künftigen Generationen. Bah, in der Pietà-Pose des Videos «Mine» ist sie gar die Mutter Gottes.

Beyoncés neues Album ist am Freitag, dem 13., wie ein Meteorit vom Himmel gefallen. Und wie ein Gestirn blendet es die Massen weitum mit Bildern, die sich auf der Netzhaut einbrennen. Sie strotzen nur so von starker Symbolik: Waterbording und Schönheits- Chirurgie, Kirmesplatz und Polizeiangriff, Sex in Limos und Kämpferinnensquads . . . Dazu ambitionierte Choreografien in luftigen Issey-Miyake-Roben als Pausenfüller. In diesen 17 (!) neuen Videos haben Beyoncé und ihr Gatte Jay-Z die ganze moralische Glaubwürdigkeit der Welt für sich gepachtet. Sie sind die Aufständischen des arabischen Frühlings, die leidenden Christen, die syrischen Demonstranten, die Gefolterten Guantánamos, die tapferen Wüstenkrieger und die furchtlosen Stadtguerillas. Dazu sind sie die Verfechter der wahren Schönheit in einer von Künstlichkeit geprägten Welt. Und sie lieben sich mit der einzig wahren Liebe zwischen Mann und Frau. Ihr Kind Blue Ivy, das Pfand ihrer überirdischen Verbindung, muss der neue Messias sein.

Echt, Yoncé, Queen Bey, Sasha Fierce, oder wie deine vielen Namen heissen: Ist das nicht etwas übertrieben? Da war selbst Madonna bescheidener. Sie nannte sich nur nach der Mutter Gottes. Für eine gehalten hat sie sich nie.

«Beyoncé» gibt es für 24 Fr. auf iTunes zu kaufen. Allein die 14 Songs und 17 Videos runterzuladen, dauert eine 3/4-Stunde

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Adieu, Nelson Mandela!

Adieu, Nelson Mandela!

Ewa Hess | 9. Dezember 2013 – 11:57

Die Nachricht von Nelson Mandelas Tod hätte eine Filmsequenz sein können. Erste Szene: Johannesburg, 21 Uhr. Der 95-jährige Mann stirbt in seiner Wohnung. Zweite Szene: London, 22 Uhr. Die Nachricht erreicht seine Töchter Zindzi und Zenani im dunklen Kinosaal. Still schleichen sie hinaus, während Prinz William samt Gattin und weiterem Premierenpublikum die neuste Mandela-Biografie «Long Walk to Freedom» zu Ende schaut. Dritte Szene: Paris, Freitag, 9 Uhr. Der französische Präsident François Hollande hält gemeinsam mit 53 afrikanischen Staatsoberhäuptern, die gerade zum «Gipfel für Frieden und Sicherheit in Afrika» angereist sind, eine Schweigeminute.

Das Zusammenfallen der Ereignisse ist filmreif – und typisch. Auch zur Ikone der Popkultur wurde Nelson Mandela in Abwesenheit. Er betrat mit dem Song «Free Nelson Mandela» der Band Special AKA 1984 die Bühne und verliess sie danach nie wieder. Während die britische Band mit dem seltsam fröhlichen Protestsong ihren einzigen wahren Welterfolg feierte, sass Mandela bereits seit 21 Jahren im Gefängnis. Obwohl er hinter Gitter war, gelang es ihm, die Welt so zu beeindrucken, dass U2-Sänger Bono in seinem am Freitag veröffentlichten Mandela-Nachruf sagt, der Anti-Apartheidkämpfer sei schon seit seinen Teenagerjahren sein wichtigster Berater gewesen (Bono wurde 1960 geboren).

Es war Mandelas Stimme. Das höfliche, dezidierte Auftreten. Das undurchdringliche Lächeln. Die Unerschütterlichkeit seines politischen Konzepts, das er bereits in seinem allerersten Fernsehinterview vollständig beieinanderhatte. In diesem Interview, das der polizeilich Gesuchte dem britischen Fernsehsender ITN aus seinem Versteck gab, sieht man einen Mann, den die Öffentlichkeit nie kannte: den jungen, 42-jährigen Mandela. Er sieht keinem der neun Schauspieler ähnlich, die ihn später verkörpern werden. Das wacklige, schwarzweisse Fernsehbild zeigt weder einen athletischen Hünen wie Idris Elba im neusten Film noch einen eleganten Sympathieträger wie Sidney Poitier in «Mandela and De Klerk» von 1997.

Der Mann, der im Dokumentarvideo dem perfekt gescheitelten weissen Interviewer gegenübersitzt, hat seinen eigenen Scheitel in die schwarzen Locken mit einem Rasierapparat hineingefräst. Er wirkt untersetzt, sein Blick hinter den zusammengekniffenen Augen ist hart, die Antworten kommen wie aus der Kanone geschossen: «Südafrika ist ein Land, in dem es Platz für alle Rassen gibt. Unsere Forderungen sind sehr klar: ein Mann, eine Stimme.»

Als er vier Jahre später seine berühmte Rede im Rivonia-Prozess hält, ist keine Kamera dabei. Doch auch in der Tonbandaufzeichnung erkennt man den Reifungsprozess – da hat er schon zwei Jahre Gefängnis hinter sich. Die Worte folgen langsamer, bedeutungsvoller, bis der erschütternde Schlusssatz fällt: «But if needs be, it is an ideal for which I am prepared to die.» Als Held der Popkultur ist Nelson Mandela keine romantische Identifikationsfigur wie die früh verstorbenen Revolutionäre Che Guevara oder der Südafrikaner Steve Biko. Vielleicht weil er erst nach seiner Befreiung so richtig sichtbar wurde, ist er eine Vaterfigur. Man will nicht Mandela sein, man will ihn zum Berater haben, wie Bono das ausdrückt.

Vielleicht scheitern darum so viele dieser Biografien, Filme, Theaterstücke und Opern, die er inspiriert hat. Selbst in Clint Eastwoods «Invictus» von 2009 wirkt die von Matt Damon gespielte Figur des Rugbykapitäns François Pienaar plastischer als die des charismatischen Staatschefs. Auch der gewohnt tolle Schauspieler Morgan Freeman kann einer Figur, an der alles Licht ist und so gar nichts Schatten, kaum Leben einhauchen.

Mandelas dunkle Seiten – seine Verzweiflung, seine Wutausbrüche, sein Schürzenjägertum, die Vernachlässigung, die seine sechs Kinder und drei Ehefrauen in Kauf nehmen mussten, sind schwer fassbar. Selbst jenes Buch, welches sich die Aufdeckung der Abgründe hinter dem Monument zur Aufgabe gestellt hatte, David James Smiths Biografie «Young Mandela», tut sich schwer damit. Zwar wird in Smiths Buch ein Mandela sichtbar, dem es leichter fällt, den Fremden gegenüber Herzlichkeit zu zeigen als seinem eigenen Sohn Makgatho, der dem Alkoholismus verfällt und 2005 an Aids stirbt. Doch die Bewunderung des Autors bleibt spürbar, und die Gründlichkeit, mit der jedes noch so kleine Vergehen Mandelas ans Licht gezehrt wird, hat etwas Angestrengtes.

Raubtierhafter Jungpolitiker mit Vorliebe für schnelle Autos

Immerhin muss William Nicholson, Drehbuchautor des neusten Mandela-Films, der in Südafrika bereits ein Kassenhit ist und auch bei uns bald in die Kinos kommt, Smiths Buch genau gelesen haben. Obwohl «Long Walk to Freedom» eigentlich auf der gleichnamigen Autobiografie Mandelas basiert, enthält der Film auch Elemente des echten Jung-Mandela: ein raubtierhafter Jungpolitiker, der schicke Anzüge und schnelle Autos liebt und dem kaum eine Dame in der pulsierenden Metropole Johannesburg widerstehen konnte.

Noch 2007 bezeichnete Nicholson, der zehn Jahre lang am Drehbuch zu «Long Walk to Freedom» sass, seinen künftigen Film-Mandela in einem Interview als eine «Einmann-Gefahrenzone». Er würde alle Menschen, die ihm nahe kamen, unwillentlich zerstören, sagte Nicholson, darunter auch seine beiden ersten Frauen Evelyn und Winnie. Im Film, dessen Londoner Premiere auf eine schicksalshafte Weise mit der Nachricht über das Ableben des grossen Mannes zusammenfiel, strahlt Mandelas Stern weit weniger getrübt, als diese Ankündigungen vermuten liessen.

Der von Harvey Weinsteins mächtiger Produktionsfirma verantwortete Film ist ein sicherer Oscar-Kandidat. Das hat mit der Qualität des Films nicht einmal so viel zu tun. Sondern ist eine weitere Verbeugung der Welt vor einem Staatsmann, der mit schierer Willenskraft die Geschichte in eine bessere Richtung lenken konnte.

Publiziert in der Sonntagszeitung am 08.12.2013

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House of Cards

House of Cards

Ewa Hess | 29. November 2013 – 09:02

vergingen wie im Flug, und dann konnte ich sofort die nächsten 50 anfangen. Meine zwei Tage mit «House of Cards» und der kurze Text dazu, erschienen in der SonntagsZeitung am 17.11.2013

Zähflüssiges Gift

Er gab dem Geld den Vorzug über die Macht. Ein Fehler, den in dieser Stadt fast jeder macht. Dabei ist Geld wie eine geschmacklose Villa in Florida – nach zehn Jahren reparaturbedürftig. Die Macht dagegen ist wie eine steinerne Burg, die Jahrhunderte überdauert. Jemanden, der diesen Unterschied nicht versteht, kann ich nicht achten.

Ich? Nein, diese eines Machiavelli würdige Ansprache stammt nicht von mir. Beau Willimon schrieb sie für die amerikanische TV-Serie «House of Cards». Und dann legte sie der Regisseur David Fincher dem Schauspieler Kevin Spacey in den Mund. Dieser sondert jedes Wort in kalter Verbissenheit ab, wie zähflüssiges Gift. Als ein übergangener Politiker, dessen Ränkespiele im Weissen Haus andere Menschen ihre Karrieren, ihre Gesundheit und Selbstachtung kosten, ist Spacey der Liebling der Saison. Mitten in seinem kalt berechnenden Tun dreht er den Kopf, schaut dem Publikum vor dem Bildschirm tief in die Augen und erklärt die Welt. Seine Welt. Eine ohne Gnade.

Das ist wie Shakespeare, aber auch wie Brecht: grosses moralisches Theater. Nur, dass es Fernsehen ist. Oder nicht mal das. Denn Netflix, der Produzent von «House of Cards», ist eine Online-Videothek. Lange Jahre war Netflix in den USA das leicht verachtete Portal, auf dem man DVDs bestellte und alte Fernsehserien schaute. Doch dann verlangte Netflix Gebühr. Man musste plötzlich Abos haben, eins für die Miete und eins fürs Online-Schauen. Die Kunden kündigten in Scharen. Da ging Netflix ein Lichtchen auf.

100 Millionen Dollar soll Netflix die Produktion von «House of Cards» gekostet haben. Ein Klacks, verglichen mit den Werbekosten im amerikanischen Riesenland. Das Prädikat «genial» verdiente sowieso nicht die Produktion an sich. Sondern die Tatsache, dass man sie gratis ins Netz stellte. Und zwar alle Folgen aufs Mal. Diesem Gift kann man schlicht nicht widerstehen. 50 Minuten vergehen wie im Flug, und dann fangen schon die nächsten 50 an, Kevin Spacey hat gerade den Gouverneur von Pennsylvania aufgestellt, noch 50 Minuten und man kann sehen, wie dieser vor die Hunde geht.

Jedenfalls, Netflix konnte seine Kunden alle wieder anfixen. Und verkauft jetzt die Serie an Fernsehstationen. Denn etwas hat Kevin Spacey vergessen zu erwähnen: Hat man erst die Macht über die Menschen erlangt, kommt das Geld hinterhergerannt.

«House of Cards» am Montag 23.45 auf SRF 2. Netflix ist in der Schweiz übrigens bis jetzt offiziell nicht verfügbar

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Martigny mon amour

Martigny mon amour

Ewa Hess | 16. Mai 2013 – 11:54

Die scharfe Frühlingssonne steht Martigny nicht. Unbarmherzig bringt sie die Ungereimtheiten des Ortes zum Vorschein. In den verdunkelten Scheiben von stillos modernen Bürohäusern spiegeln sich malerische Schneegipfel. Das Bahnhofsgebäude aus einem vergangenen Jahrhundert steht verloren zwischen chaotisch angeordneten Parkplatzparzellen. Putzige Ästhetik eines intakten Schweizer Städtchens trifft auf die Zersiedelungsspuren eines aggressiven Baubooms. Valentin Carron entsteigt seinem bequemen Familienauto mit der entspannten Lässigkeit eines Bewohners des amerikanischen Mittleren Westens. So, dass man sofort spürt, wie sehr dieses Auto sein Zuhause ist. Und diese Gegend sein Jagdrevier.

Dabei könnte man meinen, der 36-jährige Künstler sei längst seiner Heimatgemeinde entwachsen. Sein Name wird in Paris, New York und London in Grossbuchstaben geschrieben. Er ist der aufstrebende Star der Schweizer Kunst. Geheimnisvoll, eigenwillig, unübersehbar. Vor zwei Jahren verblüffte er die Kunstwelt mit der im Pariser Palais de Tokyo ausgestellten Kunstharz-Replik einer Walliser Weinlaube. In zwei Wochen wird er die Schweiz an der Biennale der Kunst in Venedig vertreten. Doch stur wie ein echter Bergler bleibt Valentin Carron in Martigny wohnhaft.

Nur von hier aus, das spürt man, sind diese rätselhaften Skulpturen zu verstehen. Sie nehmen Elemente der Landschaft und ihrer Bebauung auf. Oft sehen sie wie Bergkreuze oder wie Rauverputz-Wände aus. Sie gleichen manchmal den Pergolas, manchmal den Strassenlampen. Doch das ist noch lange nicht das Geheimnis ihrer Wirkung. Ihre Präsenz ist es. Dass sie mit einer archaischen Kraft aufgeladen sind, dem schwarzen Monolith aus Stanley Kubricks berühmten Film «2001: A Space Odyssey» vergleichbar.

«Hier, wo ich aufgewachsen bin», setzt Carron zu einer Erklärung an, «komme ich mir vor wie ein Fremder.» So wie er es sagt, muss es etwas Gutes sein. Im Kopf sei er in Zürich, vielleicht in Genf oder Paris zu Hause. Martigny aber sei sein Beobachtungsposten. Denn nur hier gebe es diese Mischung von heimelig und unbehaust, die ein Symptom unserer Zeit sei. Martigny, das sei die westliche Welt in Miniatur. «Nur hier bin ich real», sagt Carron. Ob das ein glücklicher Zustand ist, traut man sich nicht zu fragen.

Während wir unseren Allerwelts-Cappuccino im Strassencafé schlürfen, geht schnellen Schrittes Pascal Couchepin mit einem schwarzen Rucksack an uns vorbei. Auch er ein unbeirrbarer Bewohner von Martigny – und sein ehemaliger Bürgermeister. Carron schaut dem Ex-Bundesrat mit einem kleinen Lächeln nach. Es ist ein menschenfreundliches, wenn auch verschmitztes Lächeln. Eine Mischung aus Melancholie und Spott.

Noch vor wenigen Jahren wäre es Couchepin gewesen, der den Schweizer Pavillon an der Biennale eröffnet hätte. Wäre das schön, so ein Martigny-Gipfeltreffen in Venedig? Diesmal gilt das spöttische Lächeln der Frage.

Diejenigen, die vermutet haben, dass Carron in Venedig etwas besonders Auffälliges inszenieren würde, etwa ein Riesenkreuz, wie 2009 vor dem Eingang zur Art Basel, bleiben auf ihren Erwartungen sitzen. In Valentin Carrons Schweizer Pavillon wird zwar eine 80 Meter lange Schlange die Besucher begrüssen, doch ihr schmaler schmiedeeiserner Körper wird nur dezent den Raum zur Geltung bringen.

In Bronze gegossene Musikinstrumente, verbeult, als ob sie schon Generationen von Familienmusikanten gedient hätten, werden die strenge Form des Pavillons brechen. Als Bildelemente installiert der Künstler Remakes von Glasfenstern aus den 50er-Jahren.

Er habe viel zu viel Respekt vor der Kunst, sagt Carron, um allzu plakativ auf das Ereignis einer Wettbewerbssituation einzugehen. Stünde dieser Pavillon nicht in den Giardini von Venedig, wohin die ganze Welt guckt, sondern in einem Kunstzentrum in, sagen wir, Portugal, würde er seinen Auftritt auch nicht anders gestalten. Er wolle nur eines: dem schönen, von Albertos Bruder Bruno Giacometti erbauten Pavillon gerecht werden. Seine Form respektieren – und ihr gleichzeitig durch die beharrlich irritierende Form der Werke lautlos widersprechen.

Respekt und Widerstand – es ist der gleiche Widerspruch, der bei einem Spaziergang auf dem Friedhof, einem seiner Lieblingsorte, im Blick des Künstlers aufscheint. Wir bleiben bei einem Grab stehen. «Marc Morand – Anwalt und Notar», verkündet die Inschrift, «Bürgermeister von Martigny 1921–1960. Oberst im Generalstab». «Das ist Martigny!», sagt Carron. «Diese Macht, dieser Einfluss, kann man sich das vorstellen?» Hier, auf dem Kirchenacker, inmitten all der Morands, Couchepins, Constantins und auch Gianaddas, merkt man, wie stark die Walliser Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht – die heutigen Patrons tragen die gleichen Namen.

Einer von ihnen, der Immobiliengigant Léonard Gianadda, ist im Wallis auch der Chef eines Kunstimperiums. Wenn Martigny eine Miniatur der westlichen Welt ist, dann ist die Fondation Gianadda eine Miniatur von Martigny. Auch hier trifft man auf eine Mixtur nicht zueinanderpassender Elmente: wunderschöne Aussicht, undefinierbares Gebäude und ein Museum, in dem Oldtimer-Autos, gallo-römische Ausgrabungsrelikte und Weltklassekunst leicht windschief nebeneinander existieren.

Die Begegnung zwischen Gianadda und Carron muss ein besonderes Spektakel geboten haben – hier der flamboyante Unternehmer und wenig Widerspruch duldende volkstümliche Philanthrop Gianadda, dort der spröde, aber auch ruhig selbstbewusste Kunststar einer intellektuellen Elite. Sie fand jedenfalls statt, diese Begegnung, und resultierte in einem 700 Kilogramm schweren Geschenk – an Martigny. Es ist eine Skulptur in Form einer Aluminiumsäule, viereinhalb Meter hoch, die sich spiralförmig mitten auf der Strasse erhebt und einen Verkehrskreisel in eine archaische Andachtsstätte verwandelt. Wie ein Relikt einer ausgestorbenen Zivilisation wirkt diese Säule, aus der Zeit gefallen, fremd.

Die anderen vierzehn Kreisel, die Léonard Gianadda seiner Heimat geschenkt hat, sind wie die meisten Kreisel auf der Welt mit Skulpturen lokaler Grössen ausgestattet, ergänzt durch einen Minotaur Hans Ernis und eine Assemblage Bernhard Luginbühls.

«Es war ein Angebot, das man nicht ausschlägt», erklärt Valentin Carron seine Zusage, sich in die Riege der Kreiselkünstler einzureihen, und wir lachen über die Formulierung, die in einen anderen Kontext gehört. Aber er will damit nicht auf Mafiafilme anspielen. Er meint es ernst. Die Anfrage auszuschlagen, wäre ihm feige vorgekommen. Er wollte das gerne machen, für Martigny. Jetzt steht das Werk mitten auf jener Strasse, die nach Fully führt. Dort wurde er geboren.

In Fully hatte die Familie des Künstlers ein Cheminée-Geschäft. Hier hat Carron als Kind schon miterlebt, wie am Fusse der majestätischen Walliser Berge Gemütlichkeit als vorfabrizierte Form verkauft wurde. Hier schulte sich sein Auge für die falsche Authentizität und für authentische Künstlichkeit. Jetzt wird er diese Sensibilität für die Schweiz, für Martigny bis nach Venedig tragen. Auch dort entfaltet sich vor einer zerfallenden Stadtkulisse eine trügerische Kunstwelt. Ist Venedig Martigny, Valentin Carron? Da erscheint wieder dieses rätselhafte Lächeln.

Unser Mann in Venedig

Der Walliser Künstler Valentin Carron, 36, wurde von einer Jury der Pro Helvetia ernannt, die Schweiz an der 55. Kunstbiennale zu repräsentieren, die vom 1. Juni bis 23. November in Venedig stattfindet. Carron, der bereits hohes internationales Ansehen geniesst, stellt sich mit seinem Auftritt im Schweizer Pavillon in die Reihe von Künstlern wie Roman Signer, Jean-Frédéric Schnyder oder Thomas Hirschhorn, welche die Schweiz in den früheren Jahren erfolgreich vertreten haben.

Schweizer an der Biennale

2011: Thomas Hirschhorn

Das Kunstwerk «Crystal of Resistance» trug zwar den Widerstand im Namen, doch für Thomas Hirschhorn war der Auftritt in Venedig eine Versöhnung mit seiner Schweizer Heimat. Der international gefeierte Künstler, der zuvor wegen einer Anti-Blocher-Aktion in Paris mit den Schweizer Behörden Krach bekam, verwandelte den Pavillon in ein dichtes Geflecht von Bildern, Kisten, Monitoren, zerbrochenen Flaschen und Wattestäbchen-Skulpturen. Hirschhorn erobert zurzeit New York mit einem «The Gramsci Monument» genannten Projekt im Stadtteil Bronx.

2007: Streuli, Netzhammer

Mit Christine Streuli und Yves Netzhammer verpflichtete die Kunstkommission 2007 zwei jüngere Künstler für den Pavillon. Sie waren auf nationaler Ebene bereits aufgefallen und bekamen in Venedig eine Chance auf den internationalen Durchbruch. Die beiden haben den Pavillon in ein Farben- und Formenmeer verwandelt. Doch eine atem beraubend karge Inszenierung der beiden Cracks Urs Fischer und Ugo Rondinone in der Kirche San Stae überstrahlte ihr Werk, die Beachtung blieb gering.

2005: Wildi, Motti, Poloni, Nashat

Bereits 2005 gab es im Pavillon einen Gruppenauftritt. Ingrid Wildi, Marco Poloni, Shahryar Nashat und Gianni Motti repräsentierten die vielsprachige Schweiz. Die Schau wurde als lauer helvetischer Kompromiss taxiert. Nicht einmal der Provokateur Motti konnte auffallen. Für Venedig-Schlagzeilen sorgte in jenem Jahr Nationalheldin Pipilotti Rist in San Stae, wo sie an der barocken Kirchendecke nackte Paradiesfrauen tanzen liess.

1999: Roman Signer

Kaum zu glauben, aber als Roman Signer für einen Auftritt in Venedig verpflichtet wurde, war er bereits 61 Jahre alt und dennoch für viele ein Geheimtipp. Er liess im Pavillon Kugeln in den Lehm plumpsen und ein Fass über einen Holzlatten-Wald rollen – die Welt war von seiner archaisch-verspielten Kunst auf Anhieb begeistert. Am Samstag geht in der Kunsthalle St. Gallen eine Ausstellung auf, in der zum 75. Geburtstag Signers andere Künstler ihm eine Hommage widmen.

1993: Jean-Frédéric Schnyder

Es war damals ein mutiger Entscheid, die Schweiz von den in naiver Manier gemalten Bildern Jean-Frédéric Schnyders vertreten zu lassen. Der Künstler hat zwischen St. Margrethen und Genf 119 Autobahnausschnitte, Unorte des täglichen Lebens, mit Ölfarbe festgehalten. Seither ist Schnyder ein Liebling der Kunstszene, auch des diesjährigen Biennale-Chefs, des Italieners Massimiliano Gioni.

© SonntagsZeitung; 19.05.2013; Seite 41

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Famous Blue Raincoat

Famous Blue Raincoat

Ewa Hess | 1. Mai 2013 – 08:03

Ach, Leonard, der ewige Rauner…
«And what can I tell you my brother, my killer?
What can I possibly say?
I guess that I miss you, I guess I forgive you…
I’m glad you stood in my way.»

Hier der Text und ein Video, wie er den Song als alter Mann nochmals singt.
1971, als der Song erstmals veröffentlicht wurde (auf «Songs of Love and Hate»)
machte man ja noch nicht so viele Videos.

Natürlich ist der blaue Regenmantel des Alter Egos aus dem Song
Cohens eigener gewesen, und Lower East Side / Clinton Street
war damals tatsächlich sein Zuhause.
In der Gegend wohnten viele Latinos – darum wohl
die beschwingte Abendmusik, von der die Rede ist.

It’s four in the morning, the end of December
I’m writing you now just to see if you’re better
New York is cold, but I like where I’m living
There’s music on Clinton Street all through the evening.

I hear that you’re building your little house deep in the desert
You’re living for nothing now, I hope you’re keeping some kind of record.

Yes, and Jane came by with a lock of your hair
She said that you gave it to her
That night that you planned to go clear
Did you ever go clear?

Ah, the last time we saw you you looked so much older
Your famous blue raincoat was torn at the shoulder
You’d been to the station to meet every train
And you came home without Lili Marlene

And you treated my woman to a flake of your life
And when she came back she was nobody’s wife.

Well I see you there with the rose in your teeth
One more thin gypsy thief
Well I see Jane’s awake

She sends her regards.
And what can I tell you my brother, my killer
What can I possibly say?
I guess that I miss you, I guess I forgive you
I’m glad you stood in my way.

If you ever come by here, for Jane or for me
And your enemy is sleeping, and his woman is free.

Yes, and thanks, for the trouble you took from her eyes
I thought it was there for good so I never tried.

And Jane came by with a lock of your hair
She said that you gave it to her
That night that you planned to go clear

Sincerely L Cohen

Leonard Cohen – Famous Blue Raincoat (Songs From The Road DVD) – YouTube.

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Sloterdijk auf dem Monte Verità

Sloterdijk auf dem Monte Verità

Ewa Hess | 29. März 2013 – 07:34

«Hier genügte es, nackt zu tanzen»: Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk über den Monte Verità als Utopie und die Schweiz als Mätresse Europas. Ich traf den brillanten Provokateur in Ascona. Auf dem Weg von Ascona auf den Monte Verità begrüsst der Philosoph ihm vertraute Orte wie alte Bekannte und erzählt mir davon: In diesem Kirchlein habe er mal ein Konzert gehört, dort sei er mit dem Fahrrad hochgeradelt, nach dieser Kurve öffne sich der überwältigende Blick ins Tal. Bei der letzten Wegbiegung bleibt unser Kleinbus stehen, wir nehmen noch zwei winkende Wanderer auf: Es ist der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 83, und seine Frau. Man kennt sich, die Begrüssung ist herzlich. Im Bus sitzen schon nebst Sloterdijk die Schriftsteller Wladimir Sorokin und Mathias Énard. Wir sind unterwegs zum dritten Tag des neuen Literaturfestivals «Primavera Ticinese» in und um Ascona. Ausgerechnet auf dem legendären Monte Verità, wo am Anfang des 20. Jahrhunderts eine Gemeinschaft von Bohémiens die Utopie des natürlichen Lebens zu verwirklichen suchte, spricht Sloterdijk, 65, der seit Erscheinen seines epochalen Werks «Kritik der zynischen Vernunft» 1983 zu den Koryphäen des internationalen Geisteslebens gehört, über das Thema «Warum Utopien scheitern» (der Vortrag findet am Sonntag, 31.3.2013, um 17 Uhr statt). Ich darf ihn schon vorher zum Thema befragen.

Herr Sloterdijk, warum scheitern Utopien?

Der Titel des Referats ist etwas irreführend. Unerfüllbarkeit gehört zur Utopie als solcher. Daher kann man nicht sagen, dass die Utopien scheitern. Projekte können scheitern oder Erfolg haben, Utopien nicht.

Was ist der Unterschied?

Projekte sind Pläne, und bei der Durchführung von Plänen kommt es praktisch immer anders, als man dachte. Es ist ein Teil der heute herrschenden Konfusion, dass man den Unterschied zwischen Projekt und Utopie nicht mehr versteht.

War der Monte Verità eine Utopie oder ein Projekt?

Die Lebensversuche von Ascona um 1905 stellten ein vages Projekt dar. An echten Utopien kennt Europa nur zwei Archetypen – Arkadien und Amerika. Ascona war weder das eine noch das andere, sondern ein lebensreformerisches Experiment. Immerhin, in Ascona und im Isartal südlich von München wurde der Nudismus geboren. Hier praktizierte man zuerst die Sonnenanbetung, die hundert Jahre später zu einer populären Religion wurde.

Nackt unter der Sonne – das klingt doch nach Arkadien, dem mythischen Naturparadies.

Die Ascona-Leute waren utopisch bewegt. Sie suchten die Synthese aus Arkadien und Amerika. Die Brissagoinseln waren ein Garten der Freuden, gleichzeitig stellten sie den Ort am anderen Ufer en miniature dar.

Die Utopie ist eine Insel?

Ohne Insulation ist die Utopie nicht zu denken. Wer die glückliche Insel erreichen will, muss das Schiff besteigen und bei der Überfahrt sein Leben wagen. Das haben die Emigranten nach Amerika im 16., 17. und 18. Jahrhundert tatsächlich getan. Kein Mensch von heute könnte sich vorstellen, mit den damaligen Schiffen das andere Ufer des Atlantiks zu suchen.

Ausser, wenn unbekannte Prämien lockten.

Das ist der entscheidende Punkt. Wenn man wirklich glaubt, es lägen dort drüben Glücksgüter bereit, die man sich ohne Arbeit aneignen kann, dann wagt man den Aufbruch gegen alle Bedenken. Amerika war anfangs ein Kontinent, der den Europäern wie eine einzige grosse Schatzinsel erschien – das liefert die ökonomische Komponente des Inseltraums. An den Inseln Europas konnte man besser die erotische Traumkomponente festmachen. Sie kennen doch die «Einschiffung nach Kythera?»

Das Gemälde des französischen Malers Antoine Watteau?

Es zeigt den Archetypus der galanten Utopie in Vollendung. Besonders schön scheint mir die dritte, die Berliner Version des Gemäldes von 1717. Man sieht darauf elegante junge Menschen an einem Ufer, abfahrbereit, im fernen Hintergrund erahnt man die Konturen der Insel der Liebesgöttin. Der Aufbruch dorthin ist die wahre Utopie, denn die Liebe auf dem Festland soll von der Liebe auf der Insel träumen. Nur dort sammelte man die Kraft, so zu tun, als fände man den anderen immer grenzenlos interessant.

Aber Schätze warten in Amerika kaum noch auf den Besucher.

Die Amerikaner haben ihren Traum entzaubert, weil sie die Schatzsuche in Arbeit übergeführt haben. Sie haben aus dem Schatzsucher den Selfmademan gemacht. Die Amerikaner sagen: Reichtum ja, aber durch Arbeit. Das ist enttäuschend für alle, die sich am Schatzinsel-Pol der Utopie orientierten, wie so viele Besucher Asconas von einst. Hier genügte es, nackt auf der Wiese zu tanzen, und der neue Mensch sollte vom Himmel steigen.

Die ursprüngliche Utopia im Roman von Thomas Morus war allerdings kein Schlaraffenland, sondern so etwas wie eine gut durchorganisierte Schweiz.

Vergessen wir nicht: Die Utopie als neuzeitliches literarisches Genre gehört zum Korruptesten, was die Geschichte der Literatur kennt. Sie malt alternative Welten aus, die ihre realen Kosten systematisch auslagern und verschweigen. Ob dies etwas mit dem Modus vivendi der Schweiz zu tun hat, kann ich nicht beurteilen, ich hoffe nicht, ich finde die Schweiz ein sympathisches politisches Konstrukt.

Sie haben einmal gesagt, die globalisierte Welt gleiche einem grosshelvetischen Experiment. Meinten Sie das positiv oder negativ?

Ich bezog diese Äusserung auf das vereinte Europa, das unter günstigeren Umständen tatsächlich eine Wiederholung der Schweiz in vergrössertem Massstab hätte werden können. Durch die Einführung der gemeinsamen Währung hat es seine historischen Chancen vorerst zerstört.

Eine vernichtende Diagnose.

Nur eine nüchterne. Hysterie ist in Europa nicht am Platz. Scheitert der Euro, wird man eine andere Währung probieren, irgendetwas auf halbem Weg zwischen gemeinsam und getrennt. Aber grosshelvetische Verhältnisse wären für Europa wunderschön gewesen.

Warum?

Weil die Kantonisierung der Nationen eine im Höchstmass begrüssenswerte Entwicklung darstellt. Der Kanton ist eine halbautonome Struktur, die zwischen Selbstsorge und Mitarbeit balanciert, und Halbautonomie wäre genau das Wort, das wir jetzt positiv besetzen müssten, um uns politisch zu reorientieren.

Sie nehmen Abschied von der nationalen Struktur?

Nein, die Nationen werden für die Europäer noch lange die bevorzugten Gehäuse des politischen Lebens bleiben. Aber die alten Vorstellungen von nationaler Souveränität verlieren an Plausibilität.

In der Schweiz heisst das Volk der Souverän.

So heissen die Völker inzwischen überall, gerade, wo sie progressiv entmündigt werden. Die Realpolitik kann im Augenblick mit den Völkern nichts mehr anfangen.

Weshalb diese Pattsituation?

Wahrscheinlich rührt das Unbehagen in der grossen Politik daher, dass Menschen nicht dafür geschaffen sind, in so riesenhaften Ensembles zusammenzuleben. Darum geht es in den meisten Grossreichen nicht ohne Zwang ab. Die 1,3 Milliarden Menschen, die heute in China leben, werden durch diktatoriale Praktiken zusammengehalten wie in kaiserlicher Zeit. Immerhin sind die Freiheitsansprüche der Europäer am Beginn des 21. Jahrhunderts deutlich höher als die der Asiaten. Brüssel ist noch nicht Peking.

In Ihrem Buch «Du musst dein Leben ändern» beschreiben Sie, wie Menschen sich zu höheren Formen von Selbstdisziplin und konstruktivem Miteinander fortbilden können.

Durchaus, jedoch trifft das in erster Linie für die Einzelnen zu. Es lässt sich kaum auf die Ebene der politischen Strukturen übertragen, in denen man Menschen nach Hunderten von Millionen rechnet.

War es klug von der Schweiz, ausserhalb der Europäischen Union zu bleiben?

Ist Ihnen nicht auch aufgefallen, dass manche Leute sehr still geworden sind, die bis vor kurzem doziert haben, die Schweiz müsse um alles in der Welt Mitglied der EU werden? In dieser Angelegenheit hatte ich schon immer eine ironische Betrachtungsweise. Ich stellte gern die Frage: War die Schweiz nicht die ewige Verlobte Europas? Hatte sie nicht mit Europa fünfzehn Kinder, alle illegitim, und alle fröhlich? In solcher Lage heiratet man doch nicht mehr.

Die Schweiz als die Mätresse Europas, eine schöne Metapher. Sie wird nicht jedem gefallen.

Ich habe mich ihrer bedient, um den Sonderweg der Schweiz als positive Ausnahme zu beschreiben. Sollten die Schweizer doch ihren albernen Franken behalten! Sollten sie doch der Brüsseler Bürokratie die Türe vor der Nase zuschlagen! Ihren Platz in der Mitte Europas kann ihnen niemand nehmen. Inzwischen wird die Nichtmitgliedschaft wie eine glückliche Verschonung von den Sorgen der anderen erlebt.

Der Franken ist als Sieger aus der Währungskrise hervorgegangen, wenn auch seine Überbewertung der Schweizer Wirtschaft Mühe bereitet.

Hysterie ist nun mal das Betriebsklima von Projektemachern. Aber um auf das Thema von Ascona zurückzukommen: Projektemacher sind das Gegenteil von Utopikern. Herr Hollande hat mit Utopia nichts am Hut, und Frau Merkel erst recht nicht. Europa war eben nie eine Utopie, es ist ein Konstrukt von Projektemachern. Die müssen sich heute aufs Scheitern einstellen.

Das Scheitern? Da kommt einem der Spruch von Karl Valentin in den Sinn: «Die Zukunft war früher
auch schon besser.»

Der Prozess hat schon begonnen. In Zypern gehen Leute auf die Strasse, die wütend gegen die Nordeuropäer agitieren. Die Griechen nennen uns wieder Faschisten. Die Italiener strecken den Nordlichtern die Zunge heraus. Warum das alles? Weil in dem durch den Euro geschaffenen Überdrucksystem die Lebenschancen vieler europäischer Bürger zerstört wurden. Wehe also, wenn jemand behauptet, Europa stelle eine gute Utopie dar. Dem müsste man sofort auf die Finger klopfen!

Es gab aber Zeitspannen, in welchen die Blumenkinder ein anderes Europa träumten.

Die Suche nach der Insel des wahren Lebens lässt sich nicht aus der Welt schaffen.

Sie selbst waren ja in Poona?

Das ist sehr lange her.

War diese Gemeinschaft um den Bhagwan in Indien Ihr Kythera?

Die Insel der Aphrodite lag damals vor der Küste Indiens. Unerwartet war sie aus dem Ozean aufgestiegen, und sie verschwand ebenso unerwartet wieder. So etwas kann es immer wieder geben, wenn es auch nicht so aussieht, als würde es hier so bald dazu kommen. Ascona ist jetzt fest in den Händen von Touristen und Hausbesitzern, die mit dem Abenteuer von 1900 innerlich und äusserlich nichts zu tun haben.

Eigentlich schade.

Das kann man so eindeutig nicht sagen. Der archetypische Traum wandert ständig weiter, irgendwann entsteht wieder eine neue Insel. Spätere Kulturhistoriker können dann von Insel zu Insel Linien ziehen. So bleibt das Ascona von damals immer auf der Landkarte.

Publiziert in der SonntagsZeitung am 24.03.2013

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Swiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, Zürich
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@askewa

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