Politik

Zärtliches Venedig

Nackter Po im Schweizer Pavillon: «Ich empfand es nicht als anstössig». Was die Kulturministerin Elisabeth Baume-Schneider zur Installation im Schweizer Pavillon sagte. Organisiert wurde der Pavillon von Pro Helvetia, kuratiert vom Genfer Andrea Bellini. Der Künstler nennt sich Guerreiro do Divino Amor (Krieger der göttlichen Liebe) und ist halb Schweizer, halb Brasilianer. Für seine ausladende Installation mit Skulpturen und Projektionen verwandelt der Krieger den nüchternen Schweizer Pavillon in eine Art Barockkirche, voller Geschichten, Gestalten und Gesichter. Den klaren Linien des Baus (Architektur Bruno Giacometti, Bruder des berühmten Malers Alberto) wurde eine technisch ausgeklügelte – und ästhetisch absichtlich unpassende – Kuppel hinzugefügt, die auch als Projektionsfläche dient. Darüber flimmert ein helvetisches Panoptikum, das man liegend betrachten soll. Göttinnen der Schweizer Tugenden (sie heissen etwa Silentia oder Friedena) schalten und walten in einem perfekten Land. Das Ganze nennt sich «Il Miracolo di Helvetia». Ewa Hess, Venedig Ausgerechnet als Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider das Wort ergreift, verdunkelt sich der Himmel über Venedig. Vor dem modernistischen Bau des Schweizer Pavillons in den Giardini wird die Eröffnung des Schweizer Beitrags zur 60. Kunstbiennale gefeiert. Elisabeth Baume-Schneider, seit Anfang Jahr als Innenministerin auch für das Kulturdossier zuständig, wartet gut gelaunt über eine halbe Stunde, bis der in einen grellen Häkelanzug gekleidete Künstler Guerreiro do Divino Amor die ansehnliche Truppe seiner Schweizer und Nichtschweizer Darstellerinnen und Helfer gefeiert und begrüsst hat. Die Künstlerfreunde fallen sich immer wieder in die Arme, johlen, lachen und klatschen. Frau Baume-Schneider, ist die Schweiz «ein Wunder», wie es das Werk von Guerreiro do Divino Amor im Schweizer Pavillon postuliert? Die Schweiz wird in dieser Biennale-Installation als eine Inspiration gezeigt – das ist wichtig. Inspiration zu was? Zur Zärtlichkeit. Zur Freundschaft. Zur Kritik auch. Sie wird als ein Modell inszeniert, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Die Schweiz ist vielleicht nicht «ein Wunder», wie es der Titel der Arbeit formuliert, aber doch etwas Besonderes. Das Werk wirkt ironisch, ich war mir nicht sicher, ob die Überhöhung der Schweiz eher kritisch oder eher positiv gemeint ist. Wie erleben Sie das? Es ist ein Oszillieren zwischen den beiden. Das ist die Kraft der Kultur – sie macht verschiedene Interpretationsvorschläge. Und je nach Einstellung, Herkunft und sogar Laune des Betrachters kann jeder verschiedene Sichtweisen ausprobieren. Es hat bestimmt kritische Elemente dabei, die Erzählung über die Super-Schweiz ist bestimmt auch ironisch, doch es ist nie vulgär oder herabsetzend. In der Kritik gibt es stets auch Antworten und Relativierungen. Eine länderspezifische Präsentation im Rahmen einer internationalen Ausstellung hat immer auch eine politische Komponente. Ist es klug, sich in einem kompetitiven Kontext selbst infrage zu stellen? Es ist nicht nur klug, es ist sogar unerlässlich! Die Fähigkeit, einen auch kritischen Blick auf sich selber zu werfen, ist nötig, um sich entwickeln zu können, um die Gegenwart zu verstehen und um die Zukunft zu prägen. Wir können die Vergangenheit nicht ausblenden oder einfach hinter uns lassen. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Woran denken Sie dabei? Etwa an Kunstwerke mit schwieriger Provenienz oder an die neu entbrannte Diskussion um koloniale Verstrickungen der Denkmalhelden, etwa die Statue von David de Pury in Neuchâtel. Es ist gesund, Kritik zuzulassen, je früher, desto besser. Man erinnert sich an die Kontroverse um Pipilotti Rists nackte Frauen in der Kirche San Staë 2005 in Venedig. Und jetzt gibt es im Schweizer Pavillon wieder Nacktheit: Eine der helvetischen Gottheiten schreddert mit ihrem nackten Hintern geheime Dokumente. Es kommt immer darauf an, wie ein Bild ins Ganze eingebettet ist. Hier ist es ein Element von so vielen, dass es mich persönlich nicht gestört hat. Ich habe es auch nicht als anstössig empfunden. Und sollte sich jemand durch diese nackte Allegorie beleidigt fühlen, es ist ein Leichtes, den Blick abzuwenden. Der Künstler sampelt hier zudem Bilder aus einem populären Universum, das dem Zuschauer gut bekannt sein dürfte. Egal, ob es aus den Telenovelas kommt, aus Social Media oder – wie die Ansprache bekannter Politikerinnen – aus den Fernsehnachrichten. Das macht dieses Werk sehr zugänglich. Sie spielen auf die Rede an. Tatsächlich spielt Simonetta Sommaruga mit ihrer Eichholz-Ansprache eine Rolle im Kunstwerk. Wären Sie beleidigt gewesen, wäre einer Ihrer Auftritte so verballhornt worden? Überhaupt nicht. Ich würde es eher als ein sympathisches Augenzwinkern betrachten. «Stranieri ovunque» – übersetzt: Fremde überall, der Titel dieser Biennale – spricht die Krise der Staaten an, die sich angesichts von migrantischen Bewegungen infrage gestellt fühlen. War der jurassische Künstler Ben Vautier vor 30 Jahren ein Prophet, als er bei der Weltausstellung in Sevilla den Spruch «La Suisse n’existe pas» prägte? Vautier sprach damals die Frage der Identität an, und diese Infragestellung hat auch heute noch ihre Berechtigung. Für mich ist aber klar: Die Schweiz gibt es. Auch, weil man von ihr spricht. Institutionell ist sie für alle ihre Bewohner verantwortlich. Alle sollen sich darin mündig und ernst genommen fühlen. Sie sind nun seit drei Monaten Kulturministerin. Hat sie nach der Übernahme des Dossiers etwas ganz besonders überrascht? Es hat mich nicht unbedingt überrascht, weil ich das schon wusste, aber es ist mir doch von neuem bewusst geworden: In der Schweiz macht man dann Fortschritte, wenn man alle mitnimmt. Gerade in der Kulturpolitik müssen Bund, Kantone, Städte und Gemeinden sich eng abstimmen, um das Maximum aus den begrenzten Mitteln zu machen. Die neue Kulturbotschaft ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie die Zusammenarbeit nochmals stärkt. Sprechen wir von den Mitteln: Die SVP hat gerade wieder eine massive Kürzung der Kultursubventionen vorgeschlagen. Gibt es da Gegenargumente? Der Bundesrat hat die Kulturbotschaft verabschiedet. Jetzt kommt das Parlament ins Spiel, und da gilt es zu argumentieren. Aber die Kultur hat gute Karten. Nicht nur, weil sie ein essenzielles Element unserer Identität darstellt. Sie ist auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Der Tourismus, die Hotellerie, aber auch viele technische und kreative Berufe hängen massgeblich von ihr ab. Insofern freue ich mich, diese Debatte nun zu führen. Kultur ist gerade in Krisenzeiten wichtig, weil …? Sie ist immer wichtig. Aber denken wir nur zurück an die Zeit der Pandemie. Was hat sie uns doch gefehlt, die Kultur!

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Cohn-Bendits Dämonen

Cohn-Bendits Dämonen Ewa Hess | 18. Mai 2014 – 14:21 Im Hotel Castello del Sole in Ascona TI ist selbst die aufgeregte Stimmung eines Festivals kultiviert gedämpft. Die Sonne spiegelt sich im Lago Maggiore, internationale Literaten reisen an, um im Rahmen der Frühlingsveranstaltung «Eventi letterari» auf dem Monte Verità Ideen auszutauschen. In diese Umgebung scheint Daniel Cohn-Bendit nicht so recht zu passen. Mit dem schnellen Schritt eines Berufspolitikers betritt der «rote Dany» die Lobby. Die Haare des deutsch-französischen Doppelbürgers sind nicht mehr rot, doch der Blick hinter der runden Brille verrät ungebremste Neugierde und Debattierlust. Unser Treffen fällt mit seinem persönlichen Wendepunkt zusammen: Daniel Cohn-Bendit, 69, nimmt Abschied von der Politik. Nach 20 Jahren im Europaparlament als Vertreter abwechselnd der deutschen und der französischen Grünen setzt sich der ehemalige Rädelsführer des französischen Studenten­aufstands von 1968 zur Ruhe. Nach Jahren des Pendelns zwischen Brüssel und Frankfurt und einer überstandenen Krebserkrankung will Cohn-Bendit nun mit Ingrid Apel, mit der er seit 1997 verheiratet ist und einen erwachsenen Sohn hat, das Leben geniessen. Er wohnt in Frankfurt mit befreundeten Paaren gleichen Alters in ­einer Hausgemeinschaft. Daniel Cohn-Bendit, Sie ­sprechen zum Thema ­«Politische Utopien und ­persönliche Dämonen». Was erwartet uns da? Utopien und Dämonen sind das Thema des Literaturfestivals hier in Ascona. Ein gut gewähltes Thema, denn Utopien rufen Dämonen auf den Plan. Inwiefern? Utopien können sich radikalisieren und verselbstständigen. Darin liegt etwas Dämonisches, weil Utopie dann zum Selbstzweck wird und den Menschen aus dem Blick verliert. Beispiel? Schauen Sie meine Laufbahn an. Zuerst gab es für mich Sozialuto­pien – den Traum von einer besseren Gesellschaft. Verbunden mit der Revolte in den 60er-Jahren, hatte ich eine antiautoritäre Utopie. Daraus folgend, gab es für mich die grüne Utopie, das heisst die Vision, dass man Politik auch anders machen kann. Dann die europäische Utopie. Die Ziele mussten stets neu verhandelt werden, damit sie nicht auf Abwege geraten. Abwege? Meinen Sie damit etwa den Terrorismus? Absolut. Der Versuchung der Radikalisierung bis zur Gewalt hin bin ich klar entgegengetreten. Durch das Diskutieren, das Gegeneinanderabwägen kann man Dämonen im Zaum halten. Sie haben aber immer ­provoziert. Führt Provokation nicht auch zu Gewalt? Nein. Die Provokation zielt nicht auf die Vernichtung des anderen, im Gegenteil, sie will sich mit ihm auseinandersetzen. In den 70ern war meine Lust am Provozieren aber so stark, dass sich diese Haltung verselbstständigt hat – zum Dämon wurde. Ich wollte immer noch eins draufsetzen. Etwa in der französischen ­Kultursendung «Apostrophe» von 1982. Sie sagen da, dass Sie ein Haschischbiskuit intus hätten und erzählen, wie Sie im antiautoritären Kindergarten mit Kindern Sexualität entdecken würden. Sehen Sie, nein! Sie schildern das falsch. Nicht wie ich, sondern wie die Kinder die Sexualität entdecken! Das ist nicht das Gleiche. In dieser Sendung erzähle ich, wie die Kinder ihre Sexualität entdecken, und mokiere mich über die Reaktionen der Erwachsenen darauf. Ähnliches beschrieben Sie 1975 in Ihrem Buch «Der Grosse Basar», das seit einigen Jahren unter Verdacht steht, pädophile Handlungen zu ­verherrlichen. Eines mal vorweg: Diese Passagen waren nicht so gemeint, wie sie heute interpretiert werden. Überhaupt, das ganze Buch war nicht so gemeint, es war auch nicht nur Provokation, es gibt darin Kapitel über jüdische Identität in Israel, ein Thema, das mich heute wieder beschäftigt. Das Buch hat übrigens, als es herauskam, niemanden provoziert, es war überhaupt kein Skandal. Inzwischen weiss die Gesellschaft aber viel mehr über den Missbrauch von Kindern. Es gab damals Opfer, Kinder, die nicht beschützt worden sind. Ja, das ist empörend und sehr traurig. Aber ein Teil der Öffentlichkeit geht in diese Auseinandersetzungen nicht mit der Haltung «Versuchen wir zu verstehen, was da wirklich war oder nicht war», sondern mit der Haltung «Jetzt müssen wir ganz klar ein Urteil sprechen». Mit scharfen Urteilen hat die Generation der 68er auch nicht gerade gegeizt. Das stimmt. Es kann schon sein, dass das jetzt eine Retourkutsche ist. Ein Urteil, das jedes Argument zum Schweigen bringt. Wie gehen Sie damit um? Es hatte mich am meisten getroffen, als ich den Theodor-Heuss- Preis letztes Jahr bekommen habe und es in Stuttgart eine Demonstration gegen mich gab. Es hiess, man könne diesen Preis für freiheitliche Gedanken nicht einem wie mir geben. Haben Sie das nicht erwartet? Nicht in dieser Heftigkeit. Da ging es nicht mehr um den Text, da sollte plötzlich bewiesen werden, dass er einer pädophilen Realität entspricht. Was aber nie bewiesen werden konnte, weil es da keine gab. Da gab es meinerseits weder Gelüste noch Taten. In der Schweiz wird bald über eine Initiative abgestimmt, die für Pädophile ein Berufsverbot für Arbeit mit Kindern fordert. Wie würden Sie stimmen? Wohl dafür. Grundsätzlich ist es richtig: Wenn jemand pädophil ist, soll er nicht mit Kindern arbeiten. Das Problem liegt aber woanders. Wo liegt es? Man konzentriert sich dadurch auf Pädophile, die man durch ein Berufsverbot von den Kindern fernhalten kann. Dabei geht die Tatsache vergessen, dass die Mehrheit der pädophilen Täter Familienangehörige sind: Onkel, Väter. Das reale Problem umreisst eine andere Frage: Darf jemand, der begründet der Pädophilie verdächtigt wird, Vater werden? Sie sagen: begründet. Heute wiegt auch ein unbegründeter Verdacht schwer. Das stimmt. Darum wollen etwa in Deutschland immer weniger junge Männer Grundschullehrer werden oder in Kindergärten arbeiten. Ein Schüler meiner Frau hat ein Praktikum im Kindergarten gemacht. Er war begeistert, und die Leiterin hat ihn toll gefunden, aber gesagt, dass sie in Zukunft keine Männer mehr einstelle. Warum? «Weil wir aufpassen müssen.» Wir leben in einer Verdachtsgesellschaft. Spontane Zärtlichkeit den Kindern gegenüber ist gefährlich geworden. «Du musst deine Freundin anders lieben», schrieben Sie in einer Schrift aus den 60er-­Jahren. Was meinten Sie damit? Was weiss ich, was ich damals meinte. Aber heute vergisst man, wie verklemmt diese Gesellschaft damals war. In Frankreich brauchte eine verheiratete Frau die schriftliche Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollte. Bis 1973 war Homosexualität unter Strafe verboten. Es ging uns darum, ein offeneres Verhältnis zu Sexualität und Liebe zu entwickeln und nicht ein Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau. Ihr eigenes Leben verläuft in Bahnen, die dem Ideal eines braven Bürgers entsprechen –

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