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Szeemanns Archiv bei Getty

Szeemanns Archiv bei Getty

Ewa Hess | 14. Februar 2013 – 07:59

Nachdem Getty Harald Szeemanns Archiv gekauft hatte, wird es jetzt dem Publikum zugänglich gemacht. Ein warmherziges neues Video erinnert an den grossen Schweizer Ausstellungsmacher. Die von Getty realisierte 10-min-Version erklärt auch zwischen den Zeilen, weshalb Ingeborg Lüscher und Uma Szeemanns das Archiv an Getty verkauft haben, obwohl es dadurch aus Europa verschwand – weil die Kuratorin dort die Bedeutung des Konvoluts erkannte und fest entschlossen war, es so schnell wie möglich den Studenten zugänglich zu machen. http://www.youtube.com/watch?v=C-Z6hMdWcNU&feature=player_embedded

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Die besten Richards III

Die besten Richards III

Ewa Hess | 6. Februar 2013 – 22:18

Es sind nicht die Knochen, welche einen Monarchen ausmachen. Die besten Richards sind jene, die unser Denken regieren. Also: 1. Al Pacino in «Looking for Richard». Eine rastlose, halb dokumentraische Suche nach Shakespeares Geheimnis, nach dem Abfgrund von Richards Herz, nach der Essenz der Schauspielerei. 2. Frederick Warde im Stummfilm von 1912, der angeblich der älteste erhaltene amerikanische Film sein soll. Schon damals ein Brite, der von New York aus die Welt erobert. Wird zum vorbild aller Richards – dabei ist der Film ja stumm! So beredt können wortlose Monologe sein. 3. Laurence Olivier natürlich, der Shakespeare rezitieren kann, als ob er sein Mittagsmenü erzählen würde, zwanglos, charmant. 4. Ian McKellen in Uniform, in einem protofaschistischen England der 30-er Jahre. Eine böse, erschreckende Interpretation, in der der spätere Gandalf einen reptilienartigen Charme entwickelt. 5. Peter Selters, wie er Laurence Olivier nachäfft, und den grossen Richard-Monolog mit dem Songtext von Beatles‘ «Hard Day’s Night” rezitiert.

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Kunst

Neue Kunstrituale in Rio

Neue Kunstrituale in Rio

Ewa Hess | 4. Februar 2013 – 07:44

In Rio de Janeiro erwacht eine neue Kunstszene – anlässlich einer Reise im Zusammenhang mit der bevorstehenden Eröffnung der Casa Daros im Quartier Botafogo habe ich mich mal unter dem Zuckerhut umgesehen.

Foto: Fred Merz/Rezo

Rio ist eine Schleuder. Das behauptet der Künstler José Bechara. Und er muss es wissen, denn er schaut täglich von oben auf seine Heimatstadt. Auf der Terrasse seines Ateliers im Villenviertel Santa Teresa breitet er Leinwände vor uns aus. Eine tropisch verschleierte Sonne legt sich derweil zu Füssen des Zuckerhuts schlafen.

«Die lateinamerikanische Kunst», sagt José und unterstreicht die Aussage mit einer dezidierten Bewegung seiner kubanischen Zigarre, «wird von Rio aus die Welt erobern.» Denn nur von hier aus fliegen Ideen mit Zentrifugalkraft in die Welt – wie einst der entspannte Rhythmus des Bossa nova. Darum sei es klug von den Schweizern, mit ihrer Casa Daros nach Rio zu kommen.

Bechara selbst ist ein cooler Typ mit Dächlikappe und rauer Stimme. Jeder seiner Sätze klingt wie ein Sprichwort. «Geld kommt nach Rio wegen seiner Ölfelder», sagt er etwa, «Künstler aber kommen nach Rio, weil diese Stadt bereit ist, sich zu verschwenden.» Obwohl keines seiner eigenen Werke von Daros Latinamerica angekauft wurde, ist er auf die Sammlung gut zu sprechen. Er ist überzeugt, dass es ein Fehler der Kunstszene war, die Gründung eines Ablegers des Guggenheim-Musems in Rio, damals 2003, durch Proteste zu verhindern. «Abwehr», sagt er, «ist eine so altmodische Idee.»

«Ist der Umbau der Casa Daros endlich fertig?», will Bechara jetzt wissen. Ein Schaufenster für Kunst verschiedener lateinamerikanischer Länder in Rio einzurichten, hält er für eine grossartige Idee. Fügt aber nach einigem Nachdenken hinzu: «Falls es funktioniert.»

Der Nachsatz ist berechtigt. Die Kunstszene Rios ist bisher eine recht überschaubare Gemeinschaft. Sie organisiert sich rund um das Museu de Arte Moderna (MAM Rio), einer von Brasiliens grossartig kühlen, modernistischen Betonbauten im Quartier Flamengo unten am Meer. Mit seinen 200 000 Eintritten pro Jahr erlaubt das Beispiel des Museums keine brillante Prognose für die hochfliegenden Daros-Pläne, die mit dem Potenzial einer kunsthungrigen Sechs-Millionen-Metropole rechnen. Dass aber Kunst, Geld und Macht in Rio gerade anfangen, Gefallen aneinander zu finden, das lässt sich beim Besuch im Haus auf Betonpfeilern nicht übersehen.

Der Enkel des Medienmoguls buhlt um Museumssponsoren

Der Aufsichtsrat-Präsident des Museums, Carlos Alberto Gouvea Chateaubriand, empfängt seine Besucher im Restaurant im ersten Stock. Sein Grossvater, Francisco de Assis Chateaubriand, war einer der einflussreichsten Männer des Landes, ein gefürchteter Medienmogul der Nachkriegsjahre, der als «brasilianischer Citizen Kane» in die Geschichte einging. Im neuen, um eine vorzeigbare politische Korrektheit bemühten Brasilien von heute steht sein Name für alles, das es zwar noch gibt, aber nicht mehr geben sollte: Erpressung, Korruption, Bereicherung durch Macht. Den Namen von Napoleons Botschafter Chateaubriand hat der damalige Emporkömmling aus Nordostbrasilien als Jüngling für sich usurpiert – er ist in der Familie geblieben.

Das nach dem gleichen Mann benannte Stück Fleisch wird im Museumsrestaurant Laguiole nicht serviert, dafür ein hauchzarter Blanc manger aux truffes. Wenn man die Vorspeise lobt, ruft der Präsident mit einem Fingerschnippen den Koch, der im perfekten Französisch das Rezept verrät.

Alles hier ist darauf ausgerichtet, die Reichen und die Einflussreichen zu verwöhnen. Denn sie sollen zahlen – Staatssubventionen für Museen stehen im Boomland Brasilien nicht zuvorderst auf der politischen Agenda. Weder das MAM Rio noch das auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht gelegene, von Brasília-Planer Oscar Niemeyer erbaute Museu de Arte Contamporânea de Niteroi, erhalten Budget-Zuwendungen. Für jede Ausgabe muss ein Sponsor her. Der zerschlissene Spannteppich im Innern des in jedem Touristenführer als Weltwunder gepriesenen Niemeyer-Baus in Niteroi erzählt von diesen Zuständen.

Da hat es das MAM Rio besser. «Ich weiss, wie man mit diesen Leuten spricht, damit sie uns Geld geben», sagt der Enkel des Medienzaren und prostet dem Telenovela-Produzent Luiz Barreto zu, der gerade hereinkommt. Grossvater Chateaubriand pflegte die Industriemagnaten seiner Zeit zu erpressen, um Modiglianis, Tizians und Picassos fürs Museum in Sa?o Paulo zu kaufen.

Heute undenkbar – und doch wecken diese ältere Herren in hellen Anzügen, die im Museumsrestaurant ein- und ausgehen, einschlägige Mafiafilm-Klischees. «Wie geht es der Tochter, Mario?», «Setzt dich zu uns, Paulo»: – damit sind der mächtige Chairman des Energieunternehmens Enel Endesa, Mario Santos, oder der CEO des Elektrizitätsgiganten Light, Paulo Roberto Pinto, gemeint.

Einander in ihrer weichen Sprache Witzchen und Koseworte zurufend, kontrastieren diese Patriarchen mit den kargen Räumen des Museums, wo einst, in den 60er- und 70er-Jahren, zur Zeit der Militärdiktatur, Oppositionelle zusammenkamen «um zu besprechen, was getan werden musste und wer gerade verhaftet worden ist» – wie uns der Künstler Antonio Dias erzählt.

Dias ist der Doyen der Kunstszene in Rio. Vor der Verfolgung des Militärregimes flüchtete er nach Europa, lebte lange in Mailand. Er ist jetzt 69 Jahre alt und krank. Er hat sich ein Auge verletzt, bei der Behandlung wurde Krebs diagnostiziert. Vor zwei Jahren kam er zurück, nach Hause, um hier wieder heil zu werden. Er ist der Meister Yoda von Rios Kunstszene, ein Weiser, der in Rätseln spricht. Die um Jahrzehnte jüngere italienische Frau Paola und Tochter Nina gehen im Haus umher, schwatzend, rauchend, Getränke schlürfend.

Die Kunstvermittlungskurse in der Favela laufen schon

Dias ist ein typischer Daros-Künstler. In der von Ruth Schmidheiny und Hans-Michael Herzog angelegten Sammlung lateinamerikanischer Kunst ist diese Generation bisher am stärksten vertreten. Die ganz jungen Künstler sind den bedächtigen Einkäufern oft noch nicht «reif» genug, haben die Probe der Zeit noch nicht bestanden. Die Werke älterer Künstler, etwa der beiden Säulenheiligen der brasilianischen Moderne, Helio Oiticica oder Lygia Clark, waren im Jahr 2000, als Daros Latinamerica anfing, bereits sehr teuer. «Dennoch», erklärt Hans-Michael Herzog, «konnten wir uns einige wichtige Positionen dieser Künstler sichern.»

Auf die Frage nach der Bedeutung der kommenden Eröffnung der Casa Daros für Rio antwortet Antonio Dias gewohnt vage – ja, das Kulturhaus sei wichtig. Er würde sich wünschen, dass dort eine Kunstzeitschrift initiiert werde. Er vermisse ein Forum. «Die Daros-Leute setzen schon jetzt Standards», gleicht Paola freundlich die nicht gerade überbordende Begeisterung ihres wortkargen Mannes aus. Standards der Kunstvermittlung? «Bis jetzt vor allem der Denkmalrenovation», erklärt die Mailänderin höflich.

In der Tat. Die schier endlosen Fluchten leerer Räume, blitzblank, mit einem geschmackvoll hellen Holzboden versehen und mit aller für ein modernes Museum notwendigen Struktur ausgestattet, wirken bei einem Besuch in der noch leeren Casa Daros ein wenig einschüchternd. Bei einem kurzen Blick in die «Phase 3» genannten, noch unrenovierten Teile des grossen Gebäudes klettert die Fantasie schneller die schäbigen Wände hoch, nistet sich im wurmzerfressenen Holz der alten Böden ein.

Aber schon laufen die ersten Daros-Kunstvermittlungs-Kurse in der Favela Dona Marta. Die Kids aus den Slums, eher als die Oberschicht, seien die anvisierte Daros-Klientel – dessen ist sich Herzog sicher. Der kubanische Vermittlungsprogramm-Leiter Eugenio Figueroa zeigt dazu eine Reihe leicht verwischter Aufnahmen von Strassenszenen. Fotografiert wurde mit einer grossen Camera obscura. Es sei toll gewesen, bei den an Schnappschuss-Ästhetik gewohnten Jungs und Mädels den Sinn für die archaische Fotografie zu wecken.

Doch Rios Favelas und seine reichen Quartiere bilden ein System miteinander verbundener Gefässe. Das zeigt sich am gleichen Abend noch, an der Vernissage von Adriana Vareja’o, einem Superstar des brasilianischen Kunstbetriebs. Vareja’o, eine Magazin-Schönheit mit dunkler Lockenmähne, war bis 2010 mit dem Sammler und Minenmagnaten Bernardo Paz verheiratet, dessen sechste Exfrau sie nun ist. Ihr Pavillon in Paz extravagantem Freiluftmuseum Inhotim bei Belo Horizonte, einem begehrten Reiseziel westlicher Kuratoren, hat dazu beigetragen, dass ihr Stil weltweit bekannt wurde. Ihr Markenzeichen: sauber gekachelte Räume in Verbindung mit blutrünstigen Fantasien postkolonialer Rache. Ihre Werke, die nun in den Sammlungen von Tate Modern bis MoMA nicht fehlen, erreichen Preise bis 1,2 Millionen Dollar. In den Beständen von Daros Latinamerica fehlen sie gänzlich – zu modisch.

Umringt von einer Menschentraube aus Honoratioren, führt Vareja?o, im blutroten Kleid und leicht schwankend auf hohen Absätzen, den mächtigsten Mann im Staate durch die Schau im MAM Rio: den Gouverneur Sergio Cabral. Seit 2007 im Amt, gilt der Gouverneur einhellig als der erste gute Verwalter des Gliedstaates Rio de Janeiro seit einem Vierteljahrhundert.

Nach Dekaden von Schulden und Skandalen hat er mit einer Mischung aus geschicktem Taktieren und starker Hand die Stadt Rio zu dem Ort gemacht, der heute der Austragung der Fussball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 entgegenfiebern kann.

Seine zuweilen auch brutalen Polizeitruppen «Unidade de Polícia Pacificadora» haben den von Drogenbossen beherrschten Favelas wie Dona Marta oder Rocinha Entspannung gebracht. In der Nähe der Zona Sul, also der berühmten Strände Ipanema und Copacabana, entstand dadurch ein Novum: Favelas, in welchen Kinder Kreativkurse besuchen und die Armut den Touristengruppen von ihrer pittoresken Seite vorgeführt werden kann.

Eine ihrer bekanntesten ist Vigidal. Nur langsam kämpft sich hier das Fahrzeug die steile Strasse hoch, vorbei an Menschen, die Hälften von frisch geschlachteten Schweinen und Bierkisten auf den Schultern tragen. Die Gentrifzierung hat bereits angefangen. Ihre ersten Boten, die Betonmischer, bedienen Baustellen von Hotels und Villen.

Mit wütender Wucht schleudert ein Junge den Monolog heraus

Die Kulturvergangenheit von Vigidal reicht bis in die 80er-Jahre zurück. Viele Schauspieler für Fernando Meireles Oscar-nominierten Film «City of God» kamen von hier. Talentscouts besuchen regelmässig die Strassenvorstellungen auf dem Hügel.

Ein dunkelhäutiger Junge springt auf die improvisierte Bühne. Mit wütender Wucht schleudert er einen Monolog heraus: Es ist die Geschichte eines jungen Schwarzen, dem die Mutter eingebläut hat, immer nur brav zu lächeln. Die weissen Zähne des jungen Schauspielers springen fast aus seinem Gesicht heraus. Man versteht, auch ohne des Portugiesischen mächtig zu sein: «Carranca», die starre Grinsfratze, erstickt in ihm jede Freiheitsregung.

Wie hiess doch das Fotoprojekt der Casa Daros? «Metamorphose», die Veränderung. Allzu lang hat Rio, die Strandschöne Brasiliens immer nur gelächelt. In dem sich langsam ausbreitenden Wohlstand verschwindet die starre Lachfratze, die Stadt erwacht und drängt auf die Weltbühne. Und das mit Lust. Denn Abwehr, wie uns Freund Bechara eingebläut hat, ist so was von gestern.

Publiziert am 03.02.2013

ich dort.

Rio ist eine Schleuder. Das behauptet der Künstler José Bechara. Und er muss es wissen, denn er schaut täglich von oben auf seine Heimatstadt. Auf der Terrasse seines Ateliers im Villenviertel Santa Teresa breitet er Leinwände vor uns aus. Eine tropisch verschleierte Sonne legt sich derweil zu Füssen des Zuckerhuts schlafen.

«Die lateinamerikanische Kunst», sagt José und unterstreicht die Aussage mit einer dezidierten Bewegung seiner kubanischen Zigarre, «wird von Rio aus die Welt erobern.» Denn nur von hier aus fliegen Ideen mit Zentrifugalkraft in die Welt – wie einst der entspannte Rhythmus des Bossa nova. Darum sei es klug von den Schweizern, mit ihrer Casa Daros nach Rio zu kommen.

Bechara selbst ist ein cooler Typ mit Dächlikappe und rauer Stimme. Jeder seiner Sätze klingt wie ein Sprichwort. «Geld kommt nach Rio wegen seiner Ölfelder», sagt er etwa, «Künstler aber kommen nach Rio, weil diese Stadt bereit ist, sich zu verschwenden.» Obwohl keines seiner eigenen Werke von Daros Latinamerica angekauft wurde, ist er auf die Sammlung gut zu sprechen. Er ist überzeugt, dass es ein Fehler der Kunstszene war, die Gründung eines Ablegers des Guggenheim-Musems in Rio, damals 2003, durch Proteste zu verhindern. «Abwehr», sagt er, «ist eine so altmodische Idee.»

«Ist der Umbau der Casa Daros endlich fertig?», will Bechara jetzt wissen. Ein Schaufenster für Kunst verschiedener lateinamerikanischer Länder in Rio einzurichten, hält er für eine grossartige Idee. Fügt aber nach einigem Nachdenken hinzu: «Falls es funktioniert.»

Der Nachsatz ist berechtigt. Die Kunstszene Rios ist bisher eine recht überschaubare Gemeinschaft. Sie organisiert sich rund um das Museu de Arte Moderna (MAM Rio), einer von Brasiliens grossartig kühlen, modernistischen Betonbauten im Quartier Flamengo unten am Meer. Mit seinen 200 000 Eintritten pro Jahr erlaubt das Beispiel des Museums keine brillante Prognose für die hochfliegenden Daros-Pläne, die mit dem Potenzial einer kunsthungrigen Sechs-Millionen-Metropole rechnen. Dass aber Kunst, Geld und Macht in Rio gerade anfangen, Gefallen aneinander zu finden, das lässt sich beim Besuch im Haus auf Betonpfeilern nicht übersehen.

Der Enkel des Medienmoguls buhlt um Museumssponsoren

Der Aufsichtsrat-Präsident des Museums, Carlos Alberto Gouvea Chateaubriand, empfängt seine Besucher im Restaurant im ersten Stock. Sein Grossvater, Francisco de Assis Chateaubriand, war einer der einflussreichsten Männer des Landes, ein gefürchteter Medienmogul der Nachkriegsjahre, der als «brasilianischer Citizen Kane» in die Geschichte einging. Im neuen, um eine vorzeigbare politische Korrektheit bemühten Brasilien von heute steht sein Name für alles, das es zwar noch gibt, aber nicht mehr geben sollte: Erpressung, Korruption, Bereicherung durch Macht. Den Namen von Napoleons Botschafter Chateaubriand hat der damalige Emporkömmling aus Nordostbrasilien als Jüngling für sich usurpiert – er ist in der Familie geblieben.

Das nach dem gleichen Mann benannte Stück Fleisch wird im Museumsrestaurant Laguiole nicht serviert, dafür ein hauchzarter Blanc manger aux truffes. Wenn man die Vorspeise lobt, ruft der Präsident mit einem Fingerschnippen den Koch, der im perfekten Französisch das Rezept verrät.

Alles hier ist darauf ausgerichtet, die Reichen und die Einflussreichen zu verwöhnen. Denn sie sollen zahlen – Staatssubventionen für Museen stehen im Boomland Brasilien nicht zuvorderst auf der politischen Agenda. Weder das MAM Rio noch das auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht gelegene, von Brasília-Planer Oscar Niemeyer erbaute Museu de Arte Contamporânea de Niteroi, erhalten Budget-Zuwendungen. Für jede Ausgabe muss ein Sponsor her. Der zerschlissene Spannteppich im Innern des in jedem Touristenführer als Weltwunder gepriesenen Niemeyer-Baus in Niteroi erzählt von diesen Zuständen.

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Dias ist ein typischer Daros-Künstler. In der von Ruth Schmidheiny und Hans-Michael Herzog angelegten Sammlung lateinamerikanischer Kunst ist diese Generation bisher am stärksten vertreten. Die ganz jungen Künstler sind den bedächtigen Einkäufern oft noch nicht «reif» genug, haben die Probe der Zeit noch nicht bestanden. Die Werke älterer Künstler, etwa der beiden Säulenheiligen der brasilianischen Moderne, Helio Oiticica oder Lygia Clark, waren im Jahr 2000, als Daros Latinamerica anfing, bereits sehr teuer. «Dennoch», erklärt Hans-Michael Herzog, «konnten wir uns einige wichtige Positionen dieser Künstler sichern.»

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In der Tat. Die schier endlosen Fluchten leerer Räume, blitzblank, mit einem geschmackvoll hellen Holzboden versehen und mit aller für ein modernes Museum notwendigen Struktur ausgestattet, wirken bei einem Besuch in der noch leeren Casa Daros ein wenig einschüchternd. Bei einem kurzen Blick in die «Phase 3» genannten, noch unrenovierten Teile des grossen Gebäudes klettert die Fantasie schneller die schäbigen Wände hoch, nistet sich im wurmzerfressenen Holz der alten Böden ein.

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Doch Rios Favelas und seine reichen Quartiere bilden ein System miteinander verbundener Gefässe. Das zeigt sich am gleichen Abend noch, an der Vernissage von Adriana Vareja’o, einem Superstar des brasilianischen Kunstbetriebs. Vareja’o, eine Magazin-Schönheit mit dunkler Lockenmähne, war bis 2010 mit dem Sammler und Minenmagnaten Bernardo Paz verheiratet, dessen sechste Exfrau sie nun ist. Ihr Pavillon in Paz extravagantem Freiluftmuseum Inhotim bei Belo Horizonte, einem begehrten Reiseziel westlicher Kuratoren, hat dazu beigetragen, dass ihr Stil weltweit bekannt wurde. Ihr Markenzeichen: sauber gekachelte Räume in Verbindung mit blutrünstigen Fantasien postkolonialer Rache. Ihre Werke, die nun in den Sammlungen von Tate Modern bis MoMA nicht fehlen, erreichen Preise bis 1,2 Millionen Dollar. In den Beständen von Daros Latinamerica fehlen sie gänzlich – zu modisch.

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Nach Dekaden von Schulden und Skandalen hat er mit einer Mischung aus geschicktem Taktieren und starker Hand die Stadt Rio zu dem Ort gemacht, der heute der Austragung der Fussball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 entgegenfiebern kann.

Seine zuweilen auch brutalen Polizeitruppen «Unidade de Polícia Pacificadora» haben den von Drogenbossen beherrschten Favelas wie Dona Marta oder Rocinha Entspannung gebracht. In der Nähe der Zona Sul, also der berühmten Strände Ipanema und Copacabana, entstand dadurch ein Novum: Favelas, in welchen Kinder Kreativkurse besuchen und die Armut den Touristengruppen von ihrer pittoresken Seite vorgeführt werden kann.

Eine ihrer bekanntesten ist Vigidal. Nur langsam kämpft sich hier das Fahrzeug die steile Strasse hoch, vorbei an Menschen, die Hälften von frisch geschlachteten Schweinen und Bierkisten auf den Schultern tragen. Die Gentrifzierung hat bereits angefangen. Ihre ersten Boten, die Betonmischer, bedienen Baustellen von Hotels und Villen.

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Die Kulturvergangenheit von Vigidal reicht bis in die 80er-Jahre zurück. Viele Schauspieler für Fernando Meireles Oscar-nominierten Film «City of God» kamen von hier. Talentscouts besuchen regelmässig die Strassenvorstellungen auf dem Hügel.

Ein dunkelhäutiger Junge springt auf die improvisierte Bühne. Mit wütender Wucht schleudert er einen Monolog heraus: Es ist die Geschichte eines jungen Schwarzen, dem die Mutter eingebläut hat, immer nur brav zu lächeln. Die weissen Zähne des jungen Schauspielers springen fast aus seinem Gesicht heraus. Man versteht, auch ohne des Portugiesischen mächtig zu sein: «Carranca», die starre Grinsfratze, erstickt in ihm jede Freiheitsregung.

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Publiziert in der SonntagZeitung am 03.02.2013

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2012 in 60 Sekunden

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Ewa Hess | 20. Dezember 2012 – 10:09

Youtube ist auch ein Newskanal. Während dem Sturm Sandy wurden 39000 Videos während einer Woche hochgeladen und aus Syrien oder zu Syrien kamen mehr als 350000 Beiträge. Hier ein für Youtube erstellter Zusammenschnitt von Reuters-Newsbildern, die im zu Ende gehenden Jahr relevant waren (oder auch nur populär, wie der blöde Red-Bull-Sprung).

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Realsatire im ZIB 2

Realsatire im ZIB 2

Ewa Hess | 1. Dezember 2012 – 10:27

Ein Gesprächspartner (Frank Stronach) in der österreichischen Tagesschau will einfach nicht einsehen, dass er nicht 5 Minuten lang ein Statement vorlesen kann. Realitätsverlust eines diktatorischen Patrons alter Schule mit sehr viel unfreiwillig satirischem Potential.Armin Wolf (ZiB 2) hat ein paar Fragen an Frank Stronach – der mag lieber vorlesen.

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Anna Karenina, eiskalt

Anna Karenina, eiskalt

Ewa Hess | 25. November 2012 – 00:36

Keira Knightley erzählt mir in London über die animalische Unberechenbarkeit der Anna Karenina, Sexszenen und die grosse Liebe. Die Welt hat Keira Knightley bei der Schauspielausbildung zugesehen, denn die britische Mimin steht vor der Kamera, seit sie sieben Jahre alt ist. Nach Welthits wie «Bend It Like Beckham» und «The Pirates of The Caribbean» drehte sie in den letzten Jahren oft Filme mit dem Regisseur Joe Wright, der wie sie ein Brite ist. Für ihn hat sie in den Literaturverfilmungen «Pride and Prejudice» sowie «Atonement» die reifsten Rollen ihrer Karriere interpretiert. Nun tritt sie zum dritten Mal in einem Wright-Film auf, als Titelheldin seiner Verfilmung von Leo Tolstois Roman «Anna Karenina». Zwar klein und zerbrechlich, aber nicht mehr so gespenstisch dünn wie zur Zeit der «Piraten», erscheint Keira Knightley kurz vor der Premiere zum Interview im Londoner Claridges Hotel. Die dunklen Haare hat sie züchtig im Nacken zusammengebunden, sie trägt ein schwarzes Wollkleid, das den Prunk ihrer Karenina-Roben gar nicht erst auszustechen versucht.

Keira Knightley, es gab schon dreizehn Verfilmungen von «Anna Karenina». Macht das Angst?

Nein. Ich habe mir die anderen Filme gar nicht erst angeschaut.

Kein Respekt vor der Konkurrenz zu Greta Garbo?

Die «Karenina» mit Garbo habe ich früher mal im Fernsehen gesehen, doch ich erinnere mich nicht mehr daran. Ich wollte sie nicht noch einmal sehen, um nicht beeinflusst zu werden.

Aber den Roman haben Sie gelesen?

Oh ja. Sie müssten mein Exemplar mal sehen! Es ist doppelt so dick, weil ich so viele Post-it-Zettel dort reingeklebt habe. Für jedes Ereignis, für jede Figur verwendete ich eine andere Farbe. Auch für Kareninas Charakterzüge: rot für Leidenschaft, weiss für Wut. Am Ende gingen mir die Farben aus.

Bereiten Sie sich für jede Rolle so minutiös vor?

Ja. Es gibt Schauspieler, die auch ohne Vorbereitung das Richtige in einer Szene tun. Ich aber mache immer Hausaufgaben, wie ein braves Schulmädchen.

Trauen Sie Ihrem Instinkt nicht?

Doch, schon. Ich war aber früh in meinem Leben stark exponiert, deshalb durfte ich mir nie eine Blösse geben und habe es mir angewöhnt, gut vorbereitet zu sein.

Filme wie «Bend It Like Beckham» oder «Pirates of The Caribbean» haben Sie als Teenager berühmt gemacht. War das ein Problem?

Ja. Die Jahre zwischen 18 und 21 waren für mich echt schwierig. Mein Körper veränderte sich, ich wurde erwachsen, versuchte herauszufinden, wer ich bin, man kennt das. Nur, wenn man auch noch ständig Objektive auf sich gerichtet sieht, wird es noch viel schwieriger. Es hat Jahre gedauert, bis ich herausfand, wie ich mich dem entziehen kann.

Wie?

Man muss den Kopf einziehen. Natürlich ist es leichter, wenn man nicht gerade auf einer PR-Tour für einen Blockbuster ist.

Mit «Anna Karenina» betreten Sie jetzt den schauspielerischen Olymp.

Oh Gott, ja. Das habe ich beinahe körperlich gespürt. Diese Rolle war unendlich schwierig zu spielen.

Warum?

Weil sie eine so komplexe Figur ist. Elizabeth Bennett zum Beispiel, in «Pride and Prejudice», die mögen alle. Man muss sie sympathisch, natürlich und intelligent darstellen, damit ist es getan. Karenina aber ist ein Biest: Sie ist manipulativ, tückisch, sie will die Realität nicht erkennen, Konsequenzen nicht akzeptieren.

Erklärt das den Anna-Karenina-Fluch?

Was soll das sein?

Keine der Filmversionen ist je ein grosser Kassenerfolg geworden, obwohl die Rolle von den wichtigsten Schauspielerinnen gespielt wurde.

Das liegt daran, dass man sie in den Filmen zu gut gezeigt hat.

Wie meinen Sie das?

Na ja, in den meisten Verfilmungen hat man aus ihr eine romantische Leidende, ein Opfer ihrer Zeit gemacht. Aber damit wird man weder der Figur noch Tolstoi gerecht. Die Kraft der Karenina liegt gerade in ihrer animalischen Unberechenbarkeit.

Sie wollten sie unsympathisch zeigen? Das ist Ihnen misslungen.

Gut! Natürlich soll sie auch faszinieren. Dem Zuschauer soll es nicht egal sein, wenn sie sich am Ende unter den Zug wirft!

Selten hat man schönere Kleider in einem Film gesehen.

Das ist Jacqueline Durran zu verdanken. Sie hat schon das unvergessliche grüne Abendkleid für «Atonement» entworfen. Ihr Konzept war hier, die Figur von Anfang an mit Sachen zu umgeben, die an den Tod erinnern.

Den Tod? Sie trägt doch opulente Spitzen, Pelze, teuren Schmuck?

Pelze ersticken, Spitzenschleier wirken wie Spinnennetze, Federn auf den Hüten erinnern an tote Vögel … Und der Diamant ist der härteste aller Steine, kalt wie Eis.

Warum wirken diese Kleider dennoch so verführerisch?

Weil auch Sex drinsteckt. Die Röcke sind wie Unterwäsche geschnitten oder gar aus verknitterten Leintüchern geschneidert. Damit wollten wir diese intensive postkoitale Stimmung präsent halten.

Apropos Sex – nach den Sadomaso-Spielen zwischen Gustav Jung und Sabina Spielrein in «A Dangerous Method» haben Sie nun als Karenina ein Verhältnis mit einem jüngeren Mann.

Sexszenen oder sogar Szenen, in welchen man nackt sein muss, sind nicht wirklich schwierig. Man muss sich selber vergessen, das ist der Trick dabei. Anderes ist viel schwieriger.

Was zum Beispiel?

Intimität der Paare. Gesten, Bewegungen, die im echten Leben unbewusst bleiben. Diese natürlich hinzukriegen ist fast unmöglich. In diesem Film machten mir vor allem Szenen mit Jude Law Mühe, der Kareninas ungeliebten Ehemann spielt.

Warum?

Weil ich nicht wusste, wie weit ich in der Darstellung ihrer Gemeinheit gehen kann. Wir spielten die Szenen zum Teil fünfzigmal, in allen Gefühlsnuancen.

Klingt anstrengend.

Sehr! Der ganze Film ist ein so ehrgeiziges, wildes Projekt. Vom ersten Moment an, als Joe Wright sich entschieden hat, den Film nicht in Russland zu drehen, sondern auf der Bühne eines alten knarrenden Theaters in den Shepperton-Studios bei London, wussten wir alle, das uns etwas Besonderes bevorstand.

Wann hatte Wright die Idee?

Im letzten Moment! Sets wurden gebaut, während wir schon drehten.

Was war die Krux bei dieser Art der Arbeit?

Allein schon die Szenen technisch so perfekt hinzukriegen, wie Joe sie brauchte, war ein Ding der Unmöglichkeit. Wir brauchten endlose Wiederholungen. Jede unserer Bewegungen musste stimmen, auf den Millimeter genau.

Es ist verblüffend, wie viele historische Rollen Sie schon gespielt haben. Ist das Ihre Vorliebe oder die der Regisseure?

Ich glaube, meine. Ich liebe diese Art von Geschichten, auch wenn ich nicht erklären kann, warum. Ich liebe zum Beispiel historische Romane und sogar Geschichtsbücher. Und ich scheine gut im Kostüm zu funktionieren.

Sie spielen viele sehr romantische Rollen. Sind Sie selbst ein romantischer Mensch?

Ich glaube an die Liebe. Nur, wenn man viel arbeitet und oft unterwegs ist, kann das der Romantik schaden. Älter werden hilft: Je mehr man über sich selber weiss, desto mehr kann man sich einem geliebten Wesen offenbaren.

Eine Heldin zum Verlieben

Eigentlich erfand Leo Tolstoi (1828-1910) die Figur der Ehebrecherin Anna Karenina, um ein abschreckendes Beispiel zu setzen. Doch der russische Aristokrat, Pädagoge und Gesellschaftsreformer war vor allem eines: ein Vollblutschriftsteller. Darum hat er sich im Laufe des Schreibens in seine Heldin verliebt. So zumindest sieht es der Regisseur der aktuellen Verfilmung, Joe Wright («Pride and Prejudice», «Atonement»). Wright selbst hat den Mut, auch Kareninas unsympathische Züge zu zeigen und stellt ihr mit der Figur des Ehemanns einen starken Gegenspieler zur Seite. Jude Law spielt den pompösen Provinzpolitiker mit so viel langsamer Intensität, dass er dem Liebhaber («Kick-Ass» Aron Taylor-Johnson, hier mit blonden Pudellocken) die Show stiehlt. Der Film, kunstvoll in einem alten Theater in Szene gesetzt, ist wunderschön – und fast eine Spur zu komplex, um die Herzen ganz zu erobern.

«Anna Karenina» ab 6. 12. im Kino

Publiziert in der SonntagsZeitung am 25.11.2012

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Richard Gere in Zürich

Richard Gere in Zürich

Ewa Hess | 20. September 2012 – 14:02

Das Gespräch mit Richard Gere führte ich im Vorfeld seines Besuchs in Zürich, wo er einen Preis des Zurich Film Festival bekommt. Er rief mich an aus Westchester, NY.

Danke für den Anruf, Mister Gere.

Absolutely!

Zürich freut sich auf Ihren Besuch – mögen Sie die Stadt?

Ja, früher war ich öfter da, aber jetzt schon lange nicht mehr. Das letzte Mal war ich hier auf dem Weg nach Kosovo, als ich ein Flüchtlingslager dort besucht habe. Das muss 1999 gewesen sein.

Was brachte Sie jeweils in die Schweiz?

Einerseits die Kunst, andererseits Tibet. Die Schweiz hat unseren tibetischen Brüdern und Schwestern viel Freundlichkeit erwiesen. Das erste Mal war ich in der Schweiz, um seine Heiligkeit den Dalai Lama in Rikon lehren zu hören. Aber ich hatte in Zürich auch einen guten Freund, den inzwischen verstorbenen Galeristen Thomas Ammann.

Für Sie ist die Schweiz also nicht das Land, in dem man vor allem Banken besucht?

Nein. Ich habe hier noch nie eine Bank besucht.

Auch nicht, um sich auf den Film «Arbitrage» vorzubereiten?

Dafür brauche ich mich doch nicht mit dem Finanzwesen zu beschäftigen! Mein Metier ist es, Gefühle wiederzugeben. Ich interessiere mich für die Ethik und das Verantwortungsgefühl, die in jedem Menschen schlummern. Auch in der Welt des Geldes sollten diese Empfindungen bestimmend sein.

Sie sind es aber nicht, wie wir alle wissen.

Das Problem ist die Gier. Geldverdienen gehört zum Leben dazu, aber das Ausmass hat sich verschoben. Es ist nie genug.

Sie schaffen es locker, einen skrupellosen Geschäftsmann sympathisch wiederzugeben.

Fanden Sie meine Figur im Film sympathisch? Na, dann ist es mir ja wieder einmal gelungen. Moralisch korrupte Typen sympathisch rüberzubringen, ist wohl einer der Tricks, die ich als Schauspieler wirklich gut beherrsche. Ich weiss nicht, ob ich darauf stolz sein soll oder nicht.

Der Geschäftsmann Edward Lewis in «Pretty Woman» ist im Grunde auch ein moralisches Monster …

Und solche sind in der echten Welt für gewöhnlich sehr charmant, ist es nicht auch Ihre Erfahrung?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon einen getroffen habe …

Ja, Monster ist ein starkes Wort. Aber ich meine Menschen, von denen man weiss, dass sie schlimme Dinge verbrochen haben. Und dann trifft man sie, und es stellt sich heraus, dass sie ein Herz für ihre Familien haben und unversehens werden sie einem sympathisch. Das geht ganz schnell.

Haben Sie schon Monster getroffen?

Mir sind ziemlich schlechte Menschen über den Weg gelaufen, glauben Sie mir. Ich will aber keine Namen nennen, weil ich denke, dass sich jeder bessern kann.

In «Pretty Woman» gab es eine Bekehrung.

Ein Happy End wärmt das Herz, die interessante Aussage des Films «Arbitrage» ist aber, dass jeder auf seine eigene Weise moralisch korrupt ist und es auch bleibt. Keine Figur dieses Films ist souverän. Jeder verrät seine Ideale.

Eine starke Anklage unserer Welt.

Ja, wir haben uns zu weit von der Dorfgemeinschaft entfernt, in der wir einst gelebt haben. In einem Dorf kennt man sich, man trägt einander Sorge, in einem Dorf sind dem masslosen Egoismus natürliche Grenzen gesetzt.

Stimmt das, dass Sie seinerzeit die Rolle des Gordon Gekko in «Wall Street» abgelehnt haben?

Da gab es tatsächlich Gespräche. Doch dann kam es nicht zustande, ich weiss nicht mehr warum, es ist schon eine Weile her.

Exakt 25 Jahre. Und die Entgleisungen, die der Film karikiert, gibt es immer noch.

Das stimmt. Ich dachte eigentlich, dass die Wirtschaftskrise unsere Rettung sein wird, dass man das ganze System neu denkt. Aber die Verantwortungslosigkeit hat überlebt und ist wieder daran, die Kontrolle zu übernehmen.

Wie wählen Sie Ihre Rollen?

Ich entscheide danach, ob mich etwas im Drehbuch berührt.

Können Sie «Pretty Woman» noch sehen?

Natürlich! Ich liebe den Film.

Haben Sie nicht genug davon, ständig mit dieser Rolle identifiziert zu werden?

Ich habe in über 50 Filmen gespielt, die einen sind populärer, die anderen weniger. So what?

Julia Roberts, Diane Lane, Catherine Zeta-Jones: gibt es noch eine schöne Frau, an deren Seite Sie noch nicht gespielt haben?

Ich weiss nicht. Aber ich sehe das auch als ein Glück an, mit vielen schönen Schauspielerinnen vor der Kamera stehen zu dürfen.

Im aktuellen Film ist Susan Sarandon Ihre Gattin und Laetitia Casta die Geliebte.

Nicht schlecht, oder? Susan ist eine alte Freundin und es ist der zweite Film, den wir zusammen machen. Laetitia aber kenne ich schon seit sie ein Teenager war.

Wie kommt das?

Sie hat für einen meiner engsten Freunde gemodelt.

Für den berühmten Fotografen Herb Ritts?

Ja, er war mein Jugendfreund. Der Gedanke an seinen frühen Tod 2002 macht mich immer noch traurig.

Stimmt es, dass er dank einem Porträt-Foto von Ihnen überhaupt berühmt wurde?

Da ist etwas daran. Damals, in den 70er-Jahren, hofften wir, unseren Weg zu machen – ich als Schauspieler, er als Fotograf. Eine Porträtserie hat unsere beiden Karrieren befördert. Wir blieben Freunde, und es war er, durch den ich Laetitia kennen gelernt habe. Ich glaube, dass Herb sie entdeckt hat.

Haben Sie sie für die Rolle in «Arbitrage» vorgeschlagen?

Ich zeigte dem Regisseur den Film über Serge Gainsbourg, in dem sie Brigitte Bardot spielt. Da hat sie dieses französische Flair, alle waren begeistert.

Ihre Stiftung Gere Foundation unterstützt humanitäre Anliegen. Entspringt Ihre Wohltätigkeit Ihrem
buddhistischen Glauben?

Nicht nur. Meinen Sinn für gemeinschaftliche Verantwortung habe ich auch von meinem Vater geerbt. Zudem liegt die Idee der persönlichen Verantwortung, die der Dalai Lama lehrt, auch jeder wahren Demokratie zugrunde.

Wann ist Ihr spirituelles Interesse in ein politisches Engagement für Tibet umgeschlagen?

Es war 1986 in Bodhgaya. Ich kam nach Indien, um hier belehrt zu werden. Es war damals gar nicht so einfach, zu diesem heiligen Ort, wo Buddha Erleuchtung fand, zu gelangen. Als ich ankam, sagte man mir, dass der Dalai Lama mit mir sprechen wollte. Er sagte: Wir sind auf Freunde aus dem Ausland angewiesen. Wirst du uns helfen? Und ich sagte: Selbstverständlich.

Dass Sie sich für Tibet engagieren, hat Ihnen auch schon Schwierigkeiten eingebracht.

Ich darf in China nicht einreisen. Zu laut war meine Kritik an der Tibet-Politik Chinas.

Waren Sie nicht einmal doch zu einem Festival eingeladen?

Ich wurde 1993 zur Preisverleihung der chinesischen Oscars eingeladen, die «Goldener Hahn» heissen. Ich zögerte, sagte dann aber zu, unter einer Bedingung.

Welcher?

Dass ich nach Tibet reisen darf. Und natürlich habe ich von der Situation, die ich dort angetroffen habe, später berichtet. Das war dann auch das Ende meiner Kontakte mit China. Ich wurde nie wieder hereingelassen. Damals aber waren die Chinesen gute Gastgeber.

Am Zurich Film Festival gab es vor zwei Jahren politische Aufregung, als Roman Polanski anstatt den Preis zu bekommen verhaftet wurde.

Ich habe davon gehört.

Dachten Sie nicht, es sei gefährlich, einen Preis in Zürich entgegenzunehmen?

(Lacht). Nein, nein. Was Roman Polanski damals passiert ist, kann nicht jedem passieren. Ich lebe ein sehr schlichtes Leben und habe nichts zu fürchten.

Sie leben mit Ihrer Familie auf dem Land, in einem Dorf, das Sie als die ideale Lebensform bezeichnet haben.

Da sprach ich nicht von unserer Lebensweise. Wir sind in einer Stunde in New York. Das ist keine archaische Idylle.

Wie man hört, sind Sie unter die Hoteliers gegangen.

Ja! Wir haben ein kleines Hotel, es heisst Bedford Post Inn und gehört der Vereinigung Relais & Châteaux an.

Wie sind Sie zu diesem Hotel gekommen?

Uns fehlte ein gutes Restaurant in der Nähe. Und es gab dieses wunderschöne, uralte Haus, 1760 erbaut. Aber es war eine Ruine, Tiere haben sich darin angesiedelt. Meine Frau Carey und ich haben es gekauft und ein Hotel mit Restaurant darin eingerichtet. Da trifft sich jetzt die Gemeinschaft.

Sie selbst sind Vegetarier, gibt es bei Ihnen auch Fleisch?

Und wie! Man sagt mir, dass unser Hamburger der beste weit und breit ist.

Kann eigentlich jeder in Ihrem Hotel ein Zimmer buchen? Ich auch?

Natürlich! Sie sind herzlich eingeladen. Ich kann Ihnen aber nicht versprechen, dass ich dort sein werde, um Ihre Koffer zu tragen.

Publiziert in der SonntagsZeitung am 16.09.2012

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Kulturpolitik

Schweizerpsalm

Schweizerpsalm

Ewa Hess | 1. August 2012 – 09:27

Die NZZ sucht einen neuen Text für die Schweizer Hymne. Ich bin für die Beibehaltung! Es ist ein Kirchenlied, na und? Das gemeinsame Singen der Lieder ist für mich – und sicher auch für andere – bei einem Kirchenbesuch das Berührendste. Dass sich Gott und die Liebe zur Heimat im Anblick der Natur manifestiert, passt zur Schweiz und den Schweizern. Das altmodische Wort Vaterland hat nationalistische Anklänge, das stimmt, aber muss denn wirklich immer alles auf politisch korrekt getrimmt werden? Die Landeshymne darf getrost eine «kalte» Zone bleiben, die nicht ständig dem neusten Trend angepasst werden muss! Zur Feier des 1. August hier also der volle Text :

1. Strophe
Trittst im Morgenrot daher,
Seh’ ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

2. Strophe
Kommst im Abendglühn daher,
Find’ ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

3. Strophe
Ziehst im Nebelflor daher,
Such’ ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

4. Strophe
Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

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Architektur

Jacques Herzog

Jacques Herzog

Ewa Hess | 17. Juli 2012 – 11:16

Jacques Herzog über Tate Tanks, den Quantensprung in Basel und das Bauen im urbanen Raum

von Ewa Hess

Herzog & de Meuron eröffnen eine weitere Ausbauetappe der Tate Modern in London: Sie machen die Öltanks des ehemaligen Kraftwerks als Ort für Performance und Event verfügbar. Die SonntagsZeitung unterhielt sich mit Jacques Herzog über die Präsenz des Basler Büros in der Olympiastadt und seine Pläne für New York, Paris und Basel.

Ihr Bird’s Nest in der Olympiastadt Peking wurde zum sichtbarsten Gebäude der Welt, in London verstecken Sie Ihre Eingriffe unter der Erde. Warum?

Unsere beiden Londoner Projekte – Tate Modern Oil Tanks und Serpentine Gallery Pavillion – beschäftigen sich tatsächlich mit Strukturen, die bisher nicht an der Oberfläche sichtbar waren. Das ist aber Zufall, obwohl es auch ein Gebot unserer Zeit zu sein scheint.

An welches Gebot denken Sie?

Aufmerksamer darauf zu schauen, was schon vorhanden ist, bevor man etwas Neues hinstellt. Wir neigen dazu, Altes in immer kürzeren Abständen durch Neues zu ersetzen. Mit unseren Eingriffen wollen wir dem bereits Vorhandenen mehr Gewicht verleihen.

Ist diese Tendenz als ein Zeichen einer neuen, weniger glänzenden Zeit zu deuten?

Nein, im Gegenteil: Zeichen einer besseren Zeit, weil man hoffentlich auch ganze Quartiere, Städte und Landschaften so anschauen wird. Das wird nicht weniger spektakulär, weil man im Bestand verborgene Qualitäten entdecken wird. Die Oil Tanks etwa, die neuen unterirdischen Räume der
Tate, werden die Menschen ebenso begeistern, wie es die umfunktionierte Turbinenhalle tat.

Ihre architektonischen Eingriffe sind subtil. Sie haben auf eine Dramatisierung der Öltanks verzichtet. Warum?

Das war nicht notwendig. Man hätte Oberlicht zufügen können oder Beton- durch Stahlstützen ergänzen, doch das wollten wir nicht. Wir haben auf die Dialektik von Alt und Neu verzichtet, wie es die Architekten der Moderne bis heute bevorzugten. Dem Betrachter ist es egal, ob das, was er sieht, von Herzog & de Meuron ist oder von Gilbert Scott – dem Erbauer der Öltanks.

Bei der Gestaltung des Serpentine Pavillons haben Sie erneut mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei zusammengearbeitet. Wie war das möglich, er steht ja unter Hausarrest?

Wir kommunizierten per Skype. Wir stehen auch jetzt im telefonischen Kontakt mit Ai, das ist kein Problem. Wir wissen nur nicht, wann er reisen darf.

Ist es ein Zufall, dass die erneute Zusammenarbeit wieder im Vorfeld Olympischer Spiele stattfindet?

Es war die Idee von Hans-Ulrich Obrist und Julia Peyton-Jones, den Direktoren der Serpentine Gallery, uns als Team wieder zusammenzubringen. Der Pavillon ist ja bloss eine temporäre Struktur für einen intensiven Sommer. In Peking ging es uns aber darum, dass unser Bau auch nach den Olympischen Spielen ein lebendiger und interessanter Ort blieb.

Ist das im Fall von Birds Nest gelungen?

Ja. Das Stadion ist zu einem öffentlichen Ort geworden für Chinesinnen und Chinesen. Zehntausende gehen jetzt jeden Tag da hin, wie in einen Park.

Wie ist das zu werten, wenn Ai Weiwei sich öffentlich vom Bird’s Nest distanziert, wie er es auch schon gemacht hat?

Er liebte das Projekt immer und ist letztlich auch stolz darauf. Er liebt sein Land und dessen reiche Geschichte, darum hat er uns China nähergebracht. Es war ihm wichtig, dass wir westliche Kultur in sein Land bringen und umgekehrt vom Osten inspiriert werden. Alle diese Bemühungen haben Früchte getragen, was sich im Birds Nest und anderen Projekten von uns ausdrückt.

Gegenwärtig wird der Messeplatz in Basel nach Ihren Plänen umgestaltet. Anlässlich der Kunstmesse Art vor einem Monat staunten die Besucher über sieben gewaltige Baukräne, welche um eine enorme Baugrube vor der Messe stehen.Das neue Messegebäude in Basel wird sehr schnell hochgezogen, ein längerer Unterbruch des Betriebs würde empfindliche ökonomische Folgen nach sich ziehen. Bezüglich Eile und Dimensionen herrschen beinahe chinesische Verhältnisse – während der Art musste gleichzeitig abgebrochen und gebaut werden, auch das neue Fundament wurde bereits gegossen. Die Ausmasse des Baus sind riesig, es wird sich dadurch in Basel viel verändern.

Was?

In Basel, und auch an anderen Orten der Schweiz, ist Verdichtung und damit einhergehend ein Massstabssprung notwendig, um das wirtschaftliche und demografische Wachstum sinnvoll zu bewältigen. Sinnvoll heisst zuerst dort zu ergänzen und verändern, wo schon etwas steht, bevor weitere unüberbaute Flächen unserer Landschaft zubetoniert werden.

Mit Verdichtung meinen Sie Hochhäuser?

Höhere und dichtere Bauformen gehören dazu. Wir sprechen aber von neuen Räumen in den Städten, wo eine neue urbane Kultur entsteht. Es geht nicht nur um die Hochhäuser. Es geht um ein neues Denken ihrer Umgebung.

Wie muss man sich dieses vorstellen?

Der Messeplatz in Basel ist – hoffentlich – ein gutes Beispiel dafür. Hier entsteht unter der neuen Messehalle ein neuer Raum, die sogenannte City Lounge, welche sich zu einem Brennpunkt öffentlichen Lebens entwickeln soll. Der Massstabssprung, der durch die neuen Hallen an dem Ort geschieht, wird weitere Projekte, darunter auch Hochhäuser mit Wohnungen mitten in der Stadt auslösen und so diesem Ort weitere Dynamik verleihen.

Wovon hängt es ab, ob eine solche Entwicklung stattfindet – oder eben nicht?

Wichtig ist die richtige Mischung der Nutzungen. Messehallen sind ja ausserhalb der Messezeiten trostlos. Deshalb braucht es auch Nutzungen, die im Alltag verankert sind. Vor allem eben Wohnungen und Arbeitsplätze, auch Orte für Kinder und alte Menschen, um Vielfalt zu generieren. Grosse, urbane Räume – wie etwa der Zürcher Paradeplatz – die vor allem einer Benutzergruppe, etwa den Bankern, vorbehalten sind, wirken ausserhalb der Bürozeiten trostlos.

Sind die Bedürfnisse einer Stadt wie Basel ähnlich wie jene von Paris? Auch dort bauen Sie ein Hochhaus, das erste in Grand Paris seit der Tour Montparnasse.

Das kann man nicht vergleichen. Innerhalb von Paris gibts ja nur ein Hochhaus: Montparnasse, das wie ein Monument dasteht. Paris ist städtebaulich mit seinen Étoiles und Monumenten präzis und axial konzipiert wie keine andere Stadt der Welt. Die Position und Form jedes Hochhauses ist deshalb sehr wohl zu begründen.

Zumal Ihr Eingriff auch noch 180 Meter hoch werden soll . . .

Ja, es ist wie viele unserer Projekte sehr sichtbar, und deshalb mit grosser Verantwortung verbunden.

In China ist es wohl leichter als in Basel und Paris, neue Projekte durchzusetzen?

Dort muss man vielmehr schauen, dass nicht alles Bestehende weggeräumt wird! Wie jetzt in Hangzhou, wo ein ganzes Quartier neu- und umgebaut wird. Da stehen alte Fabriken aus der Mao-Zeit, die wir zu Ausstellungshallen, Schulen und für andere Nutzungen umbauen können – ähnlich wie in unseren westlichen Städten. Das ist für China ein beachtlicher Gesinnungswandel hin zu einem komplexeren Verständnis von chinesischer Urbanität.

Wie steht es eigentlich um die Elbphilharmonie in Hamburg?

Trotz dieses unfassbaren Schlamassels um Kosten und Termine sollte man nicht vergessen, dass es sich um eines der faszinierendsten Projekte von Stadtentwicklung handelt. Hamburgs Hafencity ist nicht einfach eine Erweiterung der bestehenden Stadt, sondern eine eigene Destination mit grosser kultureller und touristischer Strahlkraft. Die kürzlich erzielte Einigung zwischen Stadt und Generalunternehmer lässt auf ein baldiges Weiterbauen hoffen.

Erlebt man in Hamburg die Grenzen kühner Architektur?

Wir wurden natürlich gefragt, «warum habt ihr den Saal dort oben hingestellt und nicht auf den Boden, und das alles noch umgeben von Wasser?» Die Antwort ist, dass das Projekt ja genau aus diesem Grund überhaupt zustande kam. Es ist ja immer wieder zu beobachten, dass gerade schwierig zu erreichende, unmöglich scheinende Dinge auf die Menschen anziehend wirken, weil sie eine ganz eigene Schönheit ausstrahlen. Hier war das offensichtlich der Fall, denn das Projekt kam durch eine Bewegung der Bevölkerung zustande – also von unten nach oben und nicht von einer Obrigkeit diktiert. Von unserer Seite war das aber nie eine bewusste Strategie der Verführung, obwohl «Verführung durch Schönheit» bestimmt ein interessantes Kapitel in der Architekturgeschichte einnimmt.

Sie bauen fast überall auf der Welt. Worin sehen Sie die Rolle der Schweiz in der globalisierten Welt?

Die Schweiz ist in Vielem modellhaft. Zum Beispiel ist der Föderalismus ein politisches und kulturelles Modell, das zu empfehlen ist. Die Vorteile sind aber auch die Nachteile, etwa bei der Gemeindeautonomie, welche jeder Gemeinde eigene Bauzonen zur Gestaltung überlässt. Jede Gemeinde ist ein eigener Kontinent. Abgeschottet vom andern und widerwillig im Dialog. Da ist unser Modell verbesserungsfähig, vielleicht gelingt eine Verbesserung im 21. Jahrhundert angesichts des gegenwärtigen Wachstumsdrucks? Die Schweiz, ein Modell für eine föderalistische Urbanitätdes 21. Jahrhunderts?

Publiziert in der Sonntagszeitung am 15.07.2012

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Opening of Tate Tanks

Opening of Tate Tanks

Ewa Hess | 17. Juli 2012 – 10:53

Magical opening of the Tanks: De Keersmaeker dances her famous classic piece dating from 1982: „Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich“ by the choreographer Anne Teresa De KeersmaekerSlightly out of focus here… Sorry, but you can still see how wonderful it works in those spectacular oil tanks transformed for the Tate by Herzog & de Meuron… Everything is raw walls, empty space and churchlike grandeur of industrial architecture. Made visible by the an intelligent transformation – a mixture of architectural genius and humble understating of ones own merit. The video you can see here: Keersmaeker

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Swiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, Zürich
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