Fotografie

Die Frau mit der Rolleiflex

Die Frau mit der Rolleiflex Ewa Hess | 14. Februar 2016 – 13:52 Die bisher grösste Schau der Fotografin Vivian Maier war in Zürich zu sehen. Ich versuchte damals rauszufinden, was mit dem in alle Winde verstreutem Nachlass tatsächlich geschieht. Nicht ganz einfach…«Die Entdeckung der Fotografin Vivian Maier, die vor sieben Jahren 83-jährig unerkannt, einsam und arm in Chicago starb, veränderte den Blick auf die Geschichte der Fotografie. Das immense Werk des fotografierenden Kindermädchens enthält Bilder, die schon jetzt zu den Klassikern gehören und sie in eine Reihe mit den Meistern wie Robert Frank, Paul Strand oder Henri Cartier-Bresson stellen.Nach und nach tritt aus dem Dunkel ihrer selbst gewählten Anonymität auch die Persönlichkeit der ungewöhnlichen Fotografin hervor. Die umfangmässig bisher grösste Ausstellung ihrer Werke ist bald in Zürich zu sehen. Mit 150 Bildern wird die Schau einen einmaligen Zugang zum Universum der «fotografierenden Mary Poppins» bieten. Vivian Maier setzte Menschen in alltäglichen, manchmal skurrilen Situationen ins Bild. Sie war in den Strassen unterwegs, sichtbar und doch unsichtbar, eine schmale, unauffällig gekleidete Frau mit strengen Gesichtszügen und einer grossen Rolleiflex-Kamera vor der Brust. Sie schien ihrem schweren Kasten den Vorzug vor der handlicheren Leica zu geben, vielleicht, weil man mit ihm beim Fotografieren nicht direkt zum Objekt, sondern in die Kamera runterschauen musste. Das gab ihr die nötige Distanz.In der fruchtbarsten Zeit ihres Lebens, als sie für mehrere Jahrzehnte Unterschlupf bei einer Familie in Chicago als Erzieherin von drei Buben fand, machte sie auf diese Weise endlose Streifzüge und brachte reiche Beute heim – die sie aber nie sah, denn sie machte von ihren Negativen selten Abzüge. «Sie war sich ihrer Kunst so sicher», sagt der Kunsthistoriker Daniel Blochwitz, der die Zürcher Ausstellung kuratiert, «dass sie selten mehrere Aufnahmen des gleichen Sujets machte». Das Foto sass meist. Sofort. Die Geschichte von Vivian Maiers Entdeckung mutet immer noch wie ein Märchen an. Die Kisten mit den Negativen (es waren ihrer 150 000) musste die später arbeits- und obdachlos gewordene Nanny in einem jener Lagerhäuser unterstellen, die es in Amerika zu Tausenden gibt. Als sie die Miete nicht mehr zahlen konnte, wurde ihr dort gelagertes Hab und Gut in einem Stück versteigert. So kam es zur Entstehung des «fragmentierten Archivs», wie es eine ihrer Biografinnen, Pamela Bannos, nennt.Die Kisten wurden gekauft und wiederverkauft. Der Immobilienagent John Maloof war der erste, dem die Qualität des Materials auffiel. Seither verschrieb sich der Hobby-Historiker der Aufarbeitung, Bekanntmachung und auch dem Verkauf des immensen Schatzes. Der Dokumentarfilm «Finding Vivian Maier», der im vergangenen Jahr in den Schweizer Kinos lief, war ebenfalls seine Initiative.Der Einstandspreis von 4000 Dollar, den Maloof für seine ersten Kisten zahlte (inzwischen hat er durch Zukäufe seinen Bestand komplettiert), steht natürlich in keinem Vergleich zum gegenwärtigen Wert dieser Negative, der auf Millionen geschätzt wird. Damit hängt auch die Frage des Copyrights wie die Vorahnung eines juristischen Unheils über dem Bestand. Der erste Hickhack hat schon angefangen. Denn nebst Maloof, der mittlerweile an die 100 000 Negative besitzt (die Rechte hat er vorsorglich Maiers Cousin in Frankreich abgekauft – ob dieser der einzige Verwandte war, steht allerdings noch aus), gibt es noch den kanadischen Galeristen Stephen Bulger, der den Bestand von 20 000 Negativen dem Zwischenhändler Jeffrey Goldstein abkaufte und für Juni eine grosse Ausstellung plant. Natürlich ist die Fotografin, die zur Zeit des ersten Verkaufs ihrer Kisten 2007 noch lebte und so unauffindbar wie krank im Spital lag, zum Gegenstand einer fiebrigen biografischen Suche geworden. An der sind auch noch die Kunsthistorikerin Pamela Bannos beteiligt sowie die pensionierte New Yorker Treuhänderin Ann Marks, die ihre Erkenntnisse im Internet publiziert (vivianmaierbio.wordpress. com).Inzwischen hat man mehrere Familien ausfindig gemacht, für die Maier gearbeitet hat, und weiss auch, dass ihr einziger Bruder kinderlos in einer psychiatrischen Anstalt starb. Zeitzeugen berichten von einer Frau mit einigen Macken und viel Charakter (auch darin Mary Poppins nicht unähnlich), die weder Freunde noch Verwandte hatte und ihr Zimmer stets abschloss. Aus den Fotografien, die nach und nach entwickelt werden, ergibt sich das Bild einer selbstbewussten Künstlerin, die genau wusste, was sie tat. Ja, sie war einsam, doch ausser den Kindern schien sie auf Gesellschaft keinen Wert zu legen. Ihren kleinen Gefährten sind denn auch ihre wärmsten Aufnahmen gewidmet, auch in dem in Zürich ausgestellten Konvolut. Doch «warm» heisst bei dieser Ausnahmefotografin nicht gefühlig und schon gar nicht sentimental, denn ihr Auge war vor allem eins: gnadenlos unbestechlich. «Vivian Maier – Taking the Long Way Home», Photobastei Zürich, 4. März bis 3. April 2016 About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! 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Kentridge und die «Nase»

Kentridge und die «Nase» Ewa Hess | 12. Juni 2015 – 11:27 Eine der Folgen der südafrikanischen Apartheid war die kurz nach dem Fall des Regimes eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission. Die von Nelson Mandela erfundene und von Desmond Tutu präsidierte Para-Behörde ermutigte die Verbrecher aus der dunklen Zeit der Rassentrennung dazu, ihre Untaten vor Zuhörern zu bereuen. Damit hatte es sich auch. Die öffentliche Beschämung und Reue, so die Prämisse, sollte eine juristisch verhängte Strafe durch eine gesellschaftlich konstruktivere Praxis ersetzen. An diese interessante, aber auch seltsam ambivalente gesellschaftliche Einrichtung muss man beim Anblick von William Kentridges Werken oft denken. Öffentliche Beschämung statt Strafe ist am Ende vielleicht auch kein besonders humanes Konzept; die Farce eines lärmigen Bauerngerichts, bei dem die Schuld verhandelt, aber nicht wirklich gefunden wird, steht oft im Hintergrund der Filme und Werke des 61-jährigen Künstlers. Auch jetzt, im Haus Konstruktiv, in dem der südafrikanische Künstlerstar seine von der russischen Avantgarde inspirierten grossartigen Videos zeigt. Ein Schritt in den Erdgeschosssaal, und schon ist man mitten in der schrillen Kentridge-Welt: groteske Figuren, absurde Rituale und – Musik! Hereinspaziert, meine Damen und Herren, Musik! Mit komödiantisch verbrämter Verzweiflung zappeln hier Pferde, Menschen und Nasen, sie steigen auf Leitern, bilden Prozessionen, tanzen Kasatschok oder klagen einander mit Zitaten aus stalinistischen Schauprozessen der 30er-Jahre an. Die ganze Suite von acht nur wenige Minuten langen Filmstücken läuft simultan und trägt den rätselhaften Titel «I am not me, the horse is not mine», was die ins Englische übersetzte russische Entsprechung von «Mein Name ist Hase» ist, also eine Formel, die jede Schuld weit von sich weist. Spätestens nach der Klärung der Redewendung wird klar, was William Kentridge an Schostakowitschs Oper «Die Nase» – und an der ihr zugrunde liegenden Erzählung Nikolai Gogols – fasziniert haben mag: das südafrikanische Thema der sich diffus in alle Lebensbereiche einschleichenden Schuld. Repetieren, variieren Es war Kentridge, der auf die Anfrage der New Yorker Metropolitan Opera 2006 die skurrile «Nase» vorschlug. Die Premiere fand 2009 statt, auf einer virtuos von Kentridge eingerichteten Bühne. In den drei Jahren dazwischen entstanden unzählige Werke, in welchen der Künstler sich das Thema, wie das seine Gewohnheit ist, repetierend, variierend und verfremdend aneignete. So entstanden Radierungen, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, ja sogar Teppiche – alles im Haus Konstruktiv zu sehen, – und überall geistert die ominöse Nase des Petersburger Kollegien-Assessors Kowaljow herum. Was hat es mit dieser Nase auf sich? Der russische Schriftsteller Nikolai Gogol (1809–1852), realistischer Vorläufer des Surrealismus, erzählt in seiner rätselhaften Novelle die abstrusen Erlebnisse des Petersburger Beamten, der eines Tages ohne Nase aufwacht. Es stellt sich heraus, dass der unsubordinierte Körperteil sich in eine höhere Stellung als sein Besitzer hineinzumogeln vermochte. Unangenehm: Kowaljow begegnet seiner eigenen Nase in der Kirche; zu seinem Entsetzen trägt sie die funkelnde Uniform eines Staatsrats. 100 Jahre nach Erscheinen der Novelle wendet sich der erst 24-jährige Dmitri Schostakowitsch der Burleske zu. Man schreibt das Jahr 1930, das starre Beamtensystem des alten Russlands ist Geschichte, doch der junge Sowjetstaat erlebt den Aufstieg einer neuen, ebenso dumpf machtgierigen Klasse, die der Parteifunktionäre. Diese neuen Kleinbürger, von den avantgardistischen Höhenflügen des Jahrhundertanfangs bereits Lichtjahre weit entfernt, sahen in der Musik Schostakowitschs lediglich «Wirrwarr». Ähnlich verdächtig erschien ihnen die Farce von Gogol – kein Wunder. Sie mussten sich in dem Wettstreit um Macht und Einfluss, den Kowaljow mit seiner Nase ausficht, diffus veräppelt vorkommen. Die Oper verschwand nach ihrer Uraufführung 33 Jahre lang in der Ver­senkung, wird seither aber oft aufgeführt. Der Kuratorin Sabine Schaschl ist es nun gelungen, den ganzen Reichtum von Kentridges Auseinandersetzung mit der «Nase» nach Zürich zu holen. Da die Schau einen thematischen Schwerpunkt hat, ist es keine klassische Retrospektive, was ihr keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, konzentriert und unterhaltsam bekommt man die Vielseitigkeit des Künstlers vorgeführt, der in den meisten der gängigen Rankings unter den wichtigsten zehn weltweit gelistet wird. Der Sohn eines jüdischen Juristenpaars (das sich während der Apartheid auf die Verteidigung von Menschen dunkler Hautfarbe spezialisiert hatte) ist in den 90er-Jahren mit dem Vermischen von Kunst, Film und Theater bekannt geworden. Seine Trickfilme, für die er in archaisch anmutender Stop-Motion-Technik Zeichnungen und Puppen animiert, wurden auf der Documenta, an der Biennale, in New York, Paris, London gezeigt. Zurzeit wird seine Inszenierung von Alban Bergs «Lulu» in Amsterdam gespielt. Die furiose Schau um «seine Majestät die Nase», wie es Kentridge in einem seiner Werke ausdrückt, bringt sein künstlerisches Universum endlich in die Schweiz. Veröffentlicht am 9. Juni im Tages Anzeiger. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! 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Steidl und Keel

Steidl und Keel Ewa Hess | 13. Januar 2014 – 23:58 Am Sonntag zur Zeit des Kirchgangs habe ich im Rahmenprogramm der Messe Photo 14 die schöne Aufgabe, ein Gespräch zwischen zwei grossartigen Verlegern zu moderieren, die auch Künstler sind. Philipp Keel hat als Künstler bei Steidl den wunderbaren Band «Color» herausgebracht. Gerhard Steidl ist ein Druck- und Verlagskünstler, denn seine gemeinsam mit den grössten Fotografen unserer Zeit (Robert Frank, William Egglestone, Ed Ruscha, Jeff Wall, Joel Sternfeld, Alec Soth und viele andere) entworfenen Fotobücher sind allesamt Kunstwerke. Fotografin und Autorin Monica Beurer (die auch als Monica Boirar veröffentlicht) sass im Publikum und hat diesen Bericht über diese Begegnung verfasst: @ Monica Boirar (erschienen auf FotoIntern) Zwei Verleger ersten Ranges waren an der photo14 in der Maaghalle Zürich geladene Gästen des photoFORUMs. Gerhard Steidl und Philipp Keel unterhielten sich gestern Mittag mit Ewa Hess, Leiterin Kulturressort der Sonntags-Zeitung. Autoren seien schwierige Menschen. Darüber waren sich Gerhard Steidl und Philipp Keel im Gespräch mit Ewa Hess einig. Der Sohn von Daniel Keel, Autor, Künstler und Filmemacher, der nach dem Tod seines Vaters, Gründer des Diogenes-Verlags, 2011 nun selbst Verlagsleiter geworden ist, erinnerte sich, wie schwierig er in der Rolle des Künstlers bei der Realisierung seines ersten Fotobuchs im Steidl Verlag gewesen sei. Das ausgiebige Gezänke zwischen ihm und Gerhard Steidl um die konkrete Umsetzung habe nicht drei Wochen, wie es Steidl zuerst geschildert hatte, sondern insgesamt drei Monate gedauert. Keels erster Bildband «Color», 2004 bei Steidl publiziert, aus dem im Verlauf des Abends rund drei Dutzend farbige Fotografien via Beamer-Projektion gezeigt wurden, ist mittlerweile vergriffen. Steidl, der sich als 18-jähriger von Andy Warhol die Technik des Siebdrucks hatte erklären lassen, in jungen Jahren Assistent bei Joseph Beuys gewesen war, weiss seine eigene Kreativität für das Verlagsgeschäft offenbar erfolgreich zu nutzen. Im Bewusstsein, dass hinter einem fotografischen Projekt oft eine jahrelange Arbeit stecke, befrage er die Autoren zuallererst nach deren Vision. Erst dann gelte es, Ideen zu entwickeln bezüglich des passenden Formats und Papiers. Mit seinem aussergewöhnlichen Verlagshaus – die Druckerei befindet sind im selben Haus, einen Stock unterhalb der Büroräumlichkeiten – hat sich Steidl ein kleines Imperium erschaffen. Hier sei er nicht der König, wie es Hess ausdrückte, sondern der Diktator, meinte Steidl. Der Geruch der Druckerfarbe sei die süchtig machende «Droge». In einer Schaffenskrise habe Karl Lagerfeld ihm die beste Antwort gegeben bezüglich Sinn und Zweck der mit ihm zusammen realisierten Fotobücher. Es gelte, Atmosphäre zu verkaufen. Steidl verglich das Erlebnis «Fotobuch» mit einem Theaterabend und möchte die Leute für ein paar Stunden verzaubern. Ähnlich denkt auch Philipp Keel. In seinem belletristischen Verlag sei der Vorhang zu Beginn und am Ende etwas anders, aber auch er wolle die Leute gut unterhalten, bei Diogenes natürlich mit spannenden Geschichten. Nach der Qualität der freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Verleger und den Autoren befragt, stellt Keel fest, dass er, seit er Verlagsleiter sei, ein permanent schlechtes Gewissen habe, weil ihm die Zeit fehle, seine Versprechungen, wieder einmal anzurufen, einzuhalten. Mehr als eine Arbeitsbeziehung wolle er mit seinen Autoren auf gar keinen Fall eingehen, sagte Steidl, auch nicht mit Günter Grass, dessen weltweite Rechte er an seinen Werken besitzt und mit der «Blechtrommel», die in Übersetzungen noch immer einige hunderttausendmal pro Jahr verkauft werde, viel verdiene. Nach dem Wunsch von Grass fliesse von den Einnahmen auch etwas Geld in die Förderung junger Talente. Das Beschränken der freundschaftlichen Beziehung auf eine Arbeitsbeziehung sei, so Steidl, eine sehr gute Methode, um über Jahrzehnte hinweg über die Runden zu kommen. So habe Grass beispielsweise versucht, ihn zu verheiraten. Das habe allerdings nicht geklappt. Eine aus dem Publikum gestellte Frage im Anschluss an das moderierte Podiumsgespräch entlockte Steidl ein paar interessante Zahlen aus seinem Verlagsalltag. Der bei seinem berühmten Fotobuchverlag offenbar abgeblitzte Fotograf fragte nach einem Erfolgsrezept, um sein Buchprojekt doch noch realisieren zu können. Jährlich erhalte er etwa 2‘000 Angebote für Bücher, darunter seien 300 bis 400, die er gerne machen würde, mehr als 20 bis 30 Debütautoren könne er bei seiner Jahresproduktion von 220 visuellen Büchern nicht berücksichtigen, sagte Steidl. Schliesslich gelte es vor allem auch, neue Bücher von Autoren zu veröffentlichen, mit denen er teilweise bereits über mehrere Jahrzehnte hinweg gut und gerne zusammenarbeite. Vom Drucken im Eigenverlag rate er dringend ab. Bei erfolgloser Suche, sei es besser, das Projekt ganz fallen zu lassen. Philipp Keel ermutigte den Fragesteller aus dem Publikum, bei seiner Suche auf jeden Fall hartnäckig zu bleiben. Mit gutem Beispiel voran, nutzte Keel selbst die Gunst der Stunde und übergab Gerhard Steidl vor den Zuschauern, als hilfreiche Zeugen, einen Umschlag mit dem Buch-Dummy seines neuen Bildbandes. Gerhard Steidl könne nun nicht mehr sagen, die Maquette sei wohl irgendwo in seinem Verlag liegengeblieben und er habe sie noch gar nicht gesehen. Ob sich der Eigentümer und Geschäftsführer des bekannten Göttinger Verlags diesem öffentlichen Druck fügen wird oder das neue Projekt von Philipp Keel nun erst recht für längere Zeit in die Warteschlaufe legt, wird sich weisen. Wir warten gespannt auf den zweiten Fotoband. www.monicabeurer.ch   About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. 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Traurige Tropen

Traurige Tropen Ewa Hess | 14. Januar 2014 – 20:56 Bin begeistert von der neuen, wunderbar poetischen Photoarbeit von Hennric Jokeit. Hennric ist ein Zürcher Neuropsychologe und Photokünstler, mit dem gemeinsam ich den Aufsatz «Neurokapitalismus» verbrochen habe. Er stellt gegenwärtig in der Zürcher PHOTOBASTEI aus. Zu Neurokapitalismus: Der Text befasst sich mit jenem «shift» unseres Bewusstseins, der durch die Fortschritte der Neurowissenschaften und das Aufkommen von Neuropsychopharmakologie ausgelöst wurde. (Shift: Dass wir also unser Hirn, unsere Identität, als etwas empfinden, dass künstlich verändert, also «gemacht» werden kann. Klingt kompliziert, und ist es auch. Ich habe auf den Text im ersten Absatz verlinkt.) Zu Hennrics photographischer Arbeit: irgendwie hat sie auch mit diesem Themenumfeld zu tun. Sie bezieht sich auch auf «Tristes Tropiques / Traurige Tropen» (1955), Claude Lévi-Strauss‘ bekanntestes Buch. Die Arbeit ist eine Serie atmosphärischer Aufnahmen, die eine Stimmung unbehauster Melancholie zum Ausdruck bringen. Nicht sofort merkt man, dass es sich bei diesen «geisterhaften» Bildern um Negative handelt. Die Form und der Eindruck, den sie auf der Netzhaut hinterlässt, das Positiv und das Negativ, die Form und ihre Gegenform – hinter der Poetik Jokeits steckt auch die Melancholie einer wissenschaftlichen Durchdringung der materiellen Welt. Kein Zufall, dass die grossen, scheinbar so nüchternen Forscher numinosen Ahnungen keineswegs verschlossen bleiben. Jokeit selbst schreibt über seine Arbeit: «Der Titel Tropen ist mehrdeutig, denn er verweist neben seiner geographischen Bedeutung auf rhetorische Stilfiguren, die Begriffe durch bildhafte Ausdrücke ersetzen. Diese mentalen Visualisierungen waren für Lévi-Strauss‘ Untersuchungen unverzichtbar. Sie sind “Sinnbilder für ein Kommendes, das wir noch nicht zu erkennen vermögen, und Abbilder einer sich zum eigenen Überdruß gewordenen Epoche” (Jean Améry). Das Dispositiv trauriger Tropen ist zweifellos negativ.» In der gleichen Ausstellung sind noch weitere Arbeiten Jokeits zu sehen: die ältere Photoserie Time Squares und eine brandneue Installation «Neurokapitalismus (Your Brain is Their Profit)». Die letztere, welche sich auf den (eben, gemeinsam mit mir!) verfassten gleichnamigen Aufsatz bezieht, reflektiert die Erscheinungsformen einer sich radikal verändernder Wirklichkeit. Konzepte von Raum, Zeit und Identität verflüssigen sich, flimmern – psychedelisch! http://traurige-tropen.com   About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember 13, 2022 von &s @askewa folgen Neueste Beiträge Baselitz‘ WeltI likePrivate Sales, ein SchattenspielAdieu John BergerTalk mit Jacqueline Burckhardt Blogroll FAQNews-BlogPop MattersRevue 21Support ForumWordPress-Planet Themen Ai Weiwei Amerika Andy Warhol Aphrodite Ascona Baron Heinrich Thyssen Basel Biennale Venedig Bird’s Nest Caravaggio China Fischli/Weiss Fondation Beyeler Frank Gehry Georg Baselitz Gerhard Richter Ghirlandaio Gstaad Gurlitt Gustav Klimt Harald Szeemann Keanu Reeves Kunst Kunstmuseum Basel Louise Bourgeois Maja Hoffmann Maria Lassnig Marlene Dumas Melinda Nadj Abonji Monte Verità Nachtkritik Oprah Winfrey Pipilotti Rist Schweizer Architektur Schweizer Film Schweizer Kunst Schweizer Literatur Shakespeare Simon de Pury Thomas Hirschhorn Ugo Rondinone Urs Fischer Valentin Carron Warhol Weltwoche Next Post Schreibe einen Kommentar Cancel Reply Logged in as Ewa Hess. Edit your profile. Log out? Required fields are marked * Message*

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Blaue Illusionen

Blaue Illusionen Ewa Hess | 8. März 2010 – 15:35 Irgendwie sind wir doch alle Avatare Der Traum vom perfekten Körper:Neytiri vom Mond Pandora in James Camerons Film «Avatar» Foto: Cinetext In Camerons Film spiegelt sich das Körperproblem unserer Gesellschaft von Ewa Hess Regungslos sitzen Menschen in den dunklen Kinos, 3-D-Brillen auf den Nasen. Höchstens die Hand wandert von der Popcorn-tüte zum Mund und zurück. Oder es geht ein Zucken durch die stillgelegten Körper, wenn der blaue Kraftprotz auf der Leinwand waghalsig in die Tiefe springt. Zweieinhalb Milliarden Dollar hat James Camerons «Avatar» bisher weltweit eingespielt, das entspricht 250 Millionen Zuschauern, und selbst wenn der Film heute Abend in der Oscarnacht nicht zum besten Film des Jahres gekürt werden sollte, ist er der kommerziell erfolgreichste aller Zeiten. Und obwohl Warner-Konkurrent und Branchenführer Disney mit dem nächsten 3-D-Spektakel, «Alice im Wunderland», auf den Markt drängt, steht er vor verschlossenen Türen der 3-D-Kinos: Die Betreiber wollen Kassenmagnet «Avatar» weiterspielen. Wir sperren unsere Bäuche und Hintern in die Kinos ein Kein Zweifel, Camerons Film trifft den Nerv der Zeit. Die dreidimensionalen Sprünge der computergenerierten blauen Helden läuten eine neue Ära ein – sie lassen uns die eigenen, makelbehafteten Körper endlich wirklich vergessen. Wie Sully, der paraplegisch gelähmte Held dieses SF-Märchens, sperren wir unsere un- zulänglichen Bäuche, Beine und Hintern in dunkle Kinocontainer ein und lassen einen Stellvertreter die berauschende Fantasie der unendlichen Bewegungsfreiheit ausleben. Denn je kleiner die Rolle, welche der freie Körper in unserem Leben spielt, desto grösser – und unerfüllbarer – ist die Sehnsucht danach. Die Entwicklung, welche Web 2.0 und der Vormarsch sozialer Plattformen vor einem Jahrzehnt eingeleitet haben, kommt jetzt zur gesellschaftlichen Reife. Laut der am Mittwoch erschienenen Studie der European Interactive Advertising Association verbringen 84 Prozent aller Schweizer durchschnittlich anderthalb Stunden täglich im Netz. Rechnet man die elf Stunden wöchentlichen TV-Konsum dazu, wird es klar: Da bleibt wenig Freizeit übrig. Wir leben in virtuellen Räumen. Irgendwie sind wir alle Avatare. Das Wort Avatar kommt aus dem Sanskrit und fand über die SF-Literatur den Weg in die Alltagssprache. Es bezeichnet eine virtuelle Person, einen grafischen Stellvertreter, etwa in einem Computerspiel. Während im Hinduismus ein «Avatara» eine Mensch gewordene Verkörperung des Göttlichen ist, droht uns als modernen Avataren umgekehrt der Körper gänzlich abhanden zu kommen. Schon lange, seit dem Mittelalter, ist unsere Zivilisation dabei, den Körper dem Geist unterzuordnen. Franz von Assisi hat seine leibliche Hülle als «Bruder Esel» bezeichnet. Die Askese verlangte eine Zähmung des Körpers, denn er entzog sich dem disziplinierenden Zugriff der christlichen Ideologie: Er begehrte, fror, hatte Hunger und trieb zu unkeuschen Taten, die sich mit der kirchlichen Moral nicht vereinbaren liessen. Auch folgende Jahrhunderte hatten ihre Wege, den widerspenstigen Körper im Zaum zu halten, vom barocken Todeskult bis zu den Korsetts und Perücken des 18. Jahrhunderts. Dabei war der effizienteste Weg schon in Gutenbergs Buchdruck vorgegeben: Um dem eigenen Körper den Meister zu zeigen, bot es sich an, den Geist zu fesseln. Paradoxerweise erzielte erst die freiheitlich daherkommende Moderne dank technologischer Entwicklung einen Durchbruch auf dem Weg zur gesellschaftlichen Disziplinierung des Körpers. Den gespannt lauschenden «His Masters Voice»-Hund vor dem Grammofon-Trichter kann man als ein Symbol verstehen: Das Animalische in uns gibt sich freiwillig der Faszination der reproduzierenden Medien hin. Als 1881 das Telefon aufkam, konnte man erstmals mit anderen kommunizieren, ohne sich körperlich zu begegnen. Mit dem Fernsehen dämmerte die Ära der einsamen TV-Dinners. Dann kam der Computer, die Kiste, die zurücksprach. Im Videospiel-Terminal kulminiert endlich die Verschmelzung von fesselndem Spektakel und lückenloser Überwachung. Und mit dem Aufkommen sozialer Plattformen schlüpften Menschen als virtuelle Avatare direkt in die Kiste hinein. Denn auch wenn wir allein vor dem Computer sitzen, ungekämmt und im alten Morgenrock: Das Internet ist ein sozialer Ort. Man braucht sich nur durch die Facebook-Profilfotos durchzuklicken, um zu verstehen, wie viele Stunden in die Auswahl dieser Avatare investiert wurden. Unser virtuelles Alter Ego wird langsam zu unserem eigentlichen Ich, an das sich echte Gefühle knüpfen. In China hat ein Mann einen anderen erstochen, weil der seinem Avatar im Onlinespiel «Legend of Mir» etwas gestohlen hat. Eine Frau kam 2008 in Japan ins Gefängnis, weil sie in «Second Life» den Avatar eines ebenso ungetreuen wie virtuellen Ehemanns löschte. Anstatt vom freien träumen wir von einem perfekten Körper Doch so einfach gibt unser Bruder Esel nicht auf. Der durch einen virtuellen Stellvertreter ersetzte Körper macht sich auf eine andere Art gesellschaftlich wichtig. Als eine Perversion des freien Körpers entsteht der Mythos eines perfekten. Die Statistiken sind schwindelerregend: Zwei Drittel aller 12- bis 15-jährigen Mädchen in Europa finden sich nicht schön genug. Mehr als eine halbe Million Schönheitsoperationen pro Jahr werden allein in Deutschland durchgeführt. Jedes dritte Mädchen hat ein auffälliges Essverhalten. Die gleichen Körper, die unbeweglich vor dem Monitor sitzen, werden in Fitnesszentren gnadenlos gepeinigt. Überhaupt scheint der Schmerz der einzige noch verbleibende Kanal zu sein, um mit dem Körper zu kommunizieren. Darum wohl gelten Piercings und Tattoos als ein so sinnlicher Schmuck. Darum lieben die Teenager die Hunger-Bootcamps von Heidi Klums «Next Model». Darum pilgern die Massen zu den makabren «Körperwelten»-Muskelpräparaten. Diese Widersprüche unserer Zeit bringt Camerons «Avatar» wie kein anderer Film auf den Punkt. Der Durchbruch in den Raum und der brillante Einsatz der 3-D-Technologie machen es möglich: Die Grenze zwischen dem echten Menschen und seinem virtuellen Stellvertreter wird immer weniger spürbar. Dieser Film ist für das Körper-dilemma unserer Zivilisation auch so etwas wie ein Avatar: Er gaukelt uns eine wunderschöne Lösung des Problems vor, während wir im Dunkeln unbeweglich Popcorn mampfen und uns immer weiter von diesen fitten blauen Leibern entfernen, die auf der Leinwand kühne Sprünge wagen. Publiziert in der SonntagsZeitung am 07.03.2010 About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13

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