Peter Bichsel und Sophie Hunger admin | 23. MĂ€rz 2010 – 12:08 «Ich hĂ€tte es nie gewagt, Sophie zu fragen» Peter Bichsel, 74, und SĂ€ngerin Sophie Hunger, 27, ĂŒber âZimmer 202âł, den Geburtstagsfilm des Schriftstellers, Beizen und TrĂ€ume von Ewa Hess & Christian Hubschmid Der Schriftsteller Peter Bichsel und die SĂ€ngerin Sophie Hunger treffen aufeinander: Im Dokumentarfilm «Zimmer 202» zu Bichsels 75. Geburtstag macht Hunger die Musik. Und jetzt begegnen sich die beiden herausragenden Schweizer KĂŒnstler beim Interview mit der SonntagsZeitung zum ersten Mal persönlich. Peter Bichsel, ist es ein Zufall, dass Sophie Hunger die Musik fĂŒr «Zimmer 202» gemacht hat?Bichsel: Die Idee kam vom Regisseur. Ich hĂ€tte nie gewagt, davon zu trĂ€umen, hĂ€tte mich nie getraut, den Star zu fragen. Bewundern Sie Sophie Hunger?Bichsel: Ja, ich bin unheimlich begeistert von der Vielseitigkeit ihrer Kunst. Sie hat nicht einfach den Mund offen und eine Gitarre in der Hand, sondern die Antennen draussen. Sophie Hunger, warum haben Sie zugesagt?Hunger: Weil Peter Bichsel fĂŒr mich etwas Fundamentales bedeutet. Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, weil ich letztes Jahr permanent auf Tour war, aber dann habe ich dem Regisseur gesagt, wenn er es akzeptiert, dass ich die Musik schreibe, bevor der Film fertig ist . . . Er war einverstanden?Hunger: Ja. Peter Bichsel, haben Sie die Musik schon gehört?Bichsel: Ich habe einen Rohschnitt des Films gesehen und war begeistert von der Musik. Vermutlich werde ich nicht der Einzige sein, der im Kino die Augen schliesst und nur der Musik zuhört. Sophie Hunger, inwiefern ist Peter Bichsel fĂŒr Sie fundamental?Hunger: Ich habe als Kind Bichsel gelesen. Die Geschichte von dem alten Mann, der eines Tages zum Tisch Stuhl sagt, war eine Offenbarung fĂŒr mich. Es war, als ob die ganze Welt nochmals von vorne beginnen wĂŒrde. Ich habe dort entdeckt, dass alles eine Erfindung ist. Wie alt waren Sie da?Hunger: Das weiss ich nicht mehr, aber spĂ€ter im Leben bin ich mal an die Uni gegangen, weil ich meinte, ich mĂŒsse studieren. Der Professor hat erklĂ€rt, dass ein sprachliches Zeichen immer aus dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten besteht, und dass die Zuordnung des Einen zum Andern arbitrĂ€r sei. Da dachte ich: Aber das weiss doch jedes Kind, nĂ€mlich von Peter Bichsel! Peter Bichsel, Sie sind eine Identifikationsfigur, selbst fĂŒr die Generation, die fĂŒnfzig Jahre jĂŒnger ist als Sie.Bichsel: Nein, ich bin keine Identifikationsfigur. Der Schriftsteller Bichsel, der Erfolg hat, ist ein anderer, der zufĂ€lligerweise gleich heisst wie ich. Er ist ein Fremder. Sie distanzieren sich vom Publikumsliebling Bichsel?Bichsel: Ich freue mich ĂŒber den Erfolg, aber der Erfolg ist Zufall. Er hat nur bedingt mit QualitĂ€t zu tun. Ich habe mich ein Leben lang gewehrt, auf mich selbst hereinzufallen. Das ist etwas vom Schlimmsten. Sophie Hunger, wie erleben Sie den Erfolg?Hunger: FĂŒr mich ist das alles vor wiegend draussen passiert. Nicht in mir drinnen. Aber es gibt verÂwirrende Nebeneffekte. Vor allem, wenn man in Interviews stĂ€ndig zur Selbstanalyse geÂdrĂ€ngt wird, dann wird man irÂgendwann zur eigenen SekundĂ€rÂliteratur. Das muss man unbeÂdingt und möglichst furchtÂeinflössend von sich weisen. Bichsel: Durch den Erfolg wird einem etwas weggenommen. Ein StĂŒck NaivitĂ€t. Wenn mich junge Autoren fragen, was sie machen sollen, sage ich: Schreiben, schreiben, schreiben. Denn wenn das Buch erst einmal heraus kommt, dann wird das Schreiben anders. Lesen Sie manchmal Ihre frĂŒhen Texte?Bichsel: Wenn ich das Buch «EiÂgentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen» noch mals in die Hand bekomme und drin lese, dann kommt bei mir ei ne Hochachtung auf vor diesem jungen Mann, der das geschrie ben hat. Was der konnte, kann ich nicht. Was ist das?Bichsel: So schreiben. So knapp, komponiert schreiben. War Ihr zweites Album, das nĂ€chsten Freitag erscheint, auch etwas ganz anderes als Ihr erstes, Sophie Hunger?Hunger: Ja, ich hatte schnell das GefĂŒhl, dass ich nach «Mondayâs Ghost» alles kaputt machen und neu machen muss. Auf der TourÂnee letztes Jahr blĂŒhte ich richtig auf, hatte dauernd neue Ideen. Bichsel: Das erstaunt mich nicht, Sophie. Auf deiner Homepage haÂbe ich dein Konzert in Paris geseÂhen. Mir fiel auf, dass du im MoÂment des Machens dir etwas selÂber erzĂ€hlst. Man merkt, dass du fĂŒr die Leute singst, aber auch fĂŒr dich selber. Es ist nicht nur ein nach aussen Singen, es ist auch ein nach innen Singen. Hunger: Das ist fĂŒr mich der Kern des Musizierens. Es gibt keine Musik ohne Publikum. Als Kind spĂŒrt man das am besten, wie alÂles, was man macht, nach aussen und nach innen wirkt. Zum BeiÂspiel, wenn man seinem viel stĂ€rÂkeren Bruder Erdbeermousse ins Gesicht schmiert. Stichwort Paris: Im Film «Zimmer 202» erzĂ€hlen Sie, Peter Bichsel, dass Sie sich ein Leben lang geweigert haben, dorthin zu fahren. Warum?Bichsel: Weil ich die Sehnsucht schöner finde als die RealitĂ€t. Ich wollte immer nach Paris gehen â wegen der Kunst, wegen der BohĂšme â und ich habe auch al les gelesen ĂŒber Paris. Ich wusste, es gibt irgendwo eine wunderbare Stadt mit goldenen DĂ€chern. Aber ich hatte Angst, diese Sehn sucht durch Wirklichkeit zu be schĂ€digen. Sie, Sophie Hunger, haben keine Angst vor Paris. Sie haben dort Erfolg und fĂŒhlen sich so zu Hause, dass Sie sogar Chansons von Jacques Brel auf der Strasse singen.Hunger: Ja, ich habe nie von PaÂris getrĂ€umt. Diese Stadt war nie ein Ort, den ich mit Geschichten fĂŒllte. Wenn es einen Sehn suchtsort gibt, dann vielleicht Lissabon. Kennen Sie Lissabon?Hunger: Aus der Betrachtung von Landkarten. Bichsel: Du hast eben die Haltung einer Leserin. Es gibt ein primĂ€res Leben â die Abenteuer, die Liebe, Essen, Trinken â und es gibt ein sekundĂ€res Leben â das Dasitzen, Schauen, Hören, Lesen. Dieses sekundĂ€re Leben ist wichtig. Mich hĂ€lt es am Leben. Wenn es nur ein primĂ€res Leben gĂ€be, hĂ€tte ich es schon lange weggeworfen. Wie ist das bei Ihnen, Sophie Hunger?Hunger: Es ist noch zu frĂŒh, um das zu sagen. Viele Menschen brauchen das sogenannte primĂ€Âre Leben, weil sie sich nur dort verwirklichen können. Ich habe noch ein bisschen Zeit, um mir da Klarheit zu verschaffen. Bichsel: Weisst du, Sophie: Es kommt nicht mehr viel dazu. Du