Plottwists in Serie
Dieser Artikel untersucht die Verwendung von Plot Twist genannten Handlungswendungen in serialen Filmfiktionen. Dies ist ein weitgehend unerforschtes Gebiet, da sich das Interesse an diesem Phänomen bisher hauptsächlich auf sogenannte «Plot-Twist-Filme» konzentriert hat, die einer älteren Erzähltradition entstammen. Gerade was heutzutage populären serialen Narrative anbelangt, gibt es noch wenig Verlässliches. Um dieses ästhetische Phänomen zu erklären, stützt sich der Artikel auf das ursprünglich von den Kognitionspsychologen Wulf Meyer, Rainer Reisenzein und Achim Schützwohl vorgeschlagene Überraschungsmodell. Plot Twists zeichnen sich durch drei unterschiedliche, aber eng miteinander verflochtene zeitliche Segmente und deren entsprechende Funktionen aus, die durch dieses Modell erklärt werden. Das Ziel dieses Artikels ist es, zu untersuchen, wie kognitiv-emotionale Interaktionen das ästhetische Seherlebnis prägen, und herauszufinden, inwiefern dieses Erlebnis mit den künstlerischen Qualitäten der Serien zusammenhängt. Als Testfälle dienen Game of Thrones (S01 und S03), Homeland (S01) und Westworld (S01). In jedem der drei Handlungssegmente gibt es spezifische Prozesse, die das Erlebnis der Überraschung als ästhetisches Phänomen auszeichnen. Der Tod von Jon Snow am Ende der fünften Staffel der Fernsehserie Game of Thrones löste unter den Fans der Serie in den sozialen Medien heftige Reaktionen aus. Tausende Zuschauer auf der ganzen Welt beteiligten sich an der Diskussion über die Bedeutung und die Auswirkungen dieses Ereignisses und machten es zu einem globalen Ereignis in der partizipativen Kultur der zeitgenössischen Serienkultur. In diesem Artikel schlagen wir eine Erklärung für dieses bemerkenswerte kulturelle Phänomen vor. Basierend auf einer Theorie von Handlungswendungen als Überraschungsstrukturen argumentieren wir, dass die Reaktionen der Fans als konkrete, kontextuell angepasste Verwirklichungen der charakteristischen kognitiven Reaktionen verstanden werden können, die durch die Emotionen der Überraschung und des Schocks ausgelöst werden, die durch unerwartete negative Ereignisse hervorgerufen werden. Unsere Analyse konzentriert sich insbesondere auf die Beiträge der Zuschauer zur Etablierung der durch die Wendung widerlegten Überzeugungen und auf die kognitiven Aktivitäten, die dazu dienten, ihre Gedanken an die neue Realität anzupassen, die durch die Wendung offenbart wurde, einschliesslich Reflexionen über die ästhetischen Aspekte der Wendung und die Erzählung, in die sie eingebettet war. Durch die Bereitstellung einer öffentlichen Plattform für diese Reflexionen ermöglichten die Fanforen, dass die individuellen Versuche, sich an die Wendung anzupassen, zu einem kollektiven Unterfangen wurden. Die Studie veranschaulicht, wie universelle kognitive Mechanismen mit kulturell produzierten Inhalten interagieren, um weltweit ähnliche Reaktionen auf ein fiktionales Ereignis hervorzurufen. Die Elemente eines Plottwists sind an sich standardisiert. Es gibt meist eine Vorahnung. Dh die Wendung sollte im Vorfeld subtil angedeutet werden, damit sie im Nachhinein Sinn ergibt, wird jedoch durch Ablenkungsmanöver verschleiert. Glaubwürdigkeit: Sie muss sich logisch in die etablierten Regeln des Universums der Geschichte einfügen. Tempo: Die Enthüllung sollte in einem Moment mit maximaler Wirkung erfolgen und die verbleibende Handlung vorantreiben, anstatt lediglich als Spielerei zu dienen. Dennoch unterscheiden sich die einzelnen Ausführungen im Grad ihrer Radikalität und/ oder eben Trivialität. Handlungswendungen in «Game of Thrones» etwa werden strategisch eingesetzt, um traditionelle Erzählkonventionen zu unterlaufen, die Spannung zu steigern und die inneren Regeln der Welt zu etablieren. Sie dienen nicht bloss dem Schockeffekt, sondern fungieren als ein zentrales Mittel, um die Charakterentwicklung voranzutreiben, geopolitische Machtverhältnisse zu verschieben und das Thema moralischer Ambivalenz zu ergründen. In «Homeland» hingegen dienen die Twists als strukturelle Mittel, um die Erwartungen der Zuschauer zu unterlaufen, die psychologische Spannung zu steigern und tiefsitzende moralische Ambivalenz zu ergründen. Die Erzählung stützt sich auf diese plötzlichen Enthüllungen, um Loyalitäten ständig zu verschieben, die Figuren in ausweglose Situationen zu drängen und die unvorhersehbare, zynische Realität der internationalen Spionage widerzuspiegeln. Eine meisterhafte Wendung in der Handlung ist die höchste erzählerische Leistung, insofern ist sie so etwas wie Adelzertifikat für die lange verpönte Gattung des seriellen Erzählens im zeitbasiertem Medium. Sie unterläuft die Erwartungen und löst einen Moment der Erkenntnis aus, der das Verständnis des Publikums für die Geschichte rückwirkend verändert. Die «akademische» Schönheit einer Wendung liegt in ihrer Konstruktion: Sie wirkt sowohl wirklich überraschend als auch im Nachhinein komplett unausweichlich.
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