Katja N., Aktivistin

Katja N., Aktivistin Ewa Hess | 16. Juni 2015 – 11:54 Die russische Aktivistin Ekaterina Nenaschewa (rechts) nähte zusammen mit der Pussy-Riot-Frau Nadja Tolokonnikowa (links) auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz eine Fahne, bis sie verhaftet wurde. Die Bilder, die sie aus dem Gefängnis twitterte, gingen um die Welt. Einen Tag später wurde sie entlassen. Ich hörte von der Aktion, als ich für eine Kunstreportage in Moskau war und bat Katja über Facebook um ein Interview. Sie sagte zu und kam in der Sträflingsuniform, die sie selbst genäht hat und aus Protest gegen die schlechte Haftbedingungen in Russland während 30 Tagen trug. Wir sprachen in meinem Hotelzimmer über ihr Engagement. Die klare Weltsicht, präzise Sprache und psychische Reife der jungen Frau haben einen grossen Eindruck auf mich gemacht. Hier das daraus entstandene Interview. Katja, was ist passiert? Am 12. Juni, einem Nationalfeiertag, wurden wir zwei Frauen während einer Performance am Bolotnaja-Platz in Moskau verhaftet. Nadja Tolokonnikowa – die ein Mitglied der Band Pussy Riot und ehemalige Strafgefangene ist – half mir beim Nähen, als die Polizisten kamen. Der Name Bolotnaja weckt Erinnerungen an die Proteste 2012. War die Adresse bewusst gewählt? Natürlich. Viele Teilnehmer der Demonstration vom 6. Mai sind noch im Gefängnis. An diesem symbolträchtigen Ort wollten wir unsere Performance aufführen: In Uniformen der Strafgefangenen eine russische Fahne nähen. Sie tragen diese Uniform schon seit Wochen? Ja, die Performance fand im Rahmen meiner Aktion «Habe keine Angst» (russisch: «Ne bojsja») statt. Diese Aktion thematisiert die Wiedereingliederung von ehemaligen Strafgefangenen. Sie soll eine breitere Öffentlichkeit für diese Problematik schaffen. Worin besteht die ganze Aktion? Ich trage dreissig Tage lang die Uniform einer Gefangenen. Ich gehe in ihr arbeiten, ins Restaurant, ins Theater, in die Metro oder zum Coiffeur und setze mich den Reaktionen aus, die diese Kleidung hervorruft. Oft sind sie gereizt, aggressiv. Viele Menschen verstehen gar nicht, dass das eine Gefangenenuniform ist, dennoch macht sie diese schlichte Kleidung mit aufgenähter Gefangenennummer unwirsch oder ängstlich. Das ist für mich unangenehm, und dieses ungute Gefühl kommt meinem Werk zugute. Inwiefern? Bei der Aktionskunst geht es ja darum, die Gefühle eines Menschen in einer solchen Situation zum Thema zu machen: Trauer, Unsicherheit, Niedergeschlagenheit und vor allem sehr viel Angst. Je stärker diese Gefühle in mir sind, desto stärker die Herausforderung des Kunstwerks an die Welt. Wie hängt die Fahnenperformance damit zusammen? Gestern war der 18. Tag meiner Aktion, und Nadja Tolokonnikowa hat beschlossen, mitzumachen. Wir haben uns mit Stoff in den russischen Nationalfarben und einer kleinen alten Nähmaschine an den Bolotnaja-Platz begeben. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit Pussy Riot? Ich habe am Vortag die MediaZona, eine von Pussy Riot initiierte Newsseite der Bürgerrechtsbewegung, über die Aktion informiert. Nadja hat mir dann sofort geschrieben, dass sie meine Aktion unterstützen will. Kurz vor der Performance haben wir uns erstmals gesehen. Wie hängt das Nähen mit Ihrem Thema zusammen? Das Nähen ist ein kreativer Prozess, kann auch sehr schön sein, ein Hobby, doch es ist ebenfalls ein Werkzeug zur Ausbeutung der Strafgefangenen, welche Kleidungsstücke ohne Lohn nähen müssen. Auf diesem Widerspruch hätte unsere Performance basieren sollen, wir sind aber nicht weit gekommen. Was kam dazwischen? Nach wenigen Minuten sind Polizisten aufgetaucht. Wir haben sie ignoriert und weitergenäht. Sie haben uns in den Kastenwagen gezwängt, Faden, Stoff, Nadeln mit eingepackt. Die Nähmaschine haben sie zuerst vergessen und mussten nochmals anhalten, um sie zu holen. Das hatte durchaus eine komische Wirkung. Haben die Polizisten Tolokonnikowa als Pussy-Riot-Mitglied erkannt? Erst als sie auf dem Polizeiposten ihren Pass zeigte. Mit welcher Begründung führte man Sie ab? Da gab es nicht viele Erklärungen. Die einzige, die wir gehört haben, war: Man näht nicht auf der Strasse. Ein konstruktives Gespräch kam während der ganzen Zeit nicht auf. Gab es Übergriffe? Eine Frau, deren Funktion mir unklar war, verlangte, dass wir unsere Uniformen ausziehen. Da wir keine anderen Kleider dabei hatten, wollten wir das nicht tun. Es hiess zu einem gewissen Zeitpunkt, dass wir in den Uniformen überhaupt nicht rauskommen werden, was mir lachhaft schien, denn diese «Uniformen» habe ich selbst genäht, sie sind eigentlich nichts anderes als ein normaler Bleistiftrock und Bluse. Waren die Beamten also ­ nicht aggressiv? Bei der Abführung gab es schon Kraftanwendung, aber keine Schläge. Es waren fünf Polizisten und wir nur zwei Frauen. Auf dem Kommissariat, und vor allem nachdem sie bemerkt haben, dass Nadja die Frau von Pussy Riot war, gab es grobe Witze und abschätzige Bemerkungen. Unhöflich, verächtlich, beleidigend, aber keine physische Bedrohung. Glauben Sie, dass Sie durch die Präsenz der weltberühmten Aktivistin Tolokonnikowa besser oder schlechter behandelt worden sind? Ohne sie, da bin ich mir sicher, wäre ich länger zurückgehalten worden. Als wir im Saal sassen, wurde ein junger Mann reingebracht, dem das Telefon und alle seine Sachen abgenommen wurden. Ich habe auch mit Nadja darüber gesprochen, dass wir wohl zu den besser Behandelten gehören. Sie haben aus dem Kommissariat getwittert, also durften Sie die Telefone behalten? Ja, diese hatten wir in unseren Blusentaschen. Aber die Nähutensilien nahm man uns weg, vor allem den Stofffetzen mit der Aufschrift IK-1. Was hat diese Aufschrift zu bedeuten? Ispravitelnaja kolonia odin – Strafkolonie eins. Wir wollten diesen Schriftzug auf die fertige Fahne nähen, als Metapher für Russland. Woher kommt Ihr Engagement für Gefangene? Ich arbeite in einem Sozialwerk, das sich um Kinder ohne Eltern kümmert. Dabei bin ich mit dem Phänomen konfrontiert worden, dass den gefangenen Frauen nicht erlaubt wird, mit ihren Kindern Kontakt aufzunehmen. In den russischen Straflagern gibt es eine grosse ­Anzahl von Frauen, die ganz allein sind. Niemand schreibt ihnen, niemand spricht zu ihnen, und sie verkümmern menschlich. Oft kommen diese Frauen freiwillig in die Straflager zurück, indem sie Vergehen anderer auf sich nehmen, weil sie vor dem Leben draussen schlicht Angst haben. Deshalb habe ich meine Aktion «Habe keine Angst» genannt. Welche Angst ist damit gemeint? Die Frauen haben Angst vor der Welt draussen, und die Menschen draussen haben Angst vor ehemaligen Strafgefangenen. Solange wir aber voreinander Angst haben, wird nur dem System geholfen, und die Welt wird nicht besser. Ein

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Kentridge und die «Nase»

Kentridge und die «Nase» Ewa Hess | 12. Juni 2015 – 11:27 Eine der Folgen der südafrikanischen Apartheid war die kurz nach dem Fall des Regimes eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission. Die von Nelson Mandela erfundene und von Desmond Tutu präsidierte Para-Behörde ermutigte die Verbrecher aus der dunklen Zeit der Rassentrennung dazu, ihre Untaten vor Zuhörern zu bereuen. Damit hatte es sich auch. Die öffentliche Beschämung und Reue, so die Prämisse, sollte eine juristisch verhängte Strafe durch eine gesellschaftlich konstruktivere Praxis ersetzen. An diese interessante, aber auch seltsam ambivalente gesellschaftliche Einrichtung muss man beim Anblick von William Kentridges Werken oft denken. Öffentliche Beschämung statt Strafe ist am Ende vielleicht auch kein besonders humanes Konzept; die Farce eines lärmigen Bauerngerichts, bei dem die Schuld verhandelt, aber nicht wirklich gefunden wird, steht oft im Hintergrund der Filme und Werke des 61-jährigen Künstlers. Auch jetzt, im Haus Konstruktiv, in dem der südafrikanische Künstlerstar seine von der russischen Avantgarde inspirierten grossartigen Videos zeigt. Ein Schritt in den Erdgeschosssaal, und schon ist man mitten in der schrillen Kentridge-Welt: groteske Figuren, absurde Rituale und – Musik! Hereinspaziert, meine Damen und Herren, Musik! Mit komödiantisch verbrämter Verzweiflung zappeln hier Pferde, Menschen und Nasen, sie steigen auf Leitern, bilden Prozessionen, tanzen Kasatschok oder klagen einander mit Zitaten aus stalinistischen Schauprozessen der 30er-Jahre an. Die ganze Suite von acht nur wenige Minuten langen Filmstücken läuft simultan und trägt den rätselhaften Titel «I am not me, the horse is not mine», was die ins Englische übersetzte russische Entsprechung von «Mein Name ist Hase» ist, also eine Formel, die jede Schuld weit von sich weist. Spätestens nach der Klärung der Redewendung wird klar, was William Kentridge an Schostakowitschs Oper «Die Nase» – und an der ihr zugrunde liegenden Erzählung Nikolai Gogols – fasziniert haben mag: das südafrikanische Thema der sich diffus in alle Lebensbereiche einschleichenden Schuld. Repetieren, variieren Es war Kentridge, der auf die Anfrage der New Yorker Metropolitan Opera 2006 die skurrile «Nase» vorschlug. Die Premiere fand 2009 statt, auf einer virtuos von Kentridge eingerichteten Bühne. In den drei Jahren dazwischen entstanden unzählige Werke, in welchen der Künstler sich das Thema, wie das seine Gewohnheit ist, repetierend, variierend und verfremdend aneignete. So entstanden Radierungen, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, ja sogar Teppiche – alles im Haus Konstruktiv zu sehen, – und überall geistert die ominöse Nase des Petersburger Kollegien-Assessors Kowaljow herum. Was hat es mit dieser Nase auf sich? Der russische Schriftsteller Nikolai Gogol (1809–1852), realistischer Vorläufer des Surrealismus, erzählt in seiner rätselhaften Novelle die abstrusen Erlebnisse des Petersburger Beamten, der eines Tages ohne Nase aufwacht. Es stellt sich heraus, dass der unsubordinierte Körperteil sich in eine höhere Stellung als sein Besitzer hineinzumogeln vermochte. Unangenehm: Kowaljow begegnet seiner eigenen Nase in der Kirche; zu seinem Entsetzen trägt sie die funkelnde Uniform eines Staatsrats. 100 Jahre nach Erscheinen der Novelle wendet sich der erst 24-jährige Dmitri Schostakowitsch der Burleske zu. Man schreibt das Jahr 1930, das starre Beamtensystem des alten Russlands ist Geschichte, doch der junge Sowjetstaat erlebt den Aufstieg einer neuen, ebenso dumpf machtgierigen Klasse, die der Parteifunktionäre. Diese neuen Kleinbürger, von den avantgardistischen Höhenflügen des Jahrhundertanfangs bereits Lichtjahre weit entfernt, sahen in der Musik Schostakowitschs lediglich «Wirrwarr». Ähnlich verdächtig erschien ihnen die Farce von Gogol – kein Wunder. Sie mussten sich in dem Wettstreit um Macht und Einfluss, den Kowaljow mit seiner Nase ausficht, diffus veräppelt vorkommen. Die Oper verschwand nach ihrer Uraufführung 33 Jahre lang in der Ver­senkung, wird seither aber oft aufgeführt. Der Kuratorin Sabine Schaschl ist es nun gelungen, den ganzen Reichtum von Kentridges Auseinandersetzung mit der «Nase» nach Zürich zu holen. Da die Schau einen thematischen Schwerpunkt hat, ist es keine klassische Retrospektive, was ihr keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, konzentriert und unterhaltsam bekommt man die Vielseitigkeit des Künstlers vorgeführt, der in den meisten der gängigen Rankings unter den wichtigsten zehn weltweit gelistet wird. Der Sohn eines jüdischen Juristenpaars (das sich während der Apartheid auf die Verteidigung von Menschen dunkler Hautfarbe spezialisiert hatte) ist in den 90er-Jahren mit dem Vermischen von Kunst, Film und Theater bekannt geworden. Seine Trickfilme, für die er in archaisch anmutender Stop-Motion-Technik Zeichnungen und Puppen animiert, wurden auf der Documenta, an der Biennale, in New York, Paris, London gezeigt. Zurzeit wird seine Inszenierung von Alban Bergs «Lulu» in Amsterdam gespielt. Die furiose Schau um «seine Majestät die Nase», wie es Kentridge in einem seiner Werke ausdrückt, bringt sein künstlerisches Universum endlich in die Schweiz. Veröffentlicht am 9. Juni im Tages Anzeiger. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! 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Biennale als Orakel

Biennale als Orakel Ewa Hess | 10. Mai 2015 – 10:25 Ich lese der Biennale aus der Hand! Der künstlerische Leiter Okwui Enwezor stellt seine Hauptausstellung unter den Titel «All the World’s Futures» – 139 Künstlerinnen und Künstler leisten einen Beitrag zu den «Zukünften dieser Welt». Wir nehmen den Titel beim Wort und interpretieren die gezeigte Kunst als eine konkrete Prognose der gesellschaftlichen Zukunft. These 1. Das Kapital Es regiert unseren Planeten. Nirgends könnte das augenfälliger sein als an einer Weltversammlung der gut betuchten Kunstwelt. Die riesigen Jachten in der Lagune, die Champagnerkisten für die Empfänge in den Palazzi entlang des Canal Grande, die teuren Hotels Bauer und Cipriani zum Bersten voll, all das zeugt von der Weltherrschaft durch vermögende Eliten. Dieser verwöhnten Clique liest der aus Nigeria stammende künstlerische Leiter in seinem zentralen Ausstellungspavillon in den Giardini die Leviten, ähm, nein, er lässt ihnen «Das Kapital» von Karl Marx vorlesen. Und zwar integral. Über die gesamten sieben Monate der Biennale-Laufzeit, die ganze «Kritik der politischen Ökonomie», Produktionsprozess, Zirkulationsprozess, Gesamtprozess.Okwui Enwezor meint das ernst – Marx’ Analyse der herrschenden Verhältnisse gilt im Wesentlichen nach wie vor. Die techno- und pharmakologisch aufmunitionierte Wirtschaft macht sich die menschlichen Ressourcen mehr denn je untertan. Enwezor, ganz der optimistische Pädagoge, hat für die Lesung ein riesiges Auditorium mitten im Ausstellungsrummel bauen lassen – doch die zu unterrichtenden Massen bleiben aus. In den anderen Ausstellungssälen stehen sich die vielen Besucherinnen auf ihre Louboutins – die rote «Arena» bleibt eine tote Insel der wirkungslosen Ermahnung. Prognose: Marxlesung hin oder her – das Kapital ist und bleibt König, in der Kunst und auch sonst überall. These 2. Die Hoffnung Am stärksten tritt sie im ukrainischen Pavillon zu Tage: Der heisst «Hope»! Hoffnung worauf? Auf eine unabhängige Ukraina, erklärt der Pavillonkurator. Das Häuschen Ukrainas ist ganz aus Glas. Es steht nicht in den Giardini, sondern an der Uferpromenade zwischen San Marco und der Biennale. Transparent, frei, friedlich soll es wirken. Viele der hier ausgestellten Werke sprechen aber von Unterdrückung, Krieg, Hass. Trümmer der Autos, zu einer Skulptur zusammengeballt, Bilder aus der russischen «verbotenen Zone». Der Glaspavillon erweckt daher eine andere Assoziation als die gewünschte: Er wirkt fragil. Prognose: Dieser Konflikt wird noch lange der Hoffnung trotzen. These 3. Die Versöhnung Für die armenische Präsentation auf der Insel San Lazzaro hat die Schweizer Kuratorin mit armenischen Wurzeln, Adelina von Fürstenberg-Cüber­yan, auch einen Türken eingeladen. Der Künstler Sarkis, der sein Land Türkei an der Biennale ebenfalls repräsentiert, folgte ihrem Ruf, und die armenische Diaspora, um die es in der Ausstellung geht, protestiert nicht vor der Insel. Doch der Wunder nicht genug: Indien und Pakistan, seit Jahrzehnten im Bruderzwist um Territorialansprüche gefangen, treten gemeinsam in einem Pavillon auf. «My East is Your West», heisst der Auftritt, was nicht nur geografisch Sinn macht. Prognose: Der Mensch kann seine alten Ressentiments überwinden. Wenn das keine gute Nachricht ist? These 4. Die Bäume Die stehen stellvertretend für die Natur. Im französischen Pavillon bewegen sie langsam die Wurzeln (inszeniert vom Künstler Céleste Boursier-Mougenot), im finnischen Pavillon beschwört das Künstlerkollektiv IC-98 das «grüne Gold» der nordischen Wälder. Prognose: Die ist schlecht. Und zwar für die Natur. Menschen lieben Bäume, vor allem aber, wenn sie mit ihnen machen können, was ihnen passt. These 5. Die Lebensmitte An den Biennalen zeigen die Kuratoren gern künstlerisches Frischfleisch. Oder aber entdecken die ganz Alten (wieder). An dieser Biennale sind erstaunlich viele Künstler in der Mitte ihrer Karriere vertreten: etwa der deutsche Olaf Nicolai, 53, die Engländerin Sarah Lucas, 52, ihr Landsmann Chris Ofili, 46, der Türke Kutlug Ataman, 54. Prognose: Bis zum Greisen­alter auf Jung machen ist vorbei. Der Lebenszyklus darf gleichmässig ablaufen. These 6. Der Brainpower Trifft man jüngere Künstler in den Pavillons, staunt man über ihr flinkes ­Denken. Das beste Beispiel: die Schweizerin Pamela Rosenkranz. Das vielschichtige Bezugssystem ihres Werks hat mit Neurowissenschaft, Genetik, Biochemie zu tun. Ihre blubbernde rosa Masse «Our Product», die den Schweizer Pavillon füllt, ist nicht nur wunderschön, das Werk regt auch zum Denken an. Oder der Rumäne Adrian Ghenie, auch 35, der sich mit seiner eindrücklichen Malerei mit Darwins Theorien auseinandersetzt. Prognose: Nach Jahren des hedonistischen Bling-Bling wird nun die Intellektualität Trumpf. 7. Die «Singularity» Was ist denn das? Mit diesem Wort bezeichnen die Technologie-Theoretiker den Moment, in dem die künstliche Intelligenz die natürliche (sprich menschliche) überholen wird. Das erklärt die katalanische Kuratorin Chus Martinez, die seit kurzem die Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst leitet. In der SF-Literatur wird dieser Moment als der des grossen Schreckens inszeniert: Die Computer und Roboter gehen dem Menschen ans Eingemachte. Ganz falsch, lernen wir nun im katalanischen Pavillon, den Martinez als Kuratorin gemeinsam mit dem u. a. auch in Locarno ausgezeichneten Filmemacher Albert Serra bespielt. Um zu zeigen, wie angenehm eine solche Fusion sein kann, erinnern die Katalanen an die Geschichte des Kinos – und zeigen die Kinematografie als eine bereits domestizierte maschinelle Erweiterung des menschlichen Hirns. Die mit Handy und Internet aufgewachsene Generation sehnt sich offensichtlich nach der Verschmelzung mit der Maschine. Davon spricht auch die Installation im deutschen Pavillon, wo die Künstlerin Hito Steyerl die Besucher ins Innere ­einer durchaus freundlichen Matrix versetzt. Prognose: Seid umschlungen, Brüder und Schwestern Maschinen! 8. Das Kollektiv Die künstlerische Individualität, im romantischen Konzept des Malergenies scheinbar für ewig in die Hirne eingebrannt, weicht dem Idealbild des Kollektivkünstlers. Duos, Trios und ganze Gruppen von schöpferisch tätigen Menschen bestimmen in gemeinsamer Anstrengung zunehmend die Szene. Das indische Raqs Media Collective etwa dominiert die Aussenräume der Giardini. Die drei Künstlerinnen und Künstler schmücken die Alleen mit ihrem «Coronation Park», einer Serie grosser Skulpturen aus Fiberglas. Geistliche und militärische Autoritätsfiguren thronen hoch auf ihren weissen Sockeln, auch wenn ihr historisches Bröckeln schon weit fortgeschritten zu sein scheint. Auch der kanadische Pavillon wird von einem Kollektiv bespielt, das sich BGL nennt. Beim Anblick der ausufernden – und für einmal sehr heiteren – Installation wird es einem augenblicklich klar, weshalb sechs Hände hier erfolgreicher waren als zwei. Die norwegische Vertreterin Camille Norment, die ihrer Glasharfe die wundersamsten Töne entlockt, lädt die anwesenden Künstler

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Gehrys Kathedrale

Gehrys Kathedrale Ewa Hess | 6. März 2015 – 11:20 Frank Gehry hält Hof in Paris. Gerade wird er zum König Frankreichs ausgerufen. «Le roi de ­France», verkündet ein Redner von der Bühne herab, «heisst heute Frank.» Frank der Erste schaut derweil drein, als ob er einen diffusen Zahnschmerz verspüren würde: nachdenklich und leicht gequält. Über dem Bois de Boulogne ziehen Wolken auf. Ihre Schatten legen sich auf das Gesicht Gehrys und tauchen die riesige Eingangshalle seines neusten Bauwerks in ein kunstvolles Chiaroscuro. Dann bricht wieder die Sonne durch. Das Gebäude, nach sechsjähriger Bauzeit erstmals zur Besichtigung freigegeben, erstrahlt in seinem stolzen Anspruch, dereinst als wei­teres Weltwunder in die Menschheitsgeschichte einzugehen. Wie eine gestrandete Riesenwolke liegt die Fondation Louis Vuitton im Gebüsch des von Marcel Proust besungenen Kinderspielgartens Jardin d’Acclimatation vor Paris. Der Besucher blinzelt – gibt es das wirklich? Oder ist es eine Fata Morgana, ein transparentes Gebirge aus Einbildung, Lichtbrechung und bewegter Luft? Der Schöpfer dieser Pracht selbst scheint skeptisch zu sein. Frank Gehry mag es nicht, wenn seine Projekte aufhören, Projekte zu sein. Wenn sie von der Realität eingeholt werden. Sozialist François Hollande dankt dem reichen Mäzen «Die ganze Welt schaut heute nach Paris», fährt der Eröffnungsredner ungerührt fort. An der staatstragenden Wortwahl erkennt man, dass der dezent gekleidete Grauhaarige – sein Name ist Jean-Paul Claverie – einst ein Berater des Kulturministers Jack Lang war. Jetzt flüstert er seine Ratschläge einem anderen Mächtigen ins Ohr: dem Luxusgüter-Magnaten Bernard Arnault. Um Arnault, dem reichsten Mann Frankreichs, den Privatmuseum-Trend schmackhaft zu machen, hat es wohl keiner grossen Überredungskünste bedurft. Nicht nur in Paris werden in den kommenden Monaten private Kunsttempel der Sonderklasse dem Pub­likum übergeben: Im spanischen Santander beendet Renzo Piano ein vom kürzlich verstorbenen Bankenmogul Emilio Botín bestelltes Kunstzentrum, in Los Angeles überwacht das Architektenpaar Diller Scofidio (bekannt für die Expo-Wolke in Yverdon) die Endarbeit am technologisch bahnbrechenden Museum des Sammlerpaars Eli und Edythe Broad. Dafür, dass Paris beim megalomanen Museum-Monopoly mitmachen kann, ist «La Grande Na­tion» dem Louis-Vuitton-Moët-Hennessy-Giganten Arnault dankbar. Und dem Architekten Gehry, dessen kunstvoll krumme Baudenkmäler seit Bilbao im Ruf einer Instant-Touristenattraktion stehen. An der VIP-Eröffnung am Montag findet der Sozialist François Hollande nur bewundernde Worte für den reichen Mäzen und den Millionenbau. Dass die in Edelmetall gehauenen Louis-V-Insignien und nicht Frankreichs Nationalfarben den Eingang schmücken, scheint niemanden zu stören. Alain Delon und die französische Kulturministerin Fleur Pellerin lassen sich zu Begeisterungsstürmen hinreissen. Der von Pierre Alféri, dem Sohn des Philosophen ­Jacques Derrida, verfasste und von Intellektuellen wie Giorgio Agamben und Georges Didi-Huberman mitunterzeichnete Protesttext «Ist Kunst nur ein Luxusprodukt?» ist an diesem Abend kein Thema. Wie komplex und gigantisch dieser Bau tatsächlich ist, merkt man erst auf einer der Terrassen. Hier schweift der Blick zum rie­sigen künstlichen Wasserfall vor dem Gebäude und wandert weiter zum Eiffelturm am Horizont. Eine optisch und körperlich schier überwältigende Menge von ineinander verschachtelten Glassegeln, Holzverstrebungen, Geländern und Passerellen lässt den Besucher ganz klein werden in diesem architektonischen Dschungel. Dass das Baubudget die kommunizierten 135 Millionen Euro bestimmt überschritten hat, sieht man von blossem Auge. Mit einer wahrhaft napoleonischen Geste hat die französische Regierung mehrere Gesetze ausser Kraft gesetzt, um das Vorhaben am Rande des Bois de Boulogne zu ermöglichen. Dafür übergibt der Mäzen in einem halben Jahrhundert das Bauwerk der Öffentlichkeit. Diese Kathedrale des Lichts soll sein Image aufpolieren Paris will sich just jetzt, trotz oder gerade wegen der Dauerkrise, seine Position als Hauptstadt der Künste mit aller Kraft zurückerobern. Anlässlich der Kunst­messe Fiac vergangene Woche wird nicht nur Gehrys Versailles-Ersatz aus der Taufe gehoben, sondern auch das fertig renovierte Musée Picasso in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert in Marais und das Kulturzentrum Monnaie de Paris. Diesem gelingt mit seiner ersten Kunstausstellung sofort ein PR-Coup: Paul McCarthys an Sex­spielzeug erinnernde aufblasbare Skulp­tur fällt einem Vandalenakt zum Opfer. Auch solche Skandale gehören dazu – und Präsident Hollande verkündet fröhlich, dass Frankreich immer auf der Seite der Künstler stehe und auch er persönlich sich eins mit Paul McCarthy fühle (wobei man sich schon fragen muss, ob Monsieur le Président dessen radikal subversives Werk wirklich kennt). Doch all das löst Frank Gehrys Problem nicht. Mit seiner dekonstruktivistischen Architektur ist Gehry spät, erst nach seinem 50. Lebensjahr, als der grosse Überwinder des White-Cube, der minimalistisch strengen Museums­architektur angetreten. Mit dem Effekt, dass er, den mit Künstlern wie Cy Twombly, Ed Ruscha oder Ellsworth Kelly eine tiefe Freundschaft verbindet, nun als der In­begriff des kommerzialisierten Kunstbetriebs gilt. Genau diesem Image will er mit seinem Pariser Chef d’Œuvre, dieser Kathedrale aus Licht und Glas, entschieden entgegentreten. Ein Stöhnen und Ächzen auf den Brücken Doch dieses Gebäude, so wundersam es ist, scheitert an seinem überdimensionierten Anspruch. Anstatt wie eine Wolke gen Himmel zu streben, klammert es sich wie ein Käfer an den Boden. Da kann auch die künstlerische Direktorin Suzanne Pagé nicht helfen. Sie hat zwar einen dramatischen Sound­track zur Eröffnung in Auftrag gegeben: ein Werk des deutschen Experimentalkomponisten Florian Hecker. Wandert man auf den Brücken und Decks des Gehry-Schiffs, hört man ein Stöhnen und Ächzen – und fühlt sich an den Fliegenden Holländer oder den Kahn des untoten Piraten Jack Sparrow erinnert. Fondation Louis Vuitton, Bois de Boulogne, Paris, Metro: Les Sablons Fondation Louis Vuitton Bernard Arnault, 65, Multimilliardär, besitzt Taschen, Parfüms, Cognacs – und Kunst. Seine geheimnisumwitterte Sammlung bekommt mit dem Bau des prunkvollen Museums von Frank Gehry im Westen von Paris ein neues Zuhause. Welche Kunst hier dereinst ausgestellt wird, bleibt rätselhaft. Zur Eröffnung zeigt die künstlerische Direktorin Suzanne Pagé wenige Werke, darunter Installationen von Ellsworth Kelly, Olafur Eliasson, Thomas Schütte, Isa Genzken und Adrián Villar Rojas. Ausstellungen von Ed Atkins, Maurizio Cattelan und Mona Hatoum sollen folgen. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on

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Warum, Frank Gehry?

Warum, Frank Gehry? Ewa Hess | 5. März 2015 – 11:26 Anlässlich der Eröffnung der Fondation durfte ich mit dem grossen Architekten ein kurzes Gespräch führen. Er war freundlich, doch leicht geistesabwesend. In den späteren Tagen zeigte er sich auch bedeutend stärker entnervt, wie das Bild zeigt… Frank Gehry, ist dieses Gebäude eine Hommage an Paris? Es ist kein Geheimnis, wie sehr ich Frankreich liebe. Ich lebte einst hier, ich trinke gerne französischen Wein. Ich wollte hier etwas machen, das ich noch nie ausprobiert habe. Es ist trotzdem ein unverkennbarer Gehry geworden. Was Sie sehen, ist nur der Anfang. Das Gebäude macht bei fast allem mit. Es wird sich mit Leben füllen. Hat Sie die Umgebung inspiriert? Im Bois de Boulogne ist die Natur wichtig, deshalb suchte ich eine Form, die flüchtig wirkt. Etwas, das sich mit Licht und Wolken verändert. Nehmen Menschen in Gebäuden wie diesem Kunst anders wahr? Ich höre da ein Misstrauen. Das kenne ich, denn viele Museumsdirektoren lieben meinen Stil nicht. Sie denken, nur ein strenger weisser Raum erlaube den unverfälschten Kunstgenuss. Und, stimmt es? Nein. Minimalismus ist kalt. Die Avantgarde hat sich damit in eine tote Ecke hineinmanövriert. Meine Bauten drücken Bewegung aus, das öffnet Möglichkeiten. Wie beurteilen Sie Ihren Erfolg? Ich schaue nie zurück. Ich gehe vorwärts. Nur ein neues Projekt bietet mir die kreative Unsicherheit, die ich brauche. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember 13, 2022 von &s @askewa folgen Neueste Beiträge Baselitz‘ WeltI likePrivate Sales, ein SchattenspielAdieu John BergerTalk mit Jacqueline Burckhardt Blogroll FAQNews-BlogPop MattersRevue 21Support ForumWordPress-Planet Themen Ai Weiwei Amerika Andy Warhol Aphrodite Ascona Baron Heinrich Thyssen Basel Biennale Venedig Bird’s Nest Caravaggio China Fischli/Weiss Fondation Beyeler Frank Gehry Georg Baselitz Gerhard Richter Ghirlandaio Gstaad Gurlitt Gustav Klimt Harald Szeemann Keanu Reeves Kunst Kunstmuseum Basel Louise Bourgeois Maja Hoffmann Maria Lassnig Marlene Dumas Melinda Nadj Abonji Monte Verità Nachtkritik Oprah Winfrey Pipilotti Rist Schweizer Architektur Schweizer Film Schweizer Kunst Schweizer Literatur Shakespeare Simon de Pury Thomas Hirschhorn Ugo Rondinone Urs Fischer Valentin Carron Warhol Weltwoche Previous PostNext Post Schreibe einen Kommentar Cancel Reply Logged in as Ewa Hess. Edit your profile. Log out? Required fields are marked * Message*

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Prost Dieter Roth

Prost Dieter Roth Ewa Hess | 1. Mai 2015 – 10:58 Trinken musste sein. Da duldete Dieter Roth keine Kompromisse. Auch sonst neigte der 1998 verstorbene Schweizer Künstler wenig zu Diplomatie. Eine Bar, die musste einfach her. So versprach ihm der Galerist Iwan Wirth im Frühling 1997, dass es während der ersten Schau des Kunststars in seiner Galerie zu trinken geben würde. Der damals erst seit einem Jahr existierende Zürcher Kunstkomplex Löwenbräu, in dem die Galerie situiert war, kam Roth nämlich viel zu zwinglianisch vor: weisse Wände und nirgends ein Glas. Und so kam es, dass gleich um die Ecke des Löwenbräu, an der Fabrikstrasse 21, die erste der Bars entstand, die im Werk des berühmten Schweizer Kunstberserkers bis heute eine besondere Rolle spielen. An diese legendäre Fabrikstrassen-Bar erinnern sich viele Akteure jener Zeit, die als die Geburtsstunde des Zürcher Kunstwunders gilt. Junge Künstler wie Urs Fischer standen hinter dem Tresen, und jede Bierflasche, die rübergeschoben wurde, jede Unterhaltung war Kunst, wurde aufgenommen und archiviert. «Ich glaube nicht daran, dass die Askese irgendjemandem guttut, ausser dass sie einen Triumph darstellt – derer, die sie üben», pflegte Roth zu sagen. Die Lebensfülle, mit allem, was dazu gehört, mit Freude und Verzweiflung, mit Sex und Verwesung, war der Gegenstand seiner einzigartigen, wegweisenden Kunst. Er hat Schimmel, Kot und auch Mayonnaise in seine Werke eingelassen, er schrieb Scheisse-Gedichte und gab Literaturwurst heraus. Das Atelier und die Bar wurden in Roths Universum zum Symbol der zwei antiken Lebenspole – der apollinischen Inspiration und des dionysischen Rauschs. 17 Jahre nach Dieter Roths Tod ist Zürich zwar schicker und polyglotter geworden, dem Löwenbräu wurden gentrifizierte Manieren beigebracht – doch die Kunst an der Limmatstrasse 270 sitzt nach wie vor auf dem Trockenen: weit und breit keine Bar. «Anstatt den guten alten Zeiten nachzuweinen», sagt der neue Hauser-&-Wirth-Direktor James Koch, «baten wir Björn und Oddur, uns die Economy-Bar in die Galerieräume einzubauen». Dieter Roths Sohn Björn hat schon immer mit dem Vater zusammengearbeitet, hat sein Werk beeinflusst und wurde davon selbst geformt. Für Dieter Roth, der sich zeitlebens als Aussenseiter aller Kunstszenen sah, waren Familienmitglieder und Freunde alles. Seit seinem Tod führen Björn – und auch dessen Sohn, Oddur, das Werk des Vaters und des Grossvaters fort. «Nein, wir führen es nicht fort», präzisiert Björn, «es ist das gleiche Werk.» Die beiden grossgewachsenen Roths hantieren in der Galerie mit Ölbohrrohren und riesigen Blöcken Schwemmholz. Die Roth’sche Economy-Bar (so genannt, weil es da hin und wieder free drinks gibt), ist ein wildes Durcheinander von Alltagsgegenständen und anderem Sammelgut wie Monitore, Modellautos oder Hafenpoller. Nichts für feine Pinkel, könnte man meinen. Doch als die Bar vor einem Jahr in Mailand in Betrieb war, drängte das Volk in feinem Prada- und Armani-Tuch scharenweise an den Tresen. In Zürich wird die Bar bis Ende Mai professionell betrieben. Es gibt Performances, Musik, Wort und Kunst. Dieter Roth sendet Grüsse – und an der Eröffnung auch free drinks für jedermann. «Roths Bar & Studio», Hauser & Wirth Zürich, bis 29.5. Opening Party am Freitag 27.3., ab 18 Uhr. Bar-Öffnungszeiten: Do., Fr., Sa., jeweils ab 18 Uhr bis spät nachts About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » One Response to Prost Dieter Roth Pet Liberty Rudin says:3. September 2016 at 10:43Eine tolle Schreiberin, die Ewa Hess, fehlte nur noch dass „E“ und es würde eine spannende Belletristin aus ihr ! Gute und spannende Fragen vorbereitet ! Ich lese diese Berichte sehr gerne ! Irgendwann werden wir uns auch begegnen, über den Weg laufen, Dann werden wir über „Appollo“ in der „Wshren Kunst“ – ein vergessenes Wort – und den aktuell trium-phierenden „Dyonisos“ in einer hedonistischen, existenzialistischen, nihilistischen, utilitaristischen, mammonitisch dominierten und pervertierten (Kunst-)Welt sprechen ! Die ernst zu nehmende ratio-dominierte „Zeitgenössi-sche KUNST“ ist nur noch zur provokativen AB-BILDUNG gesellschaftlicher Miss-/Zuständestände geworden ! „Botschaften“ für eine „Neue Welt“ fehlen !„Akademisierung ist Mediocrisierung“ ! Von banaler, alltäglicher „Event- und JeKaMi-Kunst“ mit bestenfalls „Schein-Innovationen“ und philosophischen Frag-menten – meist im Namen Mammons – muss man sprechen ! KOMMERZ tötet KUNST“, hiess die Losung „Wahren Kunst“ mal ! Kein GEIST mehr, vor dem man sich verneigen könnte, keine „Weiter- und Höherentwicklung“ auf dem „Kunstevolutinsbaumes“ gleich einer Spirale, stets eine Stufe höher über der darunterliegenden ! Alles endet auf Seitenästen in Sackgassen !Die Meister der „Klassischen Moderne“ lassen grüssen ! @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember 13, 2022 von &s @askewa folgen Neueste Beiträge Baselitz‘ WeltI likePrivate Sales, ein SchattenspielAdieu John BergerTalk mit Jacqueline Burckhardt Blogroll FAQNews-BlogPop MattersRevue 21Support ForumWordPress-Planet Themen Ai Weiwei Amerika Andy Warhol Aphrodite Ascona Baron Heinrich Thyssen Basel Biennale Venedig Bird’s Nest Caravaggio China Fischli/Weiss Fondation Beyeler Frank Gehry Georg Baselitz Gerhard Richter Ghirlandaio Gstaad Gurlitt Gustav Klimt Harald Szeemann Keanu Reeves Kunst Kunstmuseum Basel Louise Bourgeois Maja Hoffmann Maria Lassnig Marlene Dumas Melinda Nadj Abonji Monte Verità Nachtkritik Oprah Winfrey Pipilotti Rist Schweizer Architektur Schweizer Film Schweizer Kunst Schweizer Literatur Shakespeare Simon de Pury Thomas Hirschhorn Ugo Rondinone Urs Fischer Valentin Carron Warhol Weltwoche Next Post Schreibe einen Kommentar Cancel Reply Logged in as Ewa Hess. 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Blumige «Frieze»

Blumige «Frieze» Ewa Hess | 21. Oktober 2013 – 18:46 An der Frieze in London sieht man zurzeit sehr viele zeitgenössische Maler mit klassischen Blumenbildern vertreten, wie hier John Currin mit „Rosebush“ am Stand von Sadie Coles Gallery (London) oder Elizabeth Peytons „Untitled(Les 3 Graces)“ bei Chantal Crousel Gallery (Paris). Lustig, gerade zum Thema der Blumenbilder schrieb ich in der letzten Nummer der Zeitschrift „Du“ meine Kolumne „Expecting Art“. (Es ist übrigens eine ganz tolle Du-Nummer, die von Maurizio Cattelan mitgestaltet wurde.) Hier der Text: Blumen und Pilze „Expecting Art“ von Ewa Hess Die Filmregisseurin Bettina Oberli erkennt einen vierblättrigen Klee mitten in einer Wiese sofort. Die überzählig ausgestatteten Kleepflanzen erscheinen ihr wie Blinksignale inmitten des homogenen Grüns. Das hat sie meinem Kollegen erzählt – er traf sie für ein Interview auf einer Wiese. Das von ihr enttarnte Kleeblatt brachte Matthias auf die Redaktion mit – es hatte tatsächlich ein Blättchen zu viel. Es handle sich dabei, erklärte man mir später, um eine leicht autistische Deviation. Um einen Blick, dem eine Unregelmässisgkeit so ungeheur vorkommt, dass sie wie ein Sandkorn in der Auster – physisch – stört. Eigentlich müsste man annehmen, dass ein so gearteter Blick eine notwendige Voraussetzung für alles Künstlerische sein müsste. Ich stelle es mir allerdings so vor, dass ein grosser Künstler die Unregelmässigkeit, das spezifisch Ungeheuerliche, auch in einem dreiblättrigen Klee erkennen kann. Gerade der Blick auf die ansonsten unverdächtige Flora offenbart oft eine visionäre Dimension. Visionär klingt dabei entschieden freundlicher als autistisch – und schliesslich hängt das eine mit dem anderen irgendwie zusammen. Das weiss man nicht nur aus dem Studium von Biographien grosser Forscher (aber auch daraus). Die modernsten der modernen Künstler wurden beim Anblick von Blumen schwach. Und zeigten gerade in der Darstellung ihrer Lieblichkeit, die leicht Gefahr laufen könnte, dem Trivialen zugeordnet zu werden, das ganz Besondere ihres Blicks auf die Welt. Von Piet Mondrian über Andy Warhol bis Robert Mapplethorpe und Fischli/Weiss: Blumen. So weit das Auge reicht. Edouard Manet behauptete einst, dass «die Früchte, die Blumen und die Wolken» alles seien, was ein wirklicher Maler brauche, um alles auszudrücken, was es für ihn auszudrücken gebe. Das stimmte zwar nicht einmal für sein eigenes Werk – l’herbe wäre ohne die verschieden vollständig angezogenen Menschen darauf nicht zu diesem Grundstein der modernen Kunst geworden, als welches das Gemälde heute unverrückbar gilt. Doch für einen modernen Künstler ist es auf jeden Fall ein Akt des vorwitzigen Trotzes, der Askese-Erwartung, die ihm ja meistens gilt, mit Blümchen, Zweigchen und Blättchen ein Schnippchen zu schlagen. Warhol etwa schickte seine Blumen nach Paris, um Europa eins auszuwischen. Es war zwar nicht seine allererste europäische Ausstellung, wie Bob Colacello in seinem Buch «Holy Terror» kolportiert, sondern die zweite in der Pariser Galerie von Ileana Sonnabend. Für die allererste Schau bei Sonnabend, die 1964 stattfand und tatsächlich seine erste in Europa war, schickte Warhol «hard stuff», also Bilder aus der Serie «Death and Disaster», die zu seinen am wenigsten zugänglichen und künstlerisch raffiniertesten gehören. Die zweite Pariser Schau, im Mai 1965, blieb aber im Gedächtnis der Zeitzeugen besser haften. Vielleicht weil Warhol an der Eröffnung seinen Rückzug von der Kunst ankündigte (er wollte damals gerade hauptsächlich Filmer werden, ein Entschluss, an den er sich später bekanntlich nicht gehalten hatte). Oder aber weil er in seinen 1980 gemeinsam mit Pat Hackett herausgegebenen Tagebüchern «Popism» von dieser zweiten Ausstellung erzählt. Demnach war sogar die ausbleibende Reaktion auf die erste Ausstellung für die Wahl der Werke für die zweite ausschlggebend: «In Frankreich interessierte man sich damals nicht für neue Kunstrichtungen», schrieb Warhol, «das brachte mich zu dem Entschluss, ihnen nur die Flowers zu schicken; ich dachte mir, das würde ihnen gefallen». Das tat es tatsächlich auch. Dabei gilt die Blume in der klassischen Sprache der Malerei als Sinnbild sterblicher Zerbrechlichkeit und auch wenn bei Warhols stilisierten roten und blauen Knallern die Raupen und die Käfer fehlen, die bei den Holländern das baldige Vergehen der üppigen Pracht anzeigten, so haftet seinen monumentalen Flowers durchaus auch eine Aura von Verletzlichkeit und Nostalgie an. Nicht ohne Grund kam er erst nach den Autounfällen auf das Motiv der Allerweltsblume – als eines gut getarnten Schlags ins Gesicht des deftigen Lebens. Noch mysteriöser geht es mit der Blume dem Maler Piet Mondrian. Mondrian, also jenem Maler, dessen Name mit der Vorstellung eines abstrakten Rasters schwarzer Linien mit roten, gelben oder blauen Farbfeldern untrennbar verbunden ist. Er wollte zur «reinen Gestaltung» vordringen und schwor den «launenhaften Naturerscheinung» ab. Es wird von ihm berichtet, dass er Bäume hasste und dass er sich in den Häusern immer so plazierte, dass er das Laub vor dem Fenster nicht sehen musste. Er malte aber Blumen – meist einzelne, selten Sträusse. Sein bekanntestes Blumenbild ist vielleicht die Chrysantheme im Guggenheim – die mit ihrem Gewirr an expressiv gebogenen schmalen Blütenblättern an einen van Gogh erinnert. Doch es gibt noch die anderen – Lilien im zarten Pastell. Amaryllis! Iris! Mondrian selber behauptete, Blumen nur als Brotzustupf zu malen. Die verkauften sich nun mal besser. Aber er malte sie noch lang nach dem Eintritt in die abstrakte Phase und auch wenn die Meinung über die Qualität seiner Blumenaquarelle auseinander gehen, für mich stimmt die Behauptung des amerikansichen Dichters Joel Shapiro, der einst schrieb, niemand, der Mondrians Blumen kenne, könne ihrem Charme widerstehen. Die geistige Disziplin, welche Mondrians Suche nach dem Absoluten verlangte, brauchte vielleicht doch ein künstlerisches Ventil. Sieht man darum diesen Lilien so gar keine Geometrie an? Sie sind ganz zarte Schönheit. Kitsch? Und da kommen unsere Schweizer Helden Fischli/Weiss ins Spiel. Die mit ihrer Serie «Blumen» ein für alle Male dem Kitschvorwurf der Blumenamalerei auf der Nase tanzten. Ihre überblendeten Photographien der lebendigen, ungeordneten, von Ameisen, Schnecken und Schmetterlingen angeknabberten Natur sind auf ihre Weise die unverschämteste Annäherung an das Sujet – bis heute noch. Die Arbeit stammt aus dem Jahr 1997/1998 und die Künstler entschieden sich, in der ihnen gewidmeten Ausstellung im Musée d’art moderne de la ville de Paris (eine Anspielung an Warhol?) 1998 nur diese Projektionen zu zeigen

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Das Haus der Wunder

Ewa Hess | 29. April 2014 – 06:26 Im Limmattal hat das Zürcher Büro Fuhrimann Hächler ein modernes Märchenhaus für einen berühmten Künstler gebaut. Ich durfte als eine der ersten Gäste einen Blick reinwerfen. Der Künstler, der nicht namentlich genannt werden möchte, und den ich seit Jahren äusserst schätze, servierte uns Kaffee und Zuger Kirschtorte. Es war herrlich. Hier der Bericht: Die Idylle trügt. Und doch ist sie auch ganz wahr. Die uralte Eiche, auf die der Blick durch ein gesprosstes Fenster des Wohnzimmers fällt, könnte echter nicht sein. Ein Bächlein rauscht an ihr vorbei. Der international bekannte Schweizer Künstler (der seinen Namen hier nicht genannt haben möchte) hat sich sein Domizil in einer Limmattaler Gemeinde bauen lassen, die nicht gerade für ihre Lauschigkeit bekannt ist. Es ist eine Zürcher Agglomerationswohngegend, dominiert von einfallslosen Wohnsiedlungen und Einfamilienhäusern. Die Autobahn nach Bern führt in spürbarer Nähe vorbei. Diese Wirklichkeit verschwindet beim Besuch im Haus hinter einer leichten Geländewölbung. Durch ein schlichtes Metalltor betritt man eine verwunschene Welt. Der Blick fällt auf ein niedriges Gebäude, einen Pavillon. Eine breite Treppe führt ums Haus herum. Folgt man ihr, entdeckt man die versteckte Dimension: Das Haus sitzt an einem steilen Hang und wächst sich unten beim Bach zu imponierender Grösse aus. Die Architekten Gabrielle Hächler und Andreas Fuhrimann sind in Kunstkreisen das Büro der Wahl. Mehrfach preisgekrönt ist das eigenwillige Mehrfamilienhaus, das sie für sich selbst und die Künstlerin Pipilotti Rist am Fuss des Uetlibergs ersonnen haben. Auch das spektakuläre Ferienhaus der Galeristin Eva Presenhuber in Vnà stammt von ihrem Reissbrett. Die Symbiose von Kunst und Architektur ist auch in diesem soeben fertiggestellten Künstlerhaus sofort erkennbar. Unter dem weit auskragenden Dach aus ­Well-Eternit wirkt das Haus wie ein vieldeutiges Kunstwerk. Mal meint man, einen japanischen Holzpavillon vor sich zu haben, und wird dann wieder an mo­derne Architektur Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert. Vor allem das mächtige Dach und die Einbettung in die Natur lassen einen schnell an Frank Lloyd Wright denken. Das Baubudget lag im mittleren einstelligen Millionenbereich. Der Bauherr brachte klare Vorstellungen in die Planungsarbeit mit ein. In Zusammenarbeit mit dem Architektenpaar ist das Haus zu einer «funktionierenden Skulptur» geworden. Wie eine solche spielt das Haus mit den Sehgewohnheiten des Betrachters. Es wirkt wie eine Scheune und wie ein herrschaftliches Anwesen zugleich. Auf den grossen, geländerlosen Terrassen, die das Haus im Terrain verankern, scheint es wie auf einem fliegenden Teppich zu schweben. Im Innern wird das Spiel mit den Grössenverhältnissen weitergetrieben. Der zweigeschossige Wohnraum, fünf Meter hoch, wird links von einem immensen Cheminée beherrscht. Rechts befindet sich der Eingang zu einer niedrigen, ganz mit Holz ausgekleideten Schlafnische. Wie Alice im Wunderland fühlt sich der Bewohner hier mal als Zwerg, mal als Riese. Bis sein Blick durch das hohe Fenster nach draussen fällt. Dort beruhigen eine alte, knorrige Eiche und ein Naturgarten am Bach die durcheinandergeratene Raumempfindung. Ein altes Bienenhaus wartet auf neue Völker. Vieles hier ist gleichzeitig alt und neu. Der solide Eichenboden besteht aus künstlich gealterten Balken. Raue Türrahmen aus sandgestrahltem Holz kontrastieren effektvoll mit den Wänden, die ihre weiche Glätte einem mit Bienenwachs versiegelten Gipsverputz verdanken. Die Wisch­bewegungen sind noch sichtbar, Arbeitsspuren hiess man beim Bauen willkommen. Das ganze Gebäude wurde aus vorfabrizierten Holzelementen erstellt, doch die Fassade ist mit Holzzementplatten verkleidet. Ein «billiges» Material, das man hier aufwendig verarbeitet hat. Kunstvoll greifen die unregelmässig zugeschnittenen Platten ineinander und bilden mit ihrer fleckig grauen Oberfläche ein komplexes Muster. In der Küche erinnern die roten Klinkerplatten des Bodens an eine Schweizer Mietwohnung, die stattliche Dimension des Raumes und die aus sandgestrahltem Holz eigens angefertigten Einbauten wirken hingegen «amerikanisierend». Das Cheminée im Wohnzimmer ist die Nachbildung eines Kamins aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aus New York, wo der Bauherr sein zweites Domizil hat. Auch die gerasterten Fensterflächen strahlen angelsächsische Gemütlichkeit aus. Beim näheren Hinsehen merkt man aber, dass die Sprossen aus industriellen Aluprofilen gefertigt sind – schon wieder ein gekonnter Stilbruch. Das obere Stockwerk gehört dem Atelier. Hier, unter einem Oberlichtfenster, arbeitet der Bauherr an seinen künftigen Werken – Farb- und Materialproben belegen die Tische. Auch dieser Raum ist, wie der Schlafraum, von oben bis unten mit Holz ausgekleidet. Eine knallgrüne, breite Treppe führt über die an ein Museum erinnernde Oberlichthalle zum Atelier, dem kreativen Kraftzentrum dieses wundersamen Hauses. Andreas Fuhrimann Gabrielle Hächler Architekten Bauten von Fuhrimann Hächler erkennt man an Material und Farbe. Beton trifft auf Glasflächen, grobes Holz auf Kunstharz. Das 1996 gegründete Büro des auch privat zusammengehörenden Paares sammelt Preise, zuletzt gewann der Zielturm des Ruderzentrums am Rotsee den «Wallpaper»-Design-Award 2014. Markant sind auch der einladend ­farbige Pavillon-Kiosk am Zürichsee und das Friedhofsgebäude in ­Erlenbach – eine archaische Betonkonstruktion. Publiziert in der Sonntagszeitung am 7.4.2014 About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. 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Nicht so stiller Has

Nicht so stiller Has Ewa Hess | 22. April 2014 – 12:26 Christian Hubschmid und ich treffen Endo Anaconda im Rosengarten in Bern. Er erzählt uns über sein Wildern im Kostümfach, was ihm auf der Toilette im Heidiland widerfährt und warum er im Gegensatz zu Knackeboul keine Likes braucht. Er posiert für uns und den Fotografen als moderner ägyptischer Diktator mit Sonnenbrille. Der Sänger von Stiller Has wärmt sich so fürs Kostümfach auf: Er wird im Sommer im Musical «Aida» an den Thuner Seespielen den Pharao spielen. Das ist eine Überraschung: Der subversive Rebell wird Teil der Unterhaltungsindustrie. An einem sommerlich warmen Nachmittag erklärt der 58-Jährige im Berner Rosengarten, wie es zu seiner Verwandlung kam. Endo Anaconda, Musical? Wirklich? Warum denn nicht? Es handelt sich schliesslich um eine Sprechrolle. Ich habe nicht die Absicht, ins leichte Fach zu wechseln. Die Musik der Thuner «Aida» ist von Elton John, also solide musikalische Unterhaltung. Und die Bezahlung stimmt auch. Mit wie viel kann man den Hasen ködern? Die Bezahlung ist okay, doch ich mache es nicht allein wegen des Geldes. Es schadet nicht, ab und zu in einem anderen Genre zu wildern. Da fällt mir doch kein Stein aus der Pharaonenkrone. Warum dann nur eine Sprechrolle? Stimmt eigentlich, es ist schon fast beleidigend. Aber so konkurrenziert dieser Auftritt wenigstens nicht den Stillen Has. Ist der Pharao in dieser Version der «Aida» wenigstens ein saftiger Bösewicht?Nein, warum sollte er das sein? Pharaonen von damals waren zwar absolute Herrscher. Aber so grausam sind sie doch nicht gewesen, dass sie an einem Tag 500 Todesurteile aussprechen würden, wie es die heutigen Pharaonen tun. Wen bezeichnen Sie als den heutigen Pharao? Die Regierung Ägyptens, die Militärs. Auch wenn die vor zehn Tagen ausgesprochenen Todesurteile sich gegen die Muslimbrüder richten, die ich für Wirrköpfe halte, bin ich dennoch erstaunt und schockiert, dass der Westen keine Sanktionen ergreift. Wird diese politische Wirklichkeit in der Thuner Inszenierung thematisiert? Nein, aber die Geschichte mit der unpassenden Liebschaft passt dennoch gut in unsere Zeit. Inwiefern? Beziehungen überschreiten heute Rassen- und Klassengrenzen. Nur scheinbar. In die heutige Zeit übersetzt wäre das, als wenn der Schwiegersohn von Christoph Blocher sich in ein somalisches Dienstmädchen verliebt hätte. Das bringt die Machtverhältnisse durcheinander. Vergleichen Sie gerade Blocher mit einem Pharao? Er ist ein Pharao ohne Reich. Er hätte eine Legende werden können, doch dazu fehlt ihm die Altersweisheit. Worauf spielen Sie an? Er untergräbt seinen Mythos, indem er nicht loslässt. Mit der Masseneinwanderungsinitiative hat seine Partei die Schweizer Politszene dennoch erschüttert. Wie stehen Sie dazu?Es hat unter den Nein-Sagern genauso viele Idioten wie unter den Ja-Sagern. Wir diskutieren. Es gibt Nationen, die diskutieren erst, nachdem sie Millionen Menschen in den Gasofen geschickt haben. Wir Schweizer diskutieren vorher. Waren Sie eigentlich damals für den Beitritt zum EWR? Nein. Und jetzt erst recht nicht, die Europäische Union ist doch nichts anderes als eine überdimensionierte Finanzblase. Spricht hier ein ehemaliger Kommunist? Ich hatte Sympathien für die Oktoberrevolution. Nicht für den Stalinismus, der danach folgte. Wann sind Sie aus der KP ausgetreten? Sobald ich nachpubertär wurde und einen klareren Kopf bekam. Meine kommunistische Frühjugend war eine Antwort auf das deutschnationale Umfeld in Südkärnten, wo ich aufgewachsen bin. Eine Zeile aus einem Ihrer Songs heisst «Ich mit der Rose, du mit dem Gewehr». Ist Stiller Has ein Pazifist? Diese Zeile ist eine Jugenderinnerung. Meine Grosseltern haben zur Zeit des Kalten Kriegs auf der österreichischen Seite der jugoslawischen Grenze ein Ferienhaus gehabt. Wir Jungs haben mit den bewaffneten jugoslawischen Grenzbeamtinnen geschäkert. Sie waren sehr hübsch mit ihren Schifflihütchen. Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren Österreicher? Kärntner und Slowenen, die in Österreich lebten. Diese Familie war zweigeteilt. Während des Kriegs war ein Teil davon Mitläufer bei den Deutschen, der andere Teil bei den Partisanen. Für mich waren die Grenzen also immer ein Thema. Ist Ihr humorvoller Zynismus, den man aus Ihren Songs und Kolumnen kennt, eine einge­übte Strategie angesichts dieser Widersprüche? Nein. Ich bin echt von allen Systemen enttäuscht. Gut, dass ich bald sechzig werde, und gut, dass ich auf dieser Welt nicht allzu alt werden muss. Sie werden nicht alt? Nein, ich habe keine Lust, achtzig zu werden und als Rentner meinen Mietzins mit der Pumpgun eintreiben zu müssen. Wie meinen Sie das? Sind Sie Mitglied bei Exit? Nein, nein. Mich würde dieser Duftschalen-Groove der Exit-­Trostspender nerven. Krank sein und Sterben ist ein einsamer Job. Aber warum gleich sterben? Wie man am Beispiel der Rolling Stones sieht, gibt es für beliebte Bands noch andere Wege, ihre Rente aufzubessern.Ja, wenn die Kräfte reichen. Und wenn nicht? Vom Hotel Bellevue in die Notschlafstelle ist der Weg nicht sehr lang. Knapp fünf Meter. Stiller Has ist eine der ­fleissigsten Bands der Schweiz. Ist diese Never Ending Tour nur das Resultat einer finanziellen Notwendigkeit? Nein, ich mache das echt gern. Aber ich hätte gern eine Auszeit. Wir haben gerade 25 Jahre Stiller Has gefeiert und noch nie um Subventionen gebettelt. So etwas ist durchaus rufschädigend. Man gilt dann als «kommerziell». Muss man um Subventionen betteln? In der Stadt Bern ist es so, dass alle, die Subventionen empfangen, auch gleichzeitig in den Kommissionen sitzen und Subventionen vergeben. Da möchte ich mich nicht anstellen. Untertreiben Sie nicht? Der Stille Has hat doch eine Lobby! Ich bin nun mal ein Düsterling. Einer, der dem Düsteren sehr komische Lieder abringt. Man muss ja irgendwie damit fertigwerden. Schon nur der Kinder wegen. Wie alt ist Ihr Jüngstes? Mascha ist fünf Jahre alt. Sie haben drei Kinder von drei verschiedenen Müttern. Gab es in Ihrem Leben auch ruhige Familienphasen? Phasen schon. Mehr nicht. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Kindern?Sehr liebevoll. Mögen Ihre Kinder Ihre CDs? Das wäre doch reichlich absurd, wenn ein Pubertierender die Musik des eigenen Vaters toll fände. Aber mit der Kleinen mache ich gerne Spontandichtung. Sie deklamiert fehlerfrei Gedichte von Christian Morgenstern. Sie kommen bei den Jungen gut an, nächsten Mittwoch spielen Sie im Zürcher Exil, wo das Publikum dreimal jünger ist als Sie . . . (Eine Gruppe Teenager kommt an den Tisch, an welchem das Interview

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Cohn-Bendits Dämonen

Cohn-Bendits Dämonen Ewa Hess | 18. Mai 2014 – 14:21 Im Hotel Castello del Sole in Ascona TI ist selbst die aufgeregte Stimmung eines Festivals kultiviert gedämpft. Die Sonne spiegelt sich im Lago Maggiore, internationale Literaten reisen an, um im Rahmen der Frühlingsveranstaltung «Eventi letterari» auf dem Monte Verità Ideen auszutauschen. In diese Umgebung scheint Daniel Cohn-Bendit nicht so recht zu passen. Mit dem schnellen Schritt eines Berufspolitikers betritt der «rote Dany» die Lobby. Die Haare des deutsch-französischen Doppelbürgers sind nicht mehr rot, doch der Blick hinter der runden Brille verrät ungebremste Neugierde und Debattierlust. Unser Treffen fällt mit seinem persönlichen Wendepunkt zusammen: Daniel Cohn-Bendit, 69, nimmt Abschied von der Politik. Nach 20 Jahren im Europaparlament als Vertreter abwechselnd der deutschen und der französischen Grünen setzt sich der ehemalige Rädelsführer des französischen Studenten­aufstands von 1968 zur Ruhe. Nach Jahren des Pendelns zwischen Brüssel und Frankfurt und einer überstandenen Krebserkrankung will Cohn-Bendit nun mit Ingrid Apel, mit der er seit 1997 verheiratet ist und einen erwachsenen Sohn hat, das Leben geniessen. Er wohnt in Frankfurt mit befreundeten Paaren gleichen Alters in ­einer Hausgemeinschaft. Daniel Cohn-Bendit, Sie ­sprechen zum Thema ­«Politische Utopien und ­persönliche Dämonen». Was erwartet uns da? Utopien und Dämonen sind das Thema des Literaturfestivals hier in Ascona. Ein gut gewähltes Thema, denn Utopien rufen Dämonen auf den Plan. Inwiefern? Utopien können sich radikalisieren und verselbstständigen. Darin liegt etwas Dämonisches, weil Utopie dann zum Selbstzweck wird und den Menschen aus dem Blick verliert. Beispiel? Schauen Sie meine Laufbahn an. Zuerst gab es für mich Sozialuto­pien – den Traum von einer besseren Gesellschaft. Verbunden mit der Revolte in den 60er-Jahren, hatte ich eine antiautoritäre Utopie. Daraus folgend, gab es für mich die grüne Utopie, das heisst die Vision, dass man Politik auch anders machen kann. Dann die europäische Utopie. Die Ziele mussten stets neu verhandelt werden, damit sie nicht auf Abwege geraten. Abwege? Meinen Sie damit etwa den Terrorismus? Absolut. Der Versuchung der Radikalisierung bis zur Gewalt hin bin ich klar entgegengetreten. Durch das Diskutieren, das Gegeneinanderabwägen kann man Dämonen im Zaum halten. Sie haben aber immer ­provoziert. Führt Provokation nicht auch zu Gewalt? Nein. Die Provokation zielt nicht auf die Vernichtung des anderen, im Gegenteil, sie will sich mit ihm auseinandersetzen. In den 70ern war meine Lust am Provozieren aber so stark, dass sich diese Haltung verselbstständigt hat – zum Dämon wurde. Ich wollte immer noch eins draufsetzen. Etwa in der französischen ­Kultursendung «Apostrophe» von 1982. Sie sagen da, dass Sie ein Haschischbiskuit intus hätten und erzählen, wie Sie im antiautoritären Kindergarten mit Kindern Sexualität entdecken würden. Sehen Sie, nein! Sie schildern das falsch. Nicht wie ich, sondern wie die Kinder die Sexualität entdecken! Das ist nicht das Gleiche. In dieser Sendung erzähle ich, wie die Kinder ihre Sexualität entdecken, und mokiere mich über die Reaktionen der Erwachsenen darauf. Ähnliches beschrieben Sie 1975 in Ihrem Buch «Der Grosse Basar», das seit einigen Jahren unter Verdacht steht, pädophile Handlungen zu ­verherrlichen. Eines mal vorweg: Diese Passagen waren nicht so gemeint, wie sie heute interpretiert werden. Überhaupt, das ganze Buch war nicht so gemeint, es war auch nicht nur Provokation, es gibt darin Kapitel über jüdische Identität in Israel, ein Thema, das mich heute wieder beschäftigt. Das Buch hat übrigens, als es herauskam, niemanden provoziert, es war überhaupt kein Skandal. Inzwischen weiss die Gesellschaft aber viel mehr über den Missbrauch von Kindern. Es gab damals Opfer, Kinder, die nicht beschützt worden sind. Ja, das ist empörend und sehr traurig. Aber ein Teil der Öffentlichkeit geht in diese Auseinandersetzungen nicht mit der Haltung «Versuchen wir zu verstehen, was da wirklich war oder nicht war», sondern mit der Haltung «Jetzt müssen wir ganz klar ein Urteil sprechen». Mit scharfen Urteilen hat die Generation der 68er auch nicht gerade gegeizt. Das stimmt. Es kann schon sein, dass das jetzt eine Retourkutsche ist. Ein Urteil, das jedes Argument zum Schweigen bringt. Wie gehen Sie damit um? Es hatte mich am meisten getroffen, als ich den Theodor-Heuss- Preis letztes Jahr bekommen habe und es in Stuttgart eine Demonstration gegen mich gab. Es hiess, man könne diesen Preis für freiheitliche Gedanken nicht einem wie mir geben. Haben Sie das nicht erwartet? Nicht in dieser Heftigkeit. Da ging es nicht mehr um den Text, da sollte plötzlich bewiesen werden, dass er einer pädophilen Realität entspricht. Was aber nie bewiesen werden konnte, weil es da keine gab. Da gab es meinerseits weder Gelüste noch Taten. In der Schweiz wird bald über eine Initiative abgestimmt, die für Pädophile ein Berufsverbot für Arbeit mit Kindern fordert. Wie würden Sie stimmen? Wohl dafür. Grundsätzlich ist es richtig: Wenn jemand pädophil ist, soll er nicht mit Kindern arbeiten. Das Problem liegt aber woanders. Wo liegt es? Man konzentriert sich dadurch auf Pädophile, die man durch ein Berufsverbot von den Kindern fernhalten kann. Dabei geht die Tatsache vergessen, dass die Mehrheit der pädophilen Täter Familienangehörige sind: Onkel, Väter. Das reale Problem umreisst eine andere Frage: Darf jemand, der begründet der Pädophilie verdächtigt wird, Vater werden? Sie sagen: begründet. Heute wiegt auch ein unbegründeter Verdacht schwer. Das stimmt. Darum wollen etwa in Deutschland immer weniger junge Männer Grundschullehrer werden oder in Kindergärten arbeiten. Ein Schüler meiner Frau hat ein Praktikum im Kindergarten gemacht. Er war begeistert, und die Leiterin hat ihn toll gefunden, aber gesagt, dass sie in Zukunft keine Männer mehr einstelle. Warum? «Weil wir aufpassen müssen.» Wir leben in einer Verdachtsgesellschaft. Spontane Zärtlichkeit den Kindern gegenüber ist gefährlich geworden. «Du musst deine Freundin anders lieben», schrieben Sie in einer Schrift aus den 60er-­Jahren. Was meinten Sie damit? Was weiss ich, was ich damals meinte. Aber heute vergisst man, wie verklemmt diese Gesellschaft damals war. In Frankreich brauchte eine verheiratete Frau die schriftliche Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollte. Bis 1973 war Homosexualität unter Strafe verboten. Es ging uns darum, ein offeneres Verhältnis zu Sexualität und Liebe zu entwickeln und nicht ein Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau. Ihr eigenes Leben verläuft in Bahnen, die dem Ideal eines braven Bürgers entsprechen –

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