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Serpentine Talk

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Ewa Hess | 5. Juli 2012 – 08:29

An der Eröffnung des Serpentine Pavillons in London spreche ich hier mit Jacques Herzog über das Projekt, welches Herzog & de Meuron mit Ai Weiwei zusammen realisiert haben. Die auf dem Photo (© Iwan Baan) sichtbaren pilzähnlichen Strukturen sind aus dunklem Kork, die ebenfalls in Kork ausgeführten Balken und Stufen zeichnen die Fundamentslinien der früheren Sommerpavillons nach, die ja seit 12 Jahren von berühmten Architekten gestaltet werden. Das Geniale am Entwurf der Schweizer Meister, die zu diesem Zweck wieder mit ihrem chinesischen verbündeten Ai Weiwei zusammengearbeitet haben – via Skype – ist der «archäologische» Zugriff. Diese Pavillons haben nämlich immer federleicht ausgesehen. Um den Anschein der Leichtigkeit zu erreichen, haben sie sich aber tief in die Erde eingegraben. Diese Spuren offenzulegen, war der Geniestreich von Herzog & de Meuron. «Es ist an der Zeit, mit den Elementen unserer Kultur, die bereits vorhanden sind, etwas Vernünftiges anzustellen», sagt mir Jacques Herzog. Ganzes Gespräch folgt später.

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Ewa Hess | 2. Juli 2012 – 11:41

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Urs Fischer

Urs Fischer

Ewa Hess | 5. März 2012 – 18:31

Mit dem in New York lebenden Schweizer Künstler Urs Fischer sprach ich in Wien über horrende Auktionspreise, die Vergänglichkeit seiner Werke, das Loch in der Wand seiner Wiener Ausstellung und coole alte Lastwagenfahrer.
In den Ausstellungsräumen der Kunsthalle Wien wird zwei Tage vor der Eröffnung der Ausstellung «Skinny Sunrise» gehämmert, gebohrt und geschliffen. So mag es Urs Fischer, einer der gefragtesten Schweizer Künstler der Gegenwart, besonders gern. Der 39-Jährige mit üppigen Tattoos auf den Unterarmen packt beim Montieren seiner Skulpturen und Installationen kräftig mit an. Eine Zigarette im Mundwinkel, das Zischen einer Vakuumpresse im Hintergrund, erklärt der in New York lebende Zürcher der SonntagsZeitung, warum manche seiner Werke vergänglich sind.

Urs Fischer, was wird am Ende Ihrer Ausstellung in Wien verschwunden sein?


Einige Zeichnungen? Nein, sicher nicht, die Aufseher passen hier gut auf.
Oder ein Abbild Ihrer selbst?

Aha, Sie meinen die Kerze, die wie ich aussieht. Die wird aber nicht verschwunden sein, nur geschmolzen.An der Biennale in Venedig liessen Sie die Nachbildung einer barocken Skulptur als Kerze brennen und ein Abbild Ihres Freundes Rudolf Stingel. Warum jetzt ein Selbstbildnis?
Vielleicht als eine gerechte Strafe. Ich habe ja meinem Freund Rudi und auch dem Sammler Peter Brant, der ebenfalls als Modell herhalten musste, immer gesagt: Ziert euch nicht so! Jetzt verstehe ich, was die durchmachen mussten – es ist ein seltsames Gefühl.


Sich selber beim Brennen zuzusehen?
Nicht das Brennen stört mich, sondern sich selber als Skulptur im Raum zu sehen. Schon als wir die Kerze schnitzten, war es mir mulmig.
Bei Ihnen brennen nackte Frauen, Freunde, Sie selbst . . . Warum?
Jedenfalls ist das kein feindseliger Akt. Das wollte man mir bei den nackten Frauen reininterpretieren. Männer zeige ich nur darum nicht nackt, weil sie ohne Kleider weniger gut aussehen.
Ihre Barockskulptur-Kerze in Venedig ist schon allein wegen der

Grösse aufgefallen. Size matters?
Nein, Grösse ist relativ. Auf meinem Weg zur Arbeit sehe ich zum Beispiel jeden Tag die Freiheitsstatue. Sie scheint mir nicht so gross zu sein. Und ist immer ein erfreulicher Anblick.
Ihre Teddy-Skulptur, die vor einem Jahr bei Christies für 6,8 Millionen Dollar versteigert wurde, war 7 Meter hoch und 17 Tonnen schwer.
War das gross? Vielleicht. Aber die Henry-Moore-Skulptur in Zürich am See ist bestimmt auch ganz schön schwer. Und dann liegt sie noch auf einem Hügel – das lässt sie grösser erscheinen.
Sie spielen gerne mit Dimensionen. Mal blasen Sie einen Fingerabdruck in Knetmasse zu einer Skulptur auf, mal giessen Sie einen Bären in Bronze.
Den Bären gab es zuerst ganz klein. Ich habe die Vorlage zur Skulptur gemeinsam mit einer Freundin zuerst klein genäht.
War das eine Erinnerung an ein Kinderspielzeug von Ihnen?
Nein, ich mochte Bären gar nicht. Ausser Paddington. Aber ich habe gerne sympathische Protagonisten für meine Skulpturen. Und ein Stofftier ist ein cooler Kerl. Meine Tochter Lotti hat solche Stofftiere, sie findet sie toll. Auf Erinnerungen stehe ich im Übrigen sowieso nicht. Habe die Gegenwart lieber.
Ihre Gegenwart ist rasant. Als Sie 2004 im Kunsthaus Zürich ausstellten, fand man es gewagt, einem so jungen Künstler den Bührle-Saal anzuvertrauen. Acht Jahre später sind Sie ein internationaler Kunststar in New York.
Mir gefällt diese Entwicklung! Ich liebe Herausforderungen.
Steht eigentlich einer der grossen Teddys immer noch beim Sammler Adam Lindemann in Montauk bei New York vor seinem Haus?
Ja, warum?
Man hörte, die Farbe würde abblättern.
Das stimmt schon, ich sehe das als eine Art Bauschaden. Die Luft auf Long Island ist salzig, da hat sich unsere Farbe nicht bewährt. Wir wollten eine, die sehr matt wirkt, damit der Teddy weich aussieht, da gab es damals keine grosse Auswahl. Wir haben den Anstrich jetzt ausgebessert.
Einem anderen Käufer eines Teddys ist es besser ergangen: Der Luxus-Tycoon François Pinault hat den seinen mit grossem Gewinn wieder verkauft.
Das geht mich nichts an. Das Geld bekomme nicht ich.
Der Spekulationsgewinn geht an den Sammler. Doch die «normalen» Preise Ihrer Werke steigen dadurch doch auch.
Auktionspreise sind nun mal etwas anderes als die Kunstpreise in den Galerien. Aber es stimmt schon, Auktionsrekorde treiben auch die Galeriepreise in die Höhe. Was soll ich dazu sagen? Das ist so im Handel, ob es um Kunst oder Unterhosen geht. Ich muss mich an Spekulationen nicht beteiligen. Mir geht es gut.
Stimmt. Nicht viele Künstler Ihrer Generation sind schon Millionäre.
Pa, pa, pa, Millionär. Wissen Sie, wie gross meine laufenden Kosten sind?
Nein.
Enorm! Wir führen ein Archiv, erstellen Manuals für die Skulpturen, machen Positivformen der Wachsskulpturen, damit sie nachgegossen werden können, zimmern Kisten und kümmern uns um Transporte . . .
Müssen Sie das alles machen?
Nein, das verlangt von uns niemand. Mir ist es aber wichtig, dass die Arbeit respektvoll betreut wird. Wenn ich etwas mache, dann habe ich es gerne solid. Das kostet.
Ihre Skulpturen werden von den reichsten Leuten und den besten Museen gekauft. Und nichts bleibt hängen?
Sie wären erstaunt, wie oft wir am Ende des Jahres alles aufgebraucht haben. Vor allem, weil wir alles, was reinkommt, sofort wieder in neue Projekte investieren.
Sie sagen immer: Wir. Verstehen Sie sich nicht als alleiniger Urheber Ihrer Kunst?
Schon, aber ich arbeite auch gerne mit Menschen zusammen. Ich mag es, wenn etwas läuft. Wenn man im Team arbeitet, hat man zwar auch ein weniger intimes Verhältnis zu seiner Kunst. Aber ich hatte noch nie grosse Lust auf Introvertiertheit.
Der britische Altmeister David Hockney hat kürzlich seinem Landsmann Damien Hirst vorgeworfen, dass eine solche im Atelier von anderen hergestellte Kunst kein Original sei.
Ach was, Künstler haben schon immer Helfer gehabt. Das Thema macht mich müde. Das kann doch jeder machen, wie er will. Der eine allein, der andere mit Hilfe. No big deal!
Sie stellen gerade in Los Angeles beim global agierenden Grossgaleristen Larry Gagosian aus. Der gilt als jemand, der stärker am Gewinn denn an der Kunst interessiert sei.
Diese Einschätzung stimmt für mich nicht. Was stimmt: Wenn man bei Gagosian ausstellt, hat man plötzlich weniger Freunde.
Warum eigentlich?
Weil alle denken, man sei im Ausverkauf gelandet. Ich habe allerdings nicht das Gefühl, dass bei Gagosian andere Sammler kaufen als bei meinen anderen Galeristen.
Die spektakulärsten Werke von Ihnen kann man gar nicht kaufen. In Ihrer Schau im New Museum in New York 2009 haben Sie etwa eine Decke abgehängt.
Die musste ich nur abhängen, weil ich auf die eigentliche Decke nichts kleben durfte. Und ich wollte dort überall eine Tapete anbringen.
Ist das Übertreten von Verboten eine Strategie von Ihnen?
Keine Strategie, nur eine ganz grosse Lust.
In einer Galerie in New York haben Sie mal den Boden ausgebrochen und ein riesiges Loch darunter gegraben.
Das war eben eine Hohlskulptur. Es gibt eine additive und eine substraktive Methode, um eine Skulptur herzustellen. Beim Modellieren pappt man drauf, das ist additiv. Beim Schnitzen schneidet man weg, das ist substraktiv. Da in New York habe ich den Boden und die Erde darunter subtrahiert.
Die Wiener Kunsthalle kann also froh sein, nur ein Loch in der Wand erdulden zu müssen?
Hier steht etwas anderes im Vordergrund. Hier zeige ich erstmals meine älteren Werke. Es sind Leihgaben von Sammlern, es ist also für mich auch eine Wiederbegegnung.
Und, wie ist der Eindruck?
Weniger tragisch, als ich befürchtet habe. Ich habe diese Sachen eine Weile nicht mehr gesehen, da sie verkauft und bei den Sammlern waren. Und ich merke: Ich habe sie immer noch gern.
Sprechen Sie mit den Sammlern über Ihre Kunst?
Eigentlich sogar mehr als mit den Galeristen.
Und wie steht es um die Kuratoren?
Mit diesen ergeben sich Synergien. Weil die ja das gleiche Ziel wie ich haben: eine tolle Schau.
Was halten Sie von dem Vorwurf, die moderne Kunstwelt sei eine einzige Seilschaft?
War das nicht immer schon so? Mir scheint sogar, früher waren die meinungsprägenden Klüngel noch hermetischer, Abhängigkeiten unausweichlicher. Jetzt ist die Situation offener, Künstler können auch von sich aus Projekte anreissen.
Sie sind sowieso ein Liebling der Szene. Und Ihr New-Museum-Kurator Massimiliano Gioni wird erst noch Chef der nächsten Venedig-Biennale.
Dass Gioni die Biennale mal machen wird, das war doch schon lange abzusehen. Er hat in den letzten Jahren erfolgreiche Grossausstellungen kuratiert: die Berlin-Biennale, die Gwangju-Biennale in Korea. Er ist mehr gereist und hat mehr Ateliers besucht als irgendein anderer Kurator zur gleichen Zeit.
Was schätzen Sie am meisten bei einem Kurator?
Wenn er neue Künstler ins Spiel bringt. Das hat Francesco Bonami immer bravourös gemacht, und Gioni ist die gleiche Schule.
Sie leben seit acht Jahren in New York, zuvor haben Sie in Berlin und Los Angeles gelebt. Haben Sie keine Sehnsucht nach der Schweiz?
Manchmal schon, aber nicht so oft. Ich bin kein Heimweh-mensch, bin glücklich, wo ich gerade bin. Jetzt habe ich hier in New York Familie. Da ist man nicht mehr so flexibel.
Haben Sie zum Beispiel die letzten Wahlen in der Schweiz verfolgt?
Locker. Ich lese ab und zu «Blick online».
Wecken politische Entwicklungen in der Schweiz keine Emotionen bei Ihnen?
Das haben sie noch nie.
Geht Ihnen die US-Politik näher?
Ein bisschen. Aber auch hier blicke ich nicht durch. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Gesundheitssystem. Sie geben dafür viel Geld aus, es ist fast ein gleich grosser Betrag wie das Verteidigungsbudget. Aber ob sie es sinnvoll einsetzen? Das herauszufinden wäre eine Riesenarbeit. Dafür aber interessiert es mich einfach nicht genug.
Hat sich das nicht verändert, seit Ihre Tochter auf der Welt ist?
Schon ein bisschen. Ich will, dass die Welt für sie besser wird. Mich interessiert aber eher, wie sie die Welt erlebt. Mehr als die Politik.
Wer sind Ihre Vorbilder?
Ich fand als Jugendlicher die alten Lastwagenfahrer cool. Denen habe ich meine Tattoos abgeschaut. Ansonsten liebe ich Kunstbücher, es gibt viel Tolles zwischen Vincenzo Bellini und Henri Matisse.
Machen Sie immer noch neue Tattoos?
Seit neun Jahren nicht mehr.
Hätten Sie die, die Sie haben, lieber weg?
Nein, sie stören mich nicht. Ich merke gar nicht, dass ich sie habe, ausser an den ersten Frühlingstagen, wenn ich die Blicke der Menschen spüre.
Sie sind mit 39 sehr weit mit Ihrer Laufbahn. Denken Sie manchmal ans Aufhören?
Nein, gar nicht. Ich arbeite ja gerne. Ich bin nun mal keiner jener Künstler, die an ihrem Werk leiden. Ich gehe gerne ins Atelier und mache etwas. Nicht nur Kunst. Auch ein kleines Gestell oder Kindermöbel für meine Lotti. Stühlchen, Tischchen, Bettchen, das ist so cool!
Publiziert in der SonntagsZeitung am 04.03.2012

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Mike Kelley

Mike Kelley

Ewa Hess | 2. Februar 2012 – 08:49

Heute erreicht uns die Nachricht, dass Mike Kelley sich am Dienstag Abend in seiner Wohnung in einem Vorort von Los Angeles das Leben nahm. Vor 12 Jahren führte ich mit ihm ein Interview in Zürich, in dem er sich dem heutigen Kunstbetrieb gegenüber sehr desillusioniert zeigte. Seine Freunde wie Tony Oursler berichten, dass seine Depression ihn immer isolierter machte. Er fühlte sich früher als Nonkonformist wohler als später als der Star, der er geworden war. Sein Einfluss auf die Kunst von heute bleibt enorm.

Hier ist das Interview von damals (SonntagsZeitung / Kultur / 2. April 2000):
VON EWA HESS

Der in Los Angeles wirkende Mike Kelley, ein wichtiger amerikanischer Künstler der Gegenwart, widmet seine Werke oft kontroversen Inhalten und inszeniert scheinbar banale Objekte, um verborgene Inhalte freizulegen. In seiner Ausstellung im Migros Museum in Zürich, die am 7. April eröffnet wird und bis am 4. Juni 2000 dauert, baute er unter anderem eine Touristenattraktion aus dem Chinatown von LA nach: einen «Wunschbrunnen», eine grell bemalte fantastische Miniaturlandschaft voller Grotten, Figuren und Symbole. Vor seiner Ausstellung in Zürich spricht Mike Kelley über Kunst und Kommerz.

Mike Kelley, besteht Ihre Ausstellung nur aus Käfigen?

Es geht mir weniger um Käfige als um Rahmen – oder Zäune. Ich habe einen chinesischen Brunnen und den Zaun drumherum nachgebaut.

Und dann den Brunnen wieder herausgenommen.

Kelley: Wenn man den Brunnen mit dem Zaun sieht, ist der Zaun unsichtbar. Ich stelle den Brunnen und seinen Zaun separat aus und gebe den beiden Objekten ihre Individualität zurück.

Warum haben Sie diesen Brunnen überhaupt nachgebaut?

Kelley: Weil er eine aufregende öffentliche Skulptur ist. Dabei sieht er ganz anders aus – wie eine Landschaft. Oder wie etwas Organisches. Ich beschäftige mich in der letzten Zeit viel mit den öffentlichen Skulpturen.

Was fasziniert Sie dabei?

Kelley: Die Frage der Form und der Formlosigkeit. Wo hört das Chaos auf, wo fängt die Form an?

Ihre eigene Biografie interessiert Sie nicht mehr? Sie haben als einer der Ersten die Kindheit zum Thema der Kunst gemacht.

Kelley: Die feministischen Künstlerinnen waren vor mir. Doch mein Interesse ist anders geartet. Ich habe mich von Anfang an mehr für die allgemeingültige Mythologie interessiert und weniger für den konkreten individuellen Werdegang.

Ihre Stofftier-Installationen Anfang der Neunzigerjahre haben Aufsehen erregt. Waren damit keine persönlichen Kindheitserinnerungen verbunden?

Kelley: Nein. Damals, in den späten Achtzigerjahren, drehte sich die Diskussion um den Warencharakter der Kunst. Ich dachte an Waren, an Geschenke. Teddybären sind ideale Geschenke.

Teddybären, die zu Knäueln zusammengepappt sind oder von nackten Menschen angesprungen werden, wecken andere Assoziationen.

Kelley: Natürlich dachten sofort alle, dass es um Szenarien eines Kindsmiss-brauchs geht. Das habe ich nicht beabsichtigt. Aber dann habe ich das Thema aufgenommen.

Warum wurde es überhaupt zum Thema?

Kelley: Weil unsere Zeit auf Kindsmiss-brauch fixiert ist. Egal was man macht, die Leute sehen Kindsmissbrauch darin. Sie schauen die Kunst gar nicht an, 99 Prozent aller Menschen sind visuelle Analphabeten.

Sie haben bestimmt eine Vermutung, weshalb das Thema des Kindsmissbrauchs unsere Zeit so beherrscht?

Kelley: In Amerika hängt das mit dem politischen Aufstieg der christlichen Rechten zusammen.

Und wie?

Kelley: Weil diese politischen Kreise die Fantasie der kindlichen Unschuld unterstützen und fördern. In dieser Atmosphäre kommt es schneller zu Hexenverfolgungen. Und die Kindsmissbrauch-Hysterie hat etwas von einer mittelalterlichen Hexenverfolgung.

Sehen Sie sich als Vorläufer der heutigen Kunstszene, etwa der jungen britischen Künstler, deren Ausstellung «Sensation» sowohl in London wie in New York mit Verboten zu kämpfen hat?

Kelley: Die britischen Künstler sind ein neues Phänomen. Meine Generation der Künstler, zu der auch Jim Shaw oder Tony Oursler gehören, kennt dieses Ausmass des Marktinteresses gar nicht. Wir wurden nicht mit dem gleichen Fieber gesammelt, gekauft und ausgestellt.

Dabei wurzelt die heutige Auffassung der Kunst stark in dem, was Sie machen.

Kelley: Die jungen Künstler arbeiten auf einer ganz anderen Grundlage als wir: Für sie existiert der Unterschied zwischen der Hochkultur und der Populärkultur gar nicht mehr. Die Frage, woher die Kunst schöpft, stellt sich ihnen gar nicht erst. Die Kunst darf heute alles integrieren, Kitsch, Werbung, Kunstgeschichte. Alles ist gleichwertig.

Zu diesem Phänomen haben Sie mit Ihrem Werk auch beigetragen.

Kelley: Ja. Doch unsere Auseinandersetzungen waren komplexer. Auch die Kunstkritik war ernsthafter. Haben Sie jemals etwas wirklich Tiefes über die BritArt gelesen?

Tja…

Kelley: Natürlich nicht. Die Kritiker versuchen nicht einmal, die Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern dieser Gruppe herauszuarbeiten. Es ist ein Modetrend.

Worin liegt der Unterschied zwischen denen und Ihnen?

Kelley: Die Arbeiten der jungen Künstler heute sind in hohem Masse unpsychologisch. Sie beschäftigen sich nicht mit dem menschlichen Drama, sondern mit der Oberfläche der Dinge.

Wohin führt diese Entwicklung?

Kelley: Ich war immer interessiert an den soziopolitischen Inhalten der Kunst. Wenn ich jetzt sehe, wie die Kunst und die Populärkultur zusammenkommen, fürchte ich, dass die Kunst in dieser Fusion der schwächere Partner ist. Sie wird verlieren. Indem sie mit der Modeindus-trie verschmilzt, verliert die Kunst ihre kritische Kraft.

Wird sie ihre kritische Kraft wiedergewinnen?

Kelley: Sie wird. Wenn das Geld mal abfliesst, wird die Kunst zur Besinnung kommen.

Wann wird das sein?

Kelley: In der nächsten Generation.

Das heisst in fünf Jahren.

Kelley: Ja, heute dauern Kunst-Generationen fünf Jahre. Früher warens zwanzig.

Dann können Sie mit Ihrer Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung der nächsten Generation helfen.

Kelley: Ach was. Man hilft niemandem in der Kunst. Jeder muss sich selber helfen.

«Indem sie mit der Modeindustrie verschmilzt, verliert die Kunst ihre kritische Kraft»: Mike Kelley

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Filmkritiker J Hoberman

Filmkritiker J Hoberman

Ewa Hess | 7. Januar 2012 – 12:10

The Village Voice schmeisst nach dreissig Jahren den klugen Filmkritiker J Hoberman heraus. Es geht um eine Kursänderung, denn ich glaube, dass die neuen Besitzer der Zeitschrift mainstreamiger werden wollen. Aber angeblich soll Karina Longworth, eine 31-jährige Mitarbeiterin der L.-A. Weekly, das Amt der Oberfilmkritikerin bei der Village Voice übernehmen. (Hoberman ist 59 und mittlerweile Professor an zwei Unis). Ich habe Hobermans Buch einst während eines einwöchigen time-outs in Tunesien gelesen und erinnere mich, komplett geflasht gewesen zu sein, weil es mir so gescheit vorkam. Es ist eine Kulturgeschichte der 60-Jahre in Amerika, als der Zeit, in der sich alle die Veränderungen, die sich später in den Seventies manifestierten, ankündigen: Radical Chic (Bonnie & Clyde, Easy Rider, ) aber es geht auch um die Ängste, die diesen Prozess begleitet haben (The Manchurian Candidate, Dr. Strangelove) und um die Gegenkräfte, die bereits aktiv wurden (Patton, Hey Joe, Dirty Harry) etc…

Jedenfalls – dass er nicht mehr bei Village angestellt ist, hindert Hoberman gar nicht daran, weiter zu publizieren, im Gegenteil. Der weinerliche Ton seiner Abschiedsmail (siehe unten) muss also nicht überbewertet werden. Und es könnte noch sein, dass die Village-Leute sich mit der neuen Kleinen ins eigene Fleisch schneiden, weil wenn ich so die Jahresbestenlisten von 2011 vergleiche…

Karina Longworth gibt Kenneth Lonergans «Margaret» an, ein leicht hysterisches, aber auch sehr kluges Melodram von einer jungen Frau, die in der Folge eines Verkehrsunfalls sich in einem komplizierten Geflecht aus Lügen, Schuldzuweisungen und halb verschwiegenen Wahrheiten verfängt. Also gar nichts mit der leichten Kost. Der Film ist genau so Arthouse wie Hobermans Lieblinge es waren, auch wenn Anna Paquin, Mark Ruffalo und Matt Damon drin spielen. Hoberman ist hingegen mit David Cronenbergs «A Dangerous Method» erstaunlich zahm in der Wahl seines Lieblings.

We’ll sees what happens. Ich bleibe mal ein Fan Hobermans.

Hier noch sein Abschiedsmail von den Kollegen auf der Redaktion:

Dear colleagues,

Yesterday afternoon I learned that my position at the Village Voice had been eliminated. I’ve been a staff writer at the Voice since 1983, a regular film reviewer since 1978, and sold my first free-lance piece (an article on Jack Smith’s Flaming Creatures) as a virtual toddler back in 1972. In fact, I grew up reading the Voice–in addition to spending most of my working life in its employ. But, nothing lasts forever, and I’ve had a pretty good run in what, for me, was the greatest job imaginable. I learned nearly everything I know about writing and a good chunk of what I know about life at the Voice; the paper gave me space to invent myself (that is, develop my own particular interests and means of expression), as well as the opportunity to work with some of the smartest, most interesting and most creative people I’ve been fortunate to meet—and I’m not talking about on-screen or in interviews. It’s safe to say that I’ll never love an institution as much as I first loved the Voice because there is unlikely to ever be an institution like that Voice again—unfortunately. I have no regrets and whatever sadness I feel is outweighed by a sense of gratitude. Thirty-three years is a long time to be able to do something that you love to do, to champion things you want to champion, and to even get paid for it. I feel lucky that my last piece praised two movies that I greatly admire (at Film Forum and Anthology no less) and allowed me go out with a plug for Occupy Wall Street! I feel honored too that I had the opportunity this past summer to represent many of you in our union negotiations.

Be well, stay strong, and good luck, Jim

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Ewa Hess | 19. Dezember 2011 – 10:05

Tägliche Feuilleton-News aus den Bereichen Kunst, Musik, Theater, Design.

Aktuell: Plinio Bachmann, Thomas Hirschhorn, Louise Bourgeois – have a look, read the news.

Tägliche Kulturporträts, in Wort und Zeichnung.

Ein Pilotprojekt für eine tägliche Kultur-News Seite. Dauer: Dezember 2011 – April 2012.

 

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Pipilotti Rists Parasimpatico

Pipilotti Rists Parasimpatico

Ewa Hess | 14. November 2011 – 11:40

von Ewa Hess

Publiziert in der SonntagsZeitung am 13.11.2011

Es gibt eine Verbindung zwischen London und Mailand: eine Spur aus leuchtenden Unterhosen. Die Videokünstlerin Pipilotti Rist, hierzulande bestens bekannt, erobert gerade mit Lüstern aus leuchtender Unterwäsche, ihrem neusten Werk, den ihr noch widerstehenden Rest der Welt: England und Italien. Ihre grosse Retrospektive in der Hayward Gallery in London versetzt Kritik und Publikum in Glückszustände («Grossartige Sinnlichkeit», «Evangelistin des Glücks», schwärmt «The Guardian»).

In Mailand entert die 48-jährige Grabserin am Dienstag einen Kinopalast – das seit sechs Jahren leer stehende Cinema Manzoni. Die mondäne Via Monte Napoleone ist um die Ecke, viele elegante Kunstbegeisterte strömen zur Rist-Vernissage in die 50er-Jahre- Herrlichkeit des Edelkinos voller Säulen, Fresken, Ornamente.

Entgrenzend wogende Videowände mit schwebenden Blumen, Früchten, Zungen verwandeln die Säle und Treppenfluchten in eine Zufluchtsstätte moderner Höhlenbewohner. «Parasimpatico» heisst die Schau, in Anspielung auf das vegetative Nervensystem. Farben explodieren, Füsse gehen wie der Mond auf, über allem schwebt zart die Stimme der Künstlerin, die Chris Isaacs «Wicked Game» trällert.

Viermal habe sie dem Kurator von «Parasimpatico», Massimiliano Gioni, eine Absage erteilt, erzählt Pipilotti Rist an der Vernissage, denn die Retrospektive in London habe ihr viel abverlangt, sie brauchte eigentlich eine Pause. Kurator Gioni habe jedoch nicht lockergelassen.

Seit sechs Jahren ist der 38-jährige Massimiliano Gioni Kurator der weit über die Landesgrenzen ausstrahlenden Fondazione Nicola Trussardi. Ihre Existenz zeugt aufs Schönste von der kreativen Art der Norditaliener, sich mit den in Italien herrschenden Verhältnissen zu arrangieren. In Ermangelung eines Museums für zeitgenössische Kunst organisiert die von der Modemarke Trussardi gesponserte Kulturstiftung hochkarätige Kunstausstellungen an wechselnden Schauplätzen.

Als Bewunderer der Schweizer Kunst fand Gioni, dass die Zeit reif sei, Pipilotti und Mailand zusammenzubringen. Der glänzende Kunstkenner, der in seiner zweiten Funktion Co-Leiter des New Museum in New York ist, hat ja auch Big Apple und den Schweizer Urs Fischer vor einem Jahr erfolgreich zusammengebracht. Von Freiheit und Anarchie spreche Pipilotti Rists Kunst, schreibt nach der Vernissage die italienische Presse. Die Rücktrittsankündigung von Silvio Berlusconi füllt gleichzeitig die politischen Seiten der Blätter.

Am Dienstagabend steht die Künstlerin in rotem Karo-Anzug unerkannt unter ihrem Unterhosenlüster in der Lobby. Man meint, eine Fotografin am Werk zu sehen. In ihre Arbeit vertieft, fotografiert sie den Saal, die Menschen, die Stimmung. Dazwischen macht sie immer wieder Kontrollabstecher in einen Nebenraum, von wo aus ein Laptop die gewaltige Videomaschine der Ausstellung steuert.

Wäre nach Moma und Hayward nicht eine Retrospektive im Kunsthaus Zürich oder im Kunstmuseum Basel an der Reihe, Pipilotti Rist? Da leuchten die Augen der Ostschweizerin auf, und sie sagt stolz: «Kunstmuseum St. Gallen»! Da merkt man, wo die Heimat liegt. 2012 also – aber erst nach Mannheim.

Pipilotti Rist, «Parasimpatico», Cinema Manzoni, Via Manzoni 40, Mailand, bis 18. Dezember

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Henning Mankell zuhause

Henning Mankell zuhause

Ewa Hess | 25. September 2011 – 22:46

von Ewa Hess

@ SonntagsZeitung

Südlich von Göteborg hängt der graue schwedische Himmel tief über den Feldern. Als die steinige Küste am Horizont auftaucht, biegt der Weg in den Wald ab. Die holprige Naturstrasse steigt sanft an, bis ein Holzhaus sichtbar wird: Vorhänge hinter den Fenstern, Rosen im Vorgarten. Henning Mankell erwartet uns auf der Schwelle seines Göteborger Heims. Hier lebt er gemeinsam mit seiner dritten Frau, der zweiten Tochter des Filmregisseurs Ingmar Bergman, wenn er nicht gerade in Maputo, Moçambique, das Teatro Avenida leitet.

Der gegenwärtig erfolgreichste Kriminalautor der Welt trägt ein dunkel gemustertes Hemd und eine Faserpelzjacke mit Reissverschluss. Sein Blick könnte als skeptisch interpretiert werden, wenn das Funkeln einer amüsierten Neugier in den Augen nicht so deutlich wäre.

Herr Mankell, Sie sind also noch nicht aufgebrochen?

Wohin?

Mit der neuen Gaza-Flotille das israelische Embargo brechen …

Keine Sorge, ich werde auch diesmal mitgehen, wenn es notwendig sein sollte. Ich konnte schon vor einem Jahr nicht verstehen, weshalb ich der einzige Schriftsteller war, der an der Aktion teilnahm.

Vielleicht zweifelten Ihre Kollegen an dem Unterfangen?

Nein, ich hörte von allen, wie gut sie es fanden, dass ich dabei war. Und ich dachte für mich – wo warst denn du? Nur wenige haben mir gestanden, dass sie schlicht und einfach Angst hatten. Das akzeptiere ich.

Sie selbst hatten keine Angst?

Nein.

Obwohl Sie doch physisch bedroht wurden?

Nicht das erste Mal in meinem Leben. Und ich habe ja keine kleinen Kinder. Und meine Frau war einverstanden. Es war für sie dennoch nicht einfach, als sie um fünf Uhr morgens von den Journalisten mit der Frage geweckt wurde, ob es stimme, dass ich tot sei. Dennoch sagt sie auch diesmal, dass ich gehen soll.

Vorher aber kommen Sie nach Zürich zur Premiere Ihres Stücks «Miles oder die Pendeluhr aus Montreux» im Rigiblick. Warum gerade in dem Kleintheater?

Wenn es ums Theater geht, spielt Grösse wirklich keine Rolle. Ich habe schon in ganz kleinen Häusern fantastische Aufführungen gesehen. In diesem konkreten Fall kam der Kontakt über Hansjörg Betschart zustande, der meine Stücke ins Deutsche übersetzt und bei dieser Inszenierung Regie führt.

Das Stück handelt zum Teil in der Schweiz, in Montreux, wo Miles Davis auftritt. Sind Sie selbst ein häufiger Gast des Jazzfestivals?

Früher war ich das. Ich habe Miles-Davis-Konzerte dort erlebt und auch seinen Chauffeur getroffen, der im Stück vorkommt. Den Mann gab es wirklich. Er erzählte mir damals, wie es dazu kam, dass der Musiker sich nur noch von ihm kutschieren liess.

Wie?

Bei ihrer ersten Begegnung sass Miles Davis hinten im Wagen und fragte den Chauffeur: «Magst du meine Musik?» Und der sagte Nein. Das hat dem Erfolgsverwöhnten wohl imponiert. Er vertraute ihm danach in allem, liess sich von ihm beraten, welche Schuhe er für welches Konzert anziehen soll.

Würde es Ihnen gefallen, wenn jemand sagen würde, dass er Ihre Romane nicht mag?

Hm, ich weiss nicht. Das hat mir noch nie jemand gesagt (lächelt). Im Übrigen brauche ich keinen Fahrer. Und wenn ich Beratung will, kann ich mich auf meine Frau verlassen.

Wie ist es, mit der Tochter der Legende Ingmar Bergman verheiratet zu sein?

Ich kannte Ingmar Bergman zuerst. Als Eva und ich uns entschlossen, zusammenzuleben, brachte das Ingmar und mich noch näher. In seinen letzten Lebensjahren war ich wohl der einzige Mensch, den zu sehen er ertrug.

Las er Wallander-Romane?

Er verschlang sie. Er las überhaupt alles, was ich schrieb, und gab mir wertvolle Ratschläge.

Und Ihre Frau?

Natürlich. Da wir beide Theatermenschen sind, teilen wir auch im kreativen Bereich sehr viel. Sie wird zur Premiere in Zürich mitkommen, und ich war am Samstag an ihrer Premiere hier in Göteborg: ein immenser Erfolg. Ich bin sehr stolz auf sie.

Sie leiten ein Theater in Afrika, Ihre Frau führt in Schweden Regie. Wie funktioniert das?

Ganz gut. Aber natürlich muss man für jede Leidenschaft, wie die unsere fürs Theater oder die meine für Afrika, einen Preis zahlen.

Woher kommt Ihre Faszination für Afrika? Die Sehnsucht eines Nordländers nach der Sonne?

Nein. Mein kindlicher Traum betraf eine andere Sehnsucht, nämlich jene, das Ende der Welt kennen zu lernen.

Und das war für Sie Afrika?

Das war das Exotischste, was ich mir vorstellen konnte. Und als ich 1972 erstmals zu einer grossen Reise aufbrach, war das Ticket nach Afrika billiger als das nach Südamerika. Doch mittlerweile sind meine Gründe, dort zu leben, andere geworden.

Welche sind es heute?

Es tut uns gut, die Welt aus einem anderen Blickwinkel als dem europäischen zu betrachten. Und in Afrika liegt die Wiege der menschlichen Zivilisation. Wir alle haben eine afrikanische Grossmutter!

Und Palästina? Weshalb engagieren Sie sich in diesem Kampf?

Ich hasse alles, was mich an Apartheid erinnert. Und in Israel wiederholt sich die Geschichte.

Kommt Ihnen das türkische Protektorat für die Gaza-Hilfsschiffe nicht scheinheilig vor?

Ach, wissen Sie, in der Politik gibt es keine einfachen Allianzen. Man muss sich heutzutage nun mal mit komplexen Situationen herumschlagen. Ich bin dagegen, dass man das zum Anlass nimmt, nichts zu tun.

Geht es vor allem darum, Gaza zu helfen oder Israel zu schaden?

Ich weiss, dass bei der Freedom Flotilla Gruppen dabei sind, die eine Auslöschung des israelischen Staates verlangen. Diese Einstellung kritisiere ich. So wie ich die Hamas kritisiere.

Sind die Veränderungen in Nordafrika der Lösung des Konflikts im Nahen Osten förderlich oder eher abträglich?

Ich halte den arabischen Frühling für einen Glücksfall – auch für Israel. Denn das, was man in Israel Demokratie nennt, ist eine andere Form von Diktatur. Israel hat jetzt eine Chance, seinen eigenen Frühling zu erleben.

Soll die Schweiz Palästina als Staat anerkennen?

Ich denke, ja. Es ist keine perfekte Lösung, ich gebe es zu. Aber man sollte es tun, weil es auf Israel eine Signalwirkung haben wird.

Was halten Sie von der Politik der Guten Dienste, wie Sie von der Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey betrieben wird?

Die ist mir gar nicht aufgefallen. Im Gegensatz zu den rassistischen Plakaten, mit welchen die Populisten bei Ihnen Wahlpropaganda machen. Aber in Österreich ist es nicht anders. Im Moment finden sich die populistischen Tendenzen überall. Entweder wir tun was dagegen oder wir werden eines Tages auf eine Art damit konfrontiert, die uns überwältigt.

Bei den Wahlen in Norwegen haben die Rechtspopulisten gerade drastisch Stimmen verloren – findet nach dem Massaker auf Utøya doch ein Umdenken statt?

Ich glaube nicht, dass Menschen aus der Geschichte lernen können. Auch Utøya wird wieder in Vergessenheit geraten. Ausserdem glaube ich, dass die politischen Parolen des Amokläufers Breivik nur ein Ausdruck seines kranken Hirns waren. Das ist die die Tat eines Kranken, nicht die eines politischen Kämpfers.

Prophetisch vorhergesagt von Ihnen? Wir erinnern uns an die am Strand ermordeten Jugendlichen im «Mittsommermord».

Ich weiss, dass ich einige sehr hässliche Szenen beschrieben habe – mich hat das Schreiben dieser Seiten damals sehr belastet. Aber ich weiss auch, dass die Realität meine Schilderungen immer überholt. Eine solche Ugeheuerlichkeit wie das, was in Norwegen passiert ist, kann sich keine Fantasie ausmalen.

Der Einbruch extremer Gewalt in Idyllen ist doch das Markenzeichen des skandinavischen Kriminalromans.

Nein, nein, extreme Gewaltmanifestationen können Sie uns Skandinaviern nicht in die Schuhe schieben! Lesen Sie griechische Tragödien. Lesen Sie «Medea»! Die Mutter bringt als Rache am Mann ihre eigenen Kinder um: Ein extremeres Verbrechen kann man sich nicht vorstellen.

Sind Menschen aus den nordischen Ländern eigentlich melancholischer?

Ach, so sehen Sie das? Dass wir Trauerklösse sind? Und die Schweizer sind gierig.

Finden Sie?

Nein, ich finde das nicht. Kein Schweizer, den ich kenne, ist gierig. Doch allgemein gelten Schweizer als gierig, weil sie das ganze Geld der Welt horten wollen. So viel zu den Voruteilen. Ingmar Bergman und ich haben oft über die Vorstellung gelacht, dass wir Schweden Melancholiker sein sollen.

Ihr Schwiegervater hat mit seinen düsteren Filmen zu dieser Vorstellung beigetragen.

Ja, künstlerisch war er kompromisslos. Ich habe gerade ein Drehbuch beendet, in dem ich diesen Aspekt seines Charakters beleuchte.

Sie machen einen Film über Ingmar Bergmann?

Keine gewöhnliche Biografie, natürlich. Es geht um den Konflikt zwischen kompromissloser Kreativität und persönlichem Glück.

Ich nehme an, den Konflikt kennen Sie selber auch?

Ich sage mal diplomatischerweise – er ist mir nicht ganz fremd. Die Beziehung zu meinen Kindern stand immer in Kokurrenz zu den kreativen Zielen in meinem Leben. Etwa zu der Theaterarbeit in Afrika. Ich versuchte dennoch, Kontakt zu halten. Ich schrieb Unmengen von Briefen. Meine Kinder sagen heute, dass es für sie faszinierend war, einen Vater in Afrika zu haben.

Sie haben vier Söhne …

Ja. Es wäre schön gewesen, auch eine Tochter zu haben. Ich glaube, dass ich einer Tochter ein guter Vater gewesen wäre.

Sie stellen die Welt in ihren Romanen manchmal aus der weiblichen Optik dar. Etwa in Ihrem Frühwerk «Daisy Sisters», das erst vor zwei Jahren ins Deutsche übersetzt wurde.

«Daisy Sisters»! Das ist ja schon fast vierzig Jahre her. Ich freue mich, dass das Buch jetzt übersetzt wurde, denn ich halte den Roman nach wie vor für ein wichtiges Werk.

Was reizt Sie an der weiblichen Optik?

Mich hat es immer interessiert, wie Frauen Männerschicksale beschreiben. Darum habe ich in «Daisy Sisters» den Versuch unternommen, einen Blick auf Frauenleben zu werfen. Es war sehr schwer für mich.

Warum?

Es gibt Schwierigkeiten des weiblichen Lebens, die mir fremd sind. Wie etwa eine Fehlgeburt. Aber ich kann mit Frauen darüber reden und schreibenderweise zu verstehen versuchen. Das ist das Privileg eines Autors. Darum ist es ein Blödsinn zu sagen, dass nur Frauen über Frauen schreiben sollen.

Bei wem haben Sie sich ihr «weibliches» Wissen geholt?

Ich war in meinem Leben meistens von Frauen umgeben.

Ausser als Kind.

Das stimmt. Meine Mutter hat mich verlassen, als ich zwei Jahre alt war. Sie mochte mich nicht.

Wie kommen Sie drauf, so etwas zu sagen?

Weil es so war. Warten Sie, ich zeige Ihnen etwas. ( Holt ein Buch, es ist eine auf Dänisch geschriebene Mankell-Biografie. Er schlägt es auf und zeigt auf eine Fotografie. ) Schauen Sie hier, das bin ich mit meiner Mutter, an dem Tag, als Sie uns verlassen hat. Man sieht förmlich, wie schwer es ihr fällt, nur für dieses eine Foto mit mir zusammen zu posieren. Schauen Sie sich diesen ungedudigen, fast angewiderten Gesichtsausdruck an.

Sie war vielleicht nervös.

Nein, nein, das ist keine Nervosität. Das Kind ging ihr auf die Nerven. Ich habe meine Mutter erstmals wiedergetroffen, als ich fünfzehn Jahre alt war. Und da habe ich sofort begriffen, dass ich die Mutter, die ich mir in all den Jahren ohne sie vorgestellt habe, lieber mochte. Das ist ein harter Satz, ich weiss. Es war aber so.

Grollen Sie ihr noch?

Nein, das wäre dumm. Sie ist jetzt tot. Ich denke nicht mehr daran. Aber ich bin nicht zu ihrem Begräbnis gegangen.

Stimmt das, dass Sie jede Ihrer drei Ehefrauen danach gefragt haben, ob sie das mutterlose Kind in Ihnen spürt?

Ja. Alle haben die Frage verneint.

Warum haben Sie überhaupt gefragt?

Na, man sagt doch, wenn ein Mann eine schlechte Beziehung

zur Mutter hatte, sucht er danach sein Leben lang keine Frau, sondern einen Mutterersatz. Ich wusste zwar, dass es bei mir nicht der Fall war. Aber ich wollte es bestätigt bekommen.

Ihr Vater war Richter. Kommt Ihr Gerechtigkeitssinn daher?

Sagen wirs so: Ich habe früh begriffen, dass das System der Rechtssprechung sehr wichtig ist. Wenn man etwas Unrechtes tut, wie Gewalt anwenden oder stehlen, muss man dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn das nicht geschieht, wird sich in der Gesellschaft Unsicherheit ausbreiten.

2001 haben Sie geschrieben, dass Sie erst nach der Beendigung der WallanderRomane erkannt haben, dass ihr Untertitel «Romane über die europäische Unruhe» hätte lauten sollen. Warum?

Ich erkannte da, dass diese Romane vor allem ein Thema variiert haben: Was geschieht in den 90erJahren mit dem europäischen Rechtsstaat? Wie kann Demokratie überleben, wenn das Fundament nicht mehr intakt ist?

Was genau geschah denn in den 90er-Jahren?

Lassen Sie mich die Veränderung, um die es mir geht, mit einem Beispiel beschreiben. Wurde in den 70er-Jahren, sagen wir, in Ihr Ferienhaus eingebrochen, und Sie riefen die Polizei, kam die sofort, schrieb alles auf und suchte die Diebe. Geschah das Gleiche in den 90ern, sagte die Polizei, wir können leider nichts tun, Sie müssen eben damit rechnen, dass Einbrüche passieren. Damit fing die Erosion der Demokratie an.

Weil die Polizei nicht streng genug war, zerfiel die Demokratie? Klingt paradox.

Nein, es ist kein Paradox. Die Demokratie ist ein Rechtssystem. Für eine Demokratie braucht es ein Gefühl der Sicherheit. Darum tun sich in Afrika viele Staaten so schwer mit dem demokratischen Prozess, weil die Gesellschaften dort dieses Gefühl der Sicherheit gar nicht kennen. Und darum vermute ich, dass auch in Europa eine Rechtsverunsicherung am Anfang des demokratischen Wertezerfalls stand.

Aber woher kam die?

Ich bringe sie in Zusammenhang mit dem Machtverlust der Sozialdemokraten und der Liberalisierung der Märkte, die bereits in den 80er-Jahren begann. In den 80ern hat man aufgehört, von Solidarität zu reden.

Ist in dieser Beziehung die Krise auch eine Chance?

Ich fürchte, wir werden noch eine Weile mit der Krise der Solidarität leben müssen. Erst vorgestern hat der finnische Politiker Jussi Halla-aho in seinem viel gelesenen Blog geschrieben, dass der einzige Weg, Griechenland zu retten, eine Wiedereinführung der Junta wäre. So viel zur Rückkehr der Solidarität.

Könnte die Krise des Finanzsystems eine Rückbesinnung bewirken?

Die Krise Europas greift tiefer als die Finanzen. Ich nenne ihr Wesen das Pass-Syndrom.

Was ist das?

Es gibt ja in Europa keine Grenzen mehr. Aber die Menschen haben dennoch das Bedürfnis, ihren Pass zu zeigen. Man sieht sie auf den Flughäfen herumirren, mit den Ausweispapieren in der Hand, in der Suche nach einer neuen europäischen Identität, die sie nicht mehr finden.

Woher könnte die kommen?

Da überfragen Sie mich. Ich sehe keine am Horizont. Die Stärke Europas waren immer neue Ideen, neue Denker. Solche kommen aber heute von anderswo, aus Indien und aus China.

Im Zeitalter von Google, Facebook und Twitter könnte eine globale Identität die europäische ersetzen.

Google! Vermittelt jungen Leuten viel gefährliches Scheinwissen. Nicht Fakten zählen, sondern ihre Interpretation, und die findet man dort nicht. Man muss noch Bücher lesen, mit anderen reden, denken lernen. Es ist mir ein Bedürfnis, das allen jungen Menschen mit auf den Weg zu geben.

Nutzen Sie selbst Twitter oder Facebook?

Weder Twitter noch Facebook. Ich bin kein Anhänger von kurzen Botschaften, ich habe eine Vorliebe für längere Geschichten. Aber es gab mal einen Henning Mankell auf Facebook. Nur war das nicht ich.

Wurde Ihre Identität gestohlen?

Ja. Jemand gab sich für mich aus. Das hat mich zunächst nicht gekümmert, weil ich mir nicht viel aus Facebook mache, doch dann nahmen seine Kommentare eine hässliche Wendung.

Welche?

Der falsche Mankell sprach über Palästina und Israel und auf eine Art und Weise, die mir sehr unangenehm war. Antisemitische Ressentiments sind mir ein Gräuel. Wir riefen die Polizei an und verlangten, dass die Seite vom Netz genommen wird. Jetzt ist sie blockiert.

Korrespondieren Sie auf klassischem Weg mit Ihren Lesern?

Ich bekomme so viele Zuschriften, dass ich sie selbst gar nicht alle beantworten könnte. Ich versuche, wenigstens jungen Menschen zu antworten. Denn Junge muss man unbedingt ermuntern.

Bestimmt fehlt vielen Lesern Ihr Kommissar Wallander.

Das höre ich oft, das stimmt.

Vermissen Sie ihn auch?

Nein, überhaupt nicht.

Sie haben seither andere Kommissare kreiert, etwa Stefan Lindman in der «Rückkehr des Tanzlehrers».

Keiner von ihnen wird je wiederkehren.

Und was ist mit Wallanders Tochter Lisa? Die auch Polizistin geworden ist?

Peut-être. Ich weiss es noch nicht. Mal sehen.

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Blue Chip Schweizer Kunst

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admin | 21. Januar 2011 – 10:30

Schweizer Künstler kassieren Milliarden! schreit das Titelblatt der «Weltwoche». Und man merkt es schon am Ton, eigentlich halten es die Kollegen für eine ganz verwerfliche Sache. Die Missetäter werden nicht geschont, sondern mit einer Art Fahndungsfoto vorgeführt: Man sieht Pipilotti Rists blauen Blick, Melinda Nadj Abonjis Lach-Grübchen und Thomas Hirschhorns fragende Augen hinter der dicken Hornbrille. Peter Fischli und David Weiss sind sogar in Schwarzweiss abgebildet, mit einem ganz alten Foto. Man kennt das ja von den Terroristen – sie dulden keine Kameras in ihrer Nähe.
Was das eigentliche Verbrechen der auf der Frontseite vorgeführten Kulturtäter ist, wird im Artikel schnell klar: sie sind international erfolgreich. Und dennoch bekommen sie in der Schweiz auch Anerkennung. Welch ein Skandal! Nehmen wir zum Beispiel die Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji. Hätte ihr die Stadt Zürich 2004 die Gabe von 830 Franken monatlich nicht ein Jahr lang in den Rachen gestopft, hätte diese Abzockerin wohl nicht weiter- geschrieben und der Schweiz wäre die Schmach erspart geblieben, eine ihrer Schriftstellerinnen 25 000 Euro Buchpreisgeld von den Deutschen kassieren zu sehen.

Nein, ehrlich, was ist denn das für Logik? Liebe Kollegen von der «Weltwoche», darf ich Euch in Erinnerung rufen: Sozialfürsorge unterstützt die Bedürftigen. Kulturförderung aber die Begabten! Ihr werdet kein Land finden, wo das anders ist. Da könnt ihr noch so lange in den Steuererklärungen von Rist oder Fischli/Weiss schnüffeln. Dass ihre Kunst von allen wichtigsten Museen der Welt angekauft wird und an den Auktionen gute Resultate erzielt, ist für die Förderung ihrer Projekte keine Kontraindikation. Sondern ein Gütezeichen.

2,24 Milliarden fliessen in der Schweiz in die Kultur, das soll zu viel sein? Schliesslich gehen diese Gelder zumeist nicht auf die Konten der «Subventionsjäger», sondern in die weltweit hoch geschätzten Schweizer Museen, Theater und Opern. Liebe Kollegen, darf ich Euch erinnern? Eine Grossbank bekam über Nacht 6 Milliarden Fr. vom Staat, nur um ihre Managementfehler auszubügeln. Und wenn man sich auf der Welt so umhört, dann holen die von Euch verteufelten «Staatskünstler» auf dem freien Sympathiemarkt all die Punkte, welche die anderen Milliardenempfänger verspielen. Somit sind die zwei komma vierundzwanzig doch ein ganz anständig investiertes Geld.

«Wirtschaftslandschaft Davos» von Thomas Hirschhorn ab 29. 1. im Kunsthaus Aarau

«Sozial- Fürsorge unterstützt die Bedürftigen. Kultur- Förderung die Begabten!»

© SonntagsZeitung; 16.01.2011; Seite 46

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