Die Rache des Raubvogels

Die Rache des Raubvogels Ewa Hess | 7. Juni 2013 – 11:04 Kunst mit aggressivem Potenzial gehört zu den Höhepunkten an der Biennale Venedig. Prinz Harry, dem königlichen Schlingel, verdankt die Biennale ihre Flügel. Denn er war es wahrscheinlich, der im Oktober 2007 ein Pärchen geschützter Greifvögel bei einem Jagdabenteuer in Norfolk vom Himmel schoss. Die Affäre fand kein juristisches Nachspiel, doch die Rache des Raubvogels bleibt nicht aus. Und gerät zum Highlight der diesjährigen Venedig-Kunstschau. Der Künstler Jeremy Deller, 47, inszeniert den englischen Pavillon als eine Bilderschau mit aggressiven sozialen Untertönen. Sein Rachevogel-Fresko wirkt befreiend: Der Artgenosse der getöteten Kornweihen (Circus cyaneus) hat sich auf der nächstbesten Autobahn einen Offroader gekrallt. Ob der frevelhafte Prinz drinsitzt, ist unerheblich, denn mit der Comic-artigen Aktion ist vor allem der Ton gesetzt: begeisternd, unkompliziert, gesellschaftlich relevant – so etwas wie die dunkle Seite von Danny Boyles Londoner Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2012. Mit Dellers sozialer Skulptur (im nächsten Saal kommt der russische Oligarch Roman Abramowitsch an die Kasse) wird eine Biennale aufgewertet, die an ihren Eröffnungstagen nicht nur trist in kalten Regengüssen ersäuft, sondern auch seltsam kraftlos daherkommt. Mit einer gut gemeinten, aber blassen Hauptausstellung und vielen Pavillons, die sich als politisch korrekte Musterschüler zu etablieren versuchen. Die Deutschen und die Franzosen tauschen etwa ihre Pavillons, wie um Merkel-Hollande-Differenzen auf künstlerischer Ebene wieder wettzumachen. Dabei werden die beiden Länderauftritte sowieso von Fremden bestritten. Die Franzosen haben mit dem Videokünstler Anri Sala einen gebürtigen Albaner verpflichtet; die Deutschen durften mit Ai Weiwei den Superstar der Kunstszene als ihren Mann ins Rennen schicken. Gegenüber diesem politischen Pathos ist man froh um die Eleganz im Schweizer Pavillon. Die Installation des Walliser Künstlers Valentin Carron, 36, besticht durch ihre perfekte Zurückhaltung. Die Werke fügen sich scheinbar widerstandslos in die wohlproportionierten Säle des von Bruno Giacometti 1952 erbauten Pavillons. Eine metallene Schlange windet sich durch die Säle hindurch, schleicht durch die Tür nach draussen, auf einen kleinen Patio, wo, wie vergessen, ein altes Töffli der Marke Ciao steht. Bronzene Trompeten, wie ferne Echos einer Blasmusik, verschmelzen fast mit dem dunklen Gemäuer. Die Installation entfaltet dennoch einen subversiven Charme, der wie ein Hauch von Parfüm einen in die lauteren Ausstellungshäuser begleitet. Etwa in das benachbarte russische, wo der Moskauer Konzeptualist Vadim Zakharov unter der Leitung des deutschen Kurators Udo Kittelmann in einer plakativen Aktion einen Goldmünzenregen runterrieseln lässt. Das soll wohl Konsumkritik sein, bleibt aber eine hohle Geste. Nicht so Ai Weiweis Skulptur im vertauschten deutschen Pavillon – die ist stark. Antike Hocker aus dem Handwerksland China fliegen durch die Luft, türmen sich, schön wie ein Spinnennetz – und ebenso trügerisch. Das Werk soll an die im Wirtschaftswunderland China verloren gehende Tradition erinnern. Noch stärker ist allerdings ein anderes Werk Ai Weiweis in Venedig. Das hat er nicht den Deutschen ausgeliehen, sondern in einer Kirche in der Stadt inszenieren lassen. (Er selber ist immer noch mit einem Ausreiseverbot belegt, nur seine alte Mutter konnte zur Eröffnung nach Italien kommen.) In den sakralen Räumen der Kirche Sant’Antonin stehen nun Boxen, in welchen Szenen aus Ai Weiweis Gefangenschaft dargestellt werden: wie er schläft, duscht oder verhört wird, immer unter wachsamem Auge der uniformierten Schergen. Ai Weiwei, dessen neuste Fotos einen nachdenklichen Mann mit ergrautem Bart zeigen, ist damit in Venedig unübersehbar, auf der Höhe seines Könnens. Doch noch ein Bartträger schwebt inspirierend über der Lagunenstadt und will aus den Köpfen nicht weichen: der 2005 verstorbene Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Nicht nur zeigt die Fondazione Prada in der Stadt eine 1:1-Rekonstruktion von Szeemanns berühmter 1969er-Schau «When Attitudes Become Form» aus der Kunsthalle Bern. Auch Massimiliano Gionis Hauptausstellung «Il Palazzo Enciclopedico» steht tief in seiner Schuld: Viele der Outsider, welche Gioni nun der Kunstwelt als Rettung aus der Umarmung des Markts präsentiert, wären ohne Szeemann verloren gegangen. Gionis Ausstellung führt Szeemanns Gedanken allerdings weiter. Sie postuliert, dass es in der Kunst kein Aussen und kein Innen gibt und dass neben den Pendlerinnen wie Emma Kunz und den Spiritisten wie Aleister Crowley auch Philosophen wie Roger Callois oder Psychologen wie C. G. Jung ihren Platz im Kunstpantheon beanspruchen sollen. Anders als seinem Schweizer Mentor gelingt es Gioni nicht ganz, die explosive Kraft, welche er sucht, in spannende Ausstellungsräume umzumünzen. Zwar gibt es sowohl im zentralen Pavillon der Giardini wie auch im Arsenale, den beiden Austragungsorten der Ausstellung, interessante Durchblicke und starke Momente (etwa die Installation des vietnamesischen Künstlers Danh Vo), doch am Ende bleibt der Eindruck von zu viel des Gleichen. Und zu wenig von ganz Neuem. Immerhin ist es Gioni gelungen, den an die Biennale gestellten Erwartungen ein Schnippchen zu schlagen. Es wird schwierig sein, die Schau dieses Jahr als ein Preis-Justierungsinstrument für die nachfolgende Kunstmesse Art Basel zu gebrauchen. Die Werke von Künstlern, welche Gioni ins Scheinwerferlicht stellt, sind nämlich oft gar nicht auf dem Markt, sie gehören bereits öffentlichen Archiven und Museen. Gemeinsam mit den politisch inspirierten Pavillons der Länder sendet Venedig 2013 damit ein starkes Signal: Die stets noch wachsenden Kunstpreise sollen nicht der einzige Gradmesser ihrer Werte sein. © SonntagsZeitung; 02.06.2013; Seite 37 Weltschau der Kunst an der Lagune Die Kunstbiennale in Venedig (1. 6.– 24. 11.) ist die führende Schau der Gegenwartskunst. Sie findet alle zwei Jahre statt. Die dieses Jahr von Massimiliano Gioni kuratierte Ausstellung «Il Palazzo Enciclopedico» gesellt sich zu den nationalen Länderpavillons, in welchen 88 Nationen vertreten sind . Die Schweiz vertritt der Walliser Valentin Carron. Zu den Begleitveranstaltungen gehört auch der «Salon Suisse» im Palazzo Trevisan degli Ulivi. Darin werden Themenabende wie «Geschichte und Gegenwart» durchgeführt (www.biennials.ch). 10 Länder sind erstmals dabei, darunter auch der Vatikan. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember

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Massimiliano Gionis Heimspiel

Massimiliano Gionis Heimspiel Ewa Hess | 5. Juni 2013 – 09:41 «Ich wollte mich selber überraschen» verriet mir der Direktor der diesjährigen Biennale, als ich ihn an den Eröffnungstagen sprach. Der netteste Kurator der internationalen Kunstszene zeigte zum ersten Mal seit ich ihn kenne leichte Stressanzeichen – verständlich bei dem Eröffnungs-Händeschüttel-Ansprachen-Interviewmarathon, den ein Biennale-Chef in diesen Tagen absolvieren muss. (Allerdings blieb Bice Curiger in diesen Tagen vor zwei Jahren gewohnt ruhig!). Seine Antworten waren aber genau so präzis und raffiniert wie man sich das von ihm gewohnt ist. Der Italiener Massimiliano Gioni, 39, ist der Glückspilz der internationalen Kunstszene. Was er anfasst, wird gut: grosse Ausstellungen wie diejenige von Urs Fischer im New Museum New York, temporäre Kunstinstallationen für die Fondation Trussardi in Mailand. Beim Treffen in seiner Ausstellung «Il Palazzo Enciclopedico» in den Giardini wirkt der Biennale-Chef gestresst, verdrückt während des Gesprächs ein Sandwich. Doch bald kehrt die gewohnt gute Laune zurück, und Gioni gibt Einblicke in die Hintergründe seines Heimspiels in Venedig. Sie sind der jüngste Biennale-Chef. Betrachtet man aber die Geburtsjahre der Künstler, ist Ihre Ausstellung die älteste. Ein Widerspruch? Nein, das ist nur logisch. Ich gehöre einer Generation an, die mit Computern und Internet mitten in einem gigantischen Archiv aufgewachsen ist. Für uns ist die Vergangenheit nie vorbei und vergessen. Wir haben die Freiheit, unsere Geschichte neu zu schreiben. Für Ihre neue Sicht haben Sie die Schweizer Heilerin Emma Kunz und den Spiritisten Aleister Crowley ausgegraben. Suchen Sie die Esoterik? Nein, die Ausstellung ist keine Abhandlung über den Spiritismus! Mich beeindruckt nicht, dass jemand malt, weil es ihm die Geister befohlen haben. Ich finde aber die Werke, die unter visionären Voraussetzungen entstanden sind, oft wunderschön. Sie entfalten eine ungeheure Intensität. Spielen für Ihre Biennale diese Outsider eine ähnliche Rolle wie die damals noch nicht bekannten Chinesen für Harald Szeemanns Biennale von 1999? Outsider in der Kunst sind nicht meine Erfindung, gerade wenn wir von Szeemann reden. Sie waren immer ein Thema, doch ihre Bedeutung steigt weiter. Das wollte ich deutlich machen. Auch der Titel der Schau ist von einem Fantasten geborgt: von Marino Auriti, der einen 136-stöckigen Palast bauen wollte, in dem das ganze Wissen der Welt gezeigt werden würde. Auritis Modell – das im Mittelpunkt der Biennale steht – repräsentiert den Traum von einem universellen Wissen. Auriti liess sein Modell 1955 sogar patentieren. Doch natürlich wurde der Palast nie gebaut, denn wie jeder Anspruch auf Totalität war sein Projekt zum Scheitern verurteilt. Sein Traum aber hat überlebt. Der Idee der Biennale liegt auch ein Traum zugrunde – dass man die ganze Kunst der Welt an einem Ort zusammenbringen kann. Meine Biennale ist eher wie ein Museum auf Zeit angelegt. Mich interessiert, wie Bilder entstehen und wie die Menschen mithilfe von ihnen die Welt erklären. Hat sich in diesem Prozess viel verändert? Ja und nein. Das Medium der Kunst – das sind in einem zunehmenden Mass unsere Körper und unsere Gehirne geworden. Darum mache ich keinen Unterschied zwischen einem Outsider, der sich als Medium im strikten Sinn des Wortes sieht, und etwa der jungen französisch-marokkanischen Künstlerin Bouchra Khalili. Sie zeigt, dass auch die Jungen besessen sind. Wovon? Von der unerschöpflichen medialen Bilderflut. Die ist nicht weniger gebieterisch als Geisterstimmen. Sehr viele junge Künstler … … ja, das muss man doch auch sagen, dass es ebenso viele junge Künstler in der Ausstellung gibt wie Tote oder Alte … … haben speziell für die Biennale entworfene Werke beigesteuert, die sich mit den Themen, die Sie vorgegeben haben, befassen. Zufall? Nein, nicht ganz. Ich war es müde, die Rolle des Kurators darin zu sehen, eine gut bestückte Adressliste sein eigen zu nennen. Sie verstehen, diese Attitüde: Ich fliege jetzt für 24 Stunden nach Nigeria und besuche Künstler, die man mir empfohlen hat. Ich wollte gemeinsam etwas entwickeln. Und die Künstler spielten mit? Ich erinnere mich, dass ich ganz vorsichtig in den E-Mails schrieb: «das klingt vielleicht interventionistisch, aber hast du schon mal über das oder jenes nachgedacht …» Und die Künstler haben es mir nicht übel genommen, sondern tolle Werke beigesteuert. Ihren Freund Maurizio Cattelan sucht man aber vergebens … Sie werden keinen einzigen Künstler finden, der an der letzten Biennale dabei war. Ich wollte mich selber auch überraschen. Welche Rolle hat es gespielt, dass für einmal ein Italiener die Biennale kuratiert? Die Erwartungen sind vielleicht schon grösser, auch meine eigenen. Zudem ärgere ich mich auf Italienisch etwas deutlicher als auf Englisch (lacht). Aber wie Proust mal sagte, der grösste Roman scheint immer in einer fremden Sprache geschrieben zu sein. Und in Venedig spricht man meine Muttersprache. Veröffentlicht in der SonntagsZeitung am 2. Juni 2013 About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! 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Martigny mon amour

Martigny mon amour Ewa Hess | 16. Mai 2013 – 11:54 Die scharfe Frühlingssonne steht Martigny nicht. Unbarmherzig bringt sie die Ungereimtheiten des Ortes zum Vorschein. In den verdunkelten Scheiben von stillos modernen Bürohäusern spiegeln sich malerische Schneegipfel. Das Bahnhofsgebäude aus einem vergangenen Jahrhundert steht verloren zwischen chaotisch angeordneten Parkplatzparzellen. Putzige Ästhetik eines intakten Schweizer Städtchens trifft auf die Zersiedelungsspuren eines aggressiven Baubooms. Valentin Carron entsteigt seinem bequemen Familienauto mit der entspannten Lässigkeit eines Bewohners des amerikanischen Mittleren Westens. So, dass man sofort spürt, wie sehr dieses Auto sein Zuhause ist. Und diese Gegend sein Jagdrevier. Dabei könnte man meinen, der 36-jährige Künstler sei längst seiner Heimatgemeinde entwachsen. Sein Name wird in Paris, New York und London in Grossbuchstaben geschrieben. Er ist der aufstrebende Star der Schweizer Kunst. Geheimnisvoll, eigenwillig, unübersehbar. Vor zwei Jahren verblüffte er die Kunstwelt mit der im Pariser Palais de Tokyo ausgestellten Kunstharz-Replik einer Walliser Weinlaube. In zwei Wochen wird er die Schweiz an der Biennale der Kunst in Venedig vertreten. Doch stur wie ein echter Bergler bleibt Valentin Carron in Martigny wohnhaft. Nur von hier aus, das spürt man, sind diese rätselhaften Skulpturen zu verstehen. Sie nehmen Elemente der Landschaft und ihrer Bebauung auf. Oft sehen sie wie Bergkreuze oder wie Rauverputz-Wände aus. Sie gleichen manchmal den Pergolas, manchmal den Strassenlampen. Doch das ist noch lange nicht das Geheimnis ihrer Wirkung. Ihre Präsenz ist es. Dass sie mit einer archaischen Kraft aufgeladen sind, dem schwarzen Monolith aus Stanley Kubricks berühmten Film «2001: A Space Odyssey» vergleichbar. «Hier, wo ich aufgewachsen bin», setzt Carron zu einer Erklärung an, «komme ich mir vor wie ein Fremder.» So wie er es sagt, muss es etwas Gutes sein. Im Kopf sei er in Zürich, vielleicht in Genf oder Paris zu Hause. Martigny aber sei sein Beobachtungsposten. Denn nur hier gebe es diese Mischung von heimelig und unbehaust, die ein Symptom unserer Zeit sei. Martigny, das sei die westliche Welt in Miniatur. «Nur hier bin ich real», sagt Carron. Ob das ein glücklicher Zustand ist, traut man sich nicht zu fragen. Während wir unseren Allerwelts-Cappuccino im Strassencafé schlürfen, geht schnellen Schrittes Pascal Couchepin mit einem schwarzen Rucksack an uns vorbei. Auch er ein unbeirrbarer Bewohner von Martigny – und sein ehemaliger Bürgermeister. Carron schaut dem Ex-Bundesrat mit einem kleinen Lächeln nach. Es ist ein menschenfreundliches, wenn auch verschmitztes Lächeln. Eine Mischung aus Melancholie und Spott. Noch vor wenigen Jahren wäre es Couchepin gewesen, der den Schweizer Pavillon an der Biennale eröffnet hätte. Wäre das schön, so ein Martigny-Gipfeltreffen in Venedig? Diesmal gilt das spöttische Lächeln der Frage. Diejenigen, die vermutet haben, dass Carron in Venedig etwas besonders Auffälliges inszenieren würde, etwa ein Riesenkreuz, wie 2009 vor dem Eingang zur Art Basel, bleiben auf ihren Erwartungen sitzen. In Valentin Carrons Schweizer Pavillon wird zwar eine 80 Meter lange Schlange die Besucher begrüssen, doch ihr schmaler schmiedeeiserner Körper wird nur dezent den Raum zur Geltung bringen. In Bronze gegossene Musikinstrumente, verbeult, als ob sie schon Generationen von Familienmusikanten gedient hätten, werden die strenge Form des Pavillons brechen. Als Bildelemente installiert der Künstler Remakes von Glasfenstern aus den 50er-Jahren. Er habe viel zu viel Respekt vor der Kunst, sagt Carron, um allzu plakativ auf das Ereignis einer Wettbewerbssituation einzugehen. Stünde dieser Pavillon nicht in den Giardini von Venedig, wohin die ganze Welt guckt, sondern in einem Kunstzentrum in, sagen wir, Portugal, würde er seinen Auftritt auch nicht anders gestalten. Er wolle nur eines: dem schönen, von Albertos Bruder Bruno Giacometti erbauten Pavillon gerecht werden. Seine Form respektieren – und ihr gleichzeitig durch die beharrlich irritierende Form der Werke lautlos widersprechen. Respekt und Widerstand – es ist der gleiche Widerspruch, der bei einem Spaziergang auf dem Friedhof, einem seiner Lieblingsorte, im Blick des Künstlers aufscheint. Wir bleiben bei einem Grab stehen. «Marc Morand – Anwalt und Notar», verkündet die Inschrift, «Bürgermeister von Martigny 1921–1960. Oberst im Generalstab». «Das ist Martigny!», sagt Carron. «Diese Macht, dieser Einfluss, kann man sich das vorstellen?» Hier, auf dem Kirchenacker, inmitten all der Morands, Couchepins, Constantins und auch Gianaddas, merkt man, wie stark die Walliser Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht – die heutigen Patrons tragen die gleichen Namen. Einer von ihnen, der Immobiliengigant Léonard Gianadda, ist im Wallis auch der Chef eines Kunstimperiums. Wenn Martigny eine Miniatur der westlichen Welt ist, dann ist die Fondation Gianadda eine Miniatur von Martigny. Auch hier trifft man auf eine Mixtur nicht zueinanderpassender Elmente: wunderschöne Aussicht, undefinierbares Gebäude und ein Museum, in dem Oldtimer-Autos, gallo-römische Ausgrabungsrelikte und Weltklassekunst leicht windschief nebeneinander existieren. Die Begegnung zwischen Gianadda und Carron muss ein besonderes Spektakel geboten haben – hier der flamboyante Unternehmer und wenig Widerspruch duldende volkstümliche Philanthrop Gianadda, dort der spröde, aber auch ruhig selbstbewusste Kunststar einer intellektuellen Elite. Sie fand jedenfalls statt, diese Begegnung, und resultierte in einem 700 Kilogramm schweren Geschenk – an Martigny. Es ist eine Skulptur in Form einer Aluminiumsäule, viereinhalb Meter hoch, die sich spiralförmig mitten auf der Strasse erhebt und einen Verkehrskreisel in eine archaische Andachtsstätte verwandelt. Wie ein Relikt einer ausgestorbenen Zivilisation wirkt diese Säule, aus der Zeit gefallen, fremd. Die anderen vierzehn Kreisel, die Léonard Gianadda seiner Heimat geschenkt hat, sind wie die meisten Kreisel auf der Welt mit Skulpturen lokaler Grössen ausgestattet, ergänzt durch einen Minotaur Hans Ernis und eine Assemblage Bernhard Luginbühls. «Es war ein Angebot, das man nicht ausschlägt», erklärt Valentin Carron seine Zusage, sich in die Riege der Kreiselkünstler einzureihen, und wir lachen über die Formulierung, die in einen anderen Kontext gehört. Aber er will damit nicht auf Mafiafilme anspielen. Er meint es ernst. Die Anfrage auszuschlagen, wäre ihm feige vorgekommen. Er wollte das gerne machen, für Martigny. Jetzt steht das Werk mitten auf jener Strasse, die nach Fully führt. Dort wurde er geboren. In Fully hatte die Familie des Künstlers ein Cheminée-Geschäft. Hier hat Carron als Kind schon miterlebt, wie am Fusse der majestätischen Walliser Berge Gemütlichkeit als vorfabrizierte Form verkauft wurde. Hier schulte sich sein Auge für die falsche Authentizität und für authentische Künstlichkeit. Jetzt wird er diese Sensibilität für

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Die Zürcher Prozesse

Die Zürcher Prozesse Ewa Hess | 16. Mai 2013 – 08:20 Neugierig auf den Prozess, der in Zürich der Zeitschrift «Weltwoche» gemacht wurde, verbarchte ich einige lehrreiche Stunden in dem zu einem Gerichtssaal umfunktionierten Theater am Neumarkt in Zürich. Hier, was ich darüber für Nachtkritik.de schrieb: von Ewa Hess Zürich, 3. Mai 2013. Mit dem Verdacht der barbarischen Unvernunft geht es los. Dieser gehorche die Schweizer Zeitschrift Weltwoche, wenn sie Woche für Woche Minderheiten diffamiere, nach dem Freund/Feind-Prinzip argumentiere und politisch Unliebsame in Diskredit bringe, sagt der Soziologieprofessor Kurt Imhof. Wie ein moderner Robespierre wendet sich Imhof an sein Publikum in dem zum Gerichtssaal umfunktionierten Theater am Neumarkt in der Zürcher Altstadt. „Inmitten unserer rätischen Republik“ – schleudert er mit rollenden Rs vom Zeugenstand in den Saal hinein – „dulden wir eine Publikation, deren Herrschaftsverständnis weit hinter die Aufklärung zurückfällt!“ Es ist ein Schauprozess nach allen Regeln der Kunst, den der Regisseur Milo Rau an drei friedlichen Maitagen in Zürich der „Weltwoche“ angedeihen lassen wird. Verhandelt werden soll, ob sich die Zeitschrift im Sinne des Strafgesetzbuchs in drei Anklagepunkten strafbar gemacht hat: Schreckung der Bevölkerung, Rassendiskriminierung, Verunglimpfung der Justiz. Als Richterin waltet die Verlegerin und Journalistin Anne Rüffer. Für die Rollen der Anwälte wurden die besten Schweizer Anwälte ihres jeweiligen Fachs verpflichtet: der auf Migrationsrecht spezialisierte Marc Spescha als Ankläger. Der schillernde Milieu-Anwalt Valentin Landmann als Verteidiger. Am ersten Verhandlungstag stellen die beiden ihre Plädoyers vor. Am Samstag und Sonntag werden die Kreuzverhöre, Abschlussplädoyers und die Urteilsverkündung folgen. Die Anordnung auf der Bühne strahlt eine Ernsthaftigkeit aus, die nur von den launigen Live-Ticker Bemerkungen der quirligen Gerichtsschreiberin, der Filmemacherin und ehemaligen Weltwoche-Kolumnistin Güzin Kar, konterkariert wird. „Was für ein leidenschaftlicher Redner. Alle sind sofort wieder hellwach“, wird sie am Schluss dieser Eröffnungssitzung auf die Monitore schicken, um die flammende Ansprache Michel Friedmans zu feiern. Er sei da, ruft Friedman in die Runde, um für die Streitkultur zu kämpfen, die „Weltwoche“ durch Demagogie zu ersetzen versuche. Nach den politisch hochbrisanten Moskauer Prozessen, welche der Schweizer Polittheater-Erneuerer Milo Rau im März in Moskau veranstaltet hat, war man sich nicht ganz sicher, ob die Vergehen der „Weltwoche“ sich als schwerwiegend genug erweisen würden, um ein theatralisches Kesseltreiben der „Zürcher Prozesse“ zu rechtfertigen. Diese Furcht zumindest lässt sich bereits nach dem Eröffnungsabend zur Seite schieben. Es geht hier zwar nicht um Leben und Tod, nicht wie in Moskau um den Schutz elementarster Menschenrechte, doch zielt die durch den Prozess entfesselte Zürcher Debatte mitten ins Zentrum dessen, was eine westliche Demokratie ausmacht. Die Akteure nehmen ihre Sache ernst und man spürt, wie die Debattierlust dieser Männer durch die Spielanlage angestachelt wird (Frauen sitzen zwar unter den Geschworenen und am Richtertisch, große Reden durften sie bisher aber nicht schwingen). Die Rechtfertigungs-Rhetorik des Anklägers Spescha verrät zudem den tiefen Strudel, in welchen dieser Diskurs seine Teilnehmer reinzieht. Schnell könnten aus den Anklägern Angeklagte werden – wenn man sie eines Versuchs der Pressefreiheit-Beschneidung überführen würde. Es ist nicht ohne Grund, dass das Lager der „Weltwoche“ unablässig die „Freiheit“ im Munde führt, während ihre Kritiker eher die „gesellschaftliche Verantwortung“ beschwören. Darum geht es, darum wird es hier auch morgen und übermorgen gehen – um die Frage, wo die Meinungsfreiheit aufhört und wo eine gesellschaftlich nicht mehr tragbare Scharfmacherei beginnt. Eine Anklagebank fehlt auf der Bühne. Der „Weltwoche“-Herausgeber und Chefredakteur Roger Köppel bleibt dem Prozess fern. Diesen Mangel gleicht eine vorwitzige Kamera aus, indem sie in strategischen Momenten auf die beiden im Publikum sitzenden „Weltwoche“-Redakteure Alex Baur und Rico Bandle schwenkt, so dass ihre Gesichter auf den über den Köpfen hängenden Monitoren für alle sichtbar werden. Doch die Figuren in diesem Gerichtsspiel sind klüger ausgewählt, als dass eine eindeutige Zuordnung der Sympathien möglich wäre. Güzin Kar etwa, die in der Türkei geborene Schreiberin, hat selbst jahrelang mit ihren Kolumnen über eine männerfressende türkische Emanze einen festen Platz in der „Weltwoche“ gehabt. Und der allererste Redner des Abends, der ehemalige „Weltwoche“-Chefredakteur Jürg Ramspeckerinnert daran, dass wechselnde politische Ausrichtung der Redaktion und unklare Besitzverhältnisse seit der Gründung der Zeitschrift vor 80 Jahren zu ihrem Schicksal gehörten. Ramspeck gesteht, bestimmt stellvertretend für so manchen Schweizer, dass er an den Artikeln und Provokationen der Zeitschrift manchmal seine Freude habe, auch wenn ihm der politische Kurs ganz und gar nicht behage. Unter den Geschworenen sitzt eine Studentin mit Kopftuch ebenso wie eine Rentnerin mit Migrationshintergrund und ein Kleingewerbler mit Sympathien für die Populisten. Es sind sie, die als Vertreter der Gesellschaft ausgewählten Gerechten, die am Schluss über Schuld oder Unschuld der „Weltwoche“ zu entscheiden haben. Zu ihnen sprechen auch an diesem Abend die Anwälte. Zunächst mild und vernünftig Spescha: „Darf eine Zeitschrift, die sich auf Fakten beruft, rechtlich sanktionslos alles verbreiten, was ihr gut dünkt, auch gezielte Unwahrheiten?“ Danach maliziös und unterhaltsam Landmann: „Wir begeben uns freiwillig der Freiheiten im naiven Vertrauen, dass es immer nur die Bösen trifft“. Wie sehr es in den folgenden Kreuzverhören argumentatorisch drunter und drüber gehen könnte, merkt man im intelligenten Schlussvortrag des in Deutschland lebenden ägyptischen Islamkritikers Hamed Abdel-Samad. Er – der sich für die „Weltwoche“ stark macht – vergleicht sie mit dem Koran, der als Inspirationsquelle für Terroristen herangezogen werde, und doch nichts dafür könne. Ein Vergleich, das merkt Abdel-Samad selber, der weder die „Weltwoche“ noch den Muslimen Freude machen wird, den der Redner aber wagt, im vollen Bewusstsein, dass „die Freiheit nicht dort enden kann, wo Gefühle anderer beginnen“. Exakt das macht die „Zürcher Prozesse“ so spannend: dass der Regisseur und seine Crew es verstanden haben, die Front nicht als eine gerade Linie auf der Bühne abzustecken. Sondern sie umsichtig und listig, der heutigen Wirklichkeit entsprechend, als ein verschlunges Ornament im ganzen Saal ausgelegt haben.   Hier der Link zur Originalveröffentlichung auf Nachtkritik.de: Die Zürcher Prozesse – Die erste Sitzung von Milo Raus Verhandlung gegen die Zeitschrift Weltwoche. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future –

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Famous Blue Raincoat

Famous Blue Raincoat Ewa Hess | 1. Mai 2013 – 08:03 Ach, Leonard, der ewige Rauner…«And what can I tell you my brother, my killer?What can I possibly say?I guess that I miss you, I guess I forgive you…I’m glad you stood in my way.» Hier der Text und ein Video, wie er den Song als alter Mann nochmals singt.1971, als der Song erstmals veröffentlicht wurde (auf «Songs of Love and Hate»)machte man ja noch nicht so viele Videos. Natürlich ist der blaue Regenmantel des Alter Egos aus dem SongCohens eigener gewesen, und Lower East Side / Clinton Streetwar damals tatsächlich sein Zuhause.In der Gegend wohnten viele Latinos – darum wohldie beschwingte Abendmusik, von der die Rede ist. It’s four in the morning, the end of DecemberI’m writing you now just to see if you’re betterNew York is cold, but I like where I’m livingThere’s music on Clinton Street all through the evening. I hear that you’re building your little house deep in the desertYou’re living for nothing now, I hope you’re keeping some kind of record. Yes, and Jane came by with a lock of your hairShe said that you gave it to herThat night that you planned to go clearDid you ever go clear? Ah, the last time we saw you you looked so much olderYour famous blue raincoat was torn at the shoulderYou’d been to the station to meet every trainAnd you came home without Lili Marlene And you treated my woman to a flake of your lifeAnd when she came back she was nobody’s wife. Well I see you there with the rose in your teethOne more thin gypsy thiefWell I see Jane’s awake She sends her regards.And what can I tell you my brother, my killerWhat can I possibly say?I guess that I miss you, I guess I forgive youI’m glad you stood in my way. If you ever come by here, for Jane or for meAnd your enemy is sleeping, and his woman is free. Yes, and thanks, for the trouble you took from her eyesI thought it was there for good so I never tried. And Jane came by with a lock of your hairShe said that you gave it to herThat night that you planned to go clear Sincerely L Cohen https://youtu.be/hAanOLTsFGc Leonard Cohen – Famous Blue Raincoat (Songs From The Road DVD) – YouTube. About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember 13, 2022 von &s @askewa folgen Neueste Beiträge Baselitz‘ WeltI likePrivate Sales, ein SchattenspielAdieu John BergerTalk mit Jacqueline Burckhardt Blogroll FAQNews-BlogPop MattersRevue 21Support ForumWordPress-Planet Themen Ai Weiwei Amerika Andy Warhol Aphrodite Ascona Baron Heinrich Thyssen Basel Biennale Venedig Bird’s Nest Caravaggio China Fischli/Weiss Fondation Beyeler Frank Gehry Georg Baselitz Gerhard Richter Ghirlandaio Gstaad Gurlitt Gustav Klimt Harald Szeemann Keanu Reeves Kunst Kunstmuseum Basel Louise Bourgeois Maja Hoffmann Maria Lassnig Marlene Dumas Melinda Nadj Abonji Monte Verità Nachtkritik Oprah Winfrey Pipilotti Rist Schweizer Architektur Schweizer Film Schweizer Kunst Schweizer Literatur Shakespeare Simon de Pury Thomas Hirschhorn Ugo Rondinone Urs Fischer Valentin Carron Warhol Weltwoche Previous PostNext Post Schreibe einen Kommentar Cancel Reply Logged in as Ewa Hess. Edit your profile. Log out? Required fields are marked * Message*

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Viktors Grosser Kanton

Viktors Grosser Kanton 30. April 2013 @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember 13, 2022 von &s @askewa folgen Neueste Beiträge Baselitz‘ WeltI likePrivate Sales, ein SchattenspielAdieu John BergerTalk mit Jacqueline Burckhardt Blogroll FAQNews-BlogPop MattersRevue 21Support ForumWordPress-Planet Themen Ai Weiwei Amerika Andy Warhol Aphrodite Ascona Baron Heinrich Thyssen Basel Biennale Venedig Bird’s Nest Caravaggio China Fischli/Weiss Fondation Beyeler Frank Gehry Georg Baselitz Gerhard Richter Ghirlandaio Gstaad Gurlitt Gustav Klimt Harald Szeemann Keanu Reeves Kunst Kunstmuseum Basel Louise Bourgeois Maja Hoffmann Maria Lassnig Marlene Dumas Melinda Nadj Abonji Monte Verità Nachtkritik Oprah Winfrey Pipilotti Rist Schweizer Architektur Schweizer Film Schweizer Kunst Schweizer Literatur Shakespeare Simon de Pury Thomas Hirschhorn Ugo Rondinone Urs Fischer Valentin Carron Warhol Weltwoche Previous PostNext Post Schreibe einen Kommentar Cancel Reply Logged in as Ewa Hess. Edit your profile. Log out? Required fields are marked * Message*

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Yang Fudong, Videodichter

Yang Fudong, Videodichter Ewa Hess | 7. April 2013 – 18:56 Yang Fudong ist der grosse Träumer unter Chinas Kunststars. In seinen hypnotischen Videos lungern junge Menschen in malerischen Gärten herum. Oder sie spazieren in Städten. Sie sind erregt, doch ziellos. Eine abgeklärte Weltmüdigkeit haftet den mandeläugigen Gesichtern an, es ist, als ob sie sich ihre Zeit nur vertrieben. Worauf warten sie? Das erste Mal traf ich Yang Fudong in Shanghai, im Herbst 2007. Ich besuchte ihn in seiner Wohnung und wir sprachen über den dritten Teil seines Video-Poems «Seven Intellectuals in a Bamboo Forest». Frühling 2013 treffe ich ihn wieder, in der Kunsthalle Zürich, er ist hier zur Eröffnung seiner grossen Retrospektive gekommen. Seine langen Haare sind ein bisschen grau geworden, doch er ist der gleiche ernste und sanfte Mann. Er spricht leise, fast ohne den Mund aufzumachen, und lächelt manchmal schalkhaft. Yang Fudong, 41, die Frisur mit Mittelscheitel bildet einen Rahmen für sein sanftes Buddha-Gesicht, beantwortet die Frage in der Kaffeeküche der Kunsthalle Zürich mit einem rätselhaften Lächeln. Und spricht leise vage Sätze wie: «Auch ein Künstler kann die soziale Wirklichkeit seines Landes nicht ausblenden.» Es stimmt, die Wirklichkeit Chinas ist in diesen Videos ebenso allgegenwärtig wie die Sehnsucht nach Schönheit. Eine Fotoserie etwa zeigt eine Dame, wie sie in Begleitung ihrer Verehrer den berüchtigten Shanghaier Club M besucht. Die Bilder in Schwarzweiss evozieren die Romantik der Gangsterfilme aus den 1920er-Jahren. Und doch erzählen sie auch von der existenziellen Leere des heutigen Geldadels. Den Saal daneben füllt – welcher Kontrast! – die erschütternde Installation «East of Que Village», die der Künstler in seiner Heimatgegend bei Bejing filmte (er wohnt jetzt in Shanghai). Auf den Monitoren der Installation tanzt der Wind, das Dorf Que ist verlassen und öde. Heimatlose Hunde, voll schwärender Wunden, laufen hier herum, nagen an Gerippen, beäugen magere Kühe. Auch hier Entwurzelung, Verlorenheit, unstillbarer Hunger – es stellen sich überraschenderweise ähnliche Gefühle ein wie beim Betrachten der Bilder von reichen Clubbern. Die Ausstellung, welche die Zürcher Kunstinstitution dem begehrten Videodichter einrichtete, ist die erste dieser Grösse im Westen. Dennoch ist es keine Retrospektive, wie Co-Kurator Philippe Pirotte erklärt. Das berühmteste Werk etwa ist weggelassen worden, «weil man es schon zu gut kennt». Mit jenem Werk, «Seven Intellectuals in a Bamboo Forest», ist Yang Fudong erst richtig bekannt geworden. Das mehrteilige Epos war das Highlight der Venedig-Biennale von 2007 und hat mit seiner Nouvelle-Vague-Anmutung das westliche Publikum erobert. Yang Fudongs jüngst fertig gestelltes Video für das Modehaus Prada lebt von ähnlicher Ästhetik. Nebst alten chinesischen Quellen (etwa der Geschichte über taoistische Weisen, die sich im 3. Jahrhundert von der Vulgarität des Stadtlebens in ein Bambuswäldchen zurückziehen) ist Yang Fudong auch von westlichen Vorbildern beeinflusst, vor allem von den Filmemachern, etwa Jean-Luc Godard oder Jim Jarmush. Zunächst ohne ihre Filme zu sehen – denn den Kunststudenten war in den 80er-Jahren ein Blick auf die verbotenen Früchte der westlichen Kultur nicht erlaubt. Sie stellten sich Filme, von welchen sie gehört hatten, aber lebhaft vor. Die spätere Begegnung mit den echten «A bout du souffle» oder «Stranger Than Paradise» war schön, wenn auch verwirrend. Die Zürcher Schau überrascht vor allem mit der Entdeckung von Yang Fudongs Humor. Die Groteske traut man dem ernsten Poeten weniger zu – und doch begegnet man ihr hier, vor allem in den früheren Werken. Etwa in der Auftragsarbeit für Siemens aus dem Jahr 2003, in der der Künstler die Idee der Corporate Identity mit Anzügen verhöhnt, welche die Angestellten zusammenzippen oder verknoten. Ein aufmüpfiger Witz im Stil Ai Weiweis blitzt in weiteren Werken auf. «The First Intellectual» etwa zeigt einen properen jungen Mann mit Anzug, Brille und Aktenköfferchen, der sich leicht linkisch anschickt, einen Pflasterstein zu schmeissen. Zu seiner künstlerischen Zukunft befragt, antwortet Yang Fudong gewohnt vieldeutig. Er werde weiterhin disparate Protagonisten wie Hunde und Clubgänger mit der Kamera verfolgen, kündigt er an. Die Ausbreitung des Bilds im Raum, also Videoinstallation, werde aber eine kleinere Rolle in seinem Werk spielen. Er wolle fortan eher «Freestyle Cinema» machen. Weitere Details werden – sanft lächelnd – nicht verraten. Yang Fudong, «Estranged Paradise», Kunsthalle Zürich, bis 26.5.   Publiziert in der SonntagsZeitung am 07.04.2013   About Ewa HessSwiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, ZürichView all posts by Ewa Hess » @askewa @PSPresseschau Wunderbares textlein 🍀 thx 4 sharing 08:10:37 PM Mai 30, 2023 von &s in Antwort auf PSPresseschau@GESDA Hackathon 4 the future – Open Quantum Institute in the making. Impressive! https://t.co/hWBdlsEFkd 09:35:19 AM Mai 07, 2023 von &s in Antwort auf GesdaIt’s my #Twitterversary! I have been on Twitter for 13 years, since 26 Nov 2009 (via @twi_age). 01:00:51 AM Dezember 13, 2022 von &s @askewa folgen Neueste Beiträge Baselitz‘ WeltI likePrivate Sales, ein SchattenspielAdieu John BergerTalk mit Jacqueline Burckhardt Blogroll FAQNews-BlogPop MattersRevue 21Support ForumWordPress-Planet Themen Ai Weiwei Amerika Andy Warhol Aphrodite Ascona Baron Heinrich Thyssen Basel Biennale Venedig Bird’s Nest Caravaggio China Fischli/Weiss Fondation Beyeler Frank Gehry Georg Baselitz Gerhard Richter Ghirlandaio Gstaad Gurlitt Gustav Klimt Harald Szeemann Keanu Reeves Kunst Kunstmuseum Basel Louise Bourgeois Maja Hoffmann Maria Lassnig Marlene Dumas Melinda Nadj Abonji Monte Verità Nachtkritik Oprah Winfrey Pipilotti Rist Schweizer Architektur Schweizer Film Schweizer Kunst Schweizer Literatur Shakespeare Simon de Pury Thomas Hirschhorn Ugo Rondinone Urs Fischer Valentin Carron Warhol Weltwoche Previous PostNext Post Schreibe einen Kommentar Cancel Reply Logged in as Ewa Hess. 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Sloterdijk auf dem Monte Verità

Sloterdijk auf dem Monte Verità Ewa Hess | 29. März 2013 – 07:34 «Hier genügte es, nackt zu tanzen»: Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk über den Monte Verità als Utopie und die Schweiz als Mätresse Europas. Ich traf den brillanten Provokateur in Ascona. Auf dem Weg von Ascona auf den Monte Verità begrüsst der Philosoph ihm vertraute Orte wie alte Bekannte und erzählt mir davon: In diesem Kirchlein habe er mal ein Konzert gehört, dort sei er mit dem Fahrrad hochgeradelt, nach dieser Kurve öffne sich der überwältigende Blick ins Tal. Bei der letzten Wegbiegung bleibt unser Kleinbus stehen, wir nehmen noch zwei winkende Wanderer auf: Es ist der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 83, und seine Frau. Man kennt sich, die Begrüssung ist herzlich. Im Bus sitzen schon nebst Sloterdijk die Schriftsteller Wladimir Sorokin und Mathias Énard. Wir sind unterwegs zum dritten Tag des neuen Literaturfestivals «Primavera Ticinese» in und um Ascona. Ausgerechnet auf dem legendären Monte Verità, wo am Anfang des 20. Jahrhunderts eine Gemeinschaft von Bohémiens die Utopie des natürlichen Lebens zu verwirklichen suchte, spricht Sloterdijk, 65, der seit Erscheinen seines epochalen Werks «Kritik der zynischen Vernunft» 1983 zu den Koryphäen des internationalen Geisteslebens gehört, über das Thema «Warum Utopien scheitern» (der Vortrag findet am Sonntag, 31.3.2013, um 17 Uhr statt). Ich darf ihn schon vorher zum Thema befragen. Herr Sloterdijk, warum scheitern Utopien? Der Titel des Referats ist etwas irreführend. Unerfüllbarkeit gehört zur Utopie als solcher. Daher kann man nicht sagen, dass die Utopien scheitern. Projekte können scheitern oder Erfolg haben, Utopien nicht. Was ist der Unterschied? Projekte sind Pläne, und bei der Durchführung von Plänen kommt es praktisch immer anders, als man dachte. Es ist ein Teil der heute herrschenden Konfusion, dass man den Unterschied zwischen Projekt und Utopie nicht mehr versteht. War der Monte Verità eine Utopie oder ein Projekt? Die Lebensversuche von Ascona um 1905 stellten ein vages Projekt dar. An echten Utopien kennt Europa nur zwei Archetypen – Arkadien und Amerika. Ascona war weder das eine noch das andere, sondern ein lebensreformerisches Experiment. Immerhin, in Ascona und im Isartal südlich von München wurde der Nudismus geboren. Hier praktizierte man zuerst die Sonnenanbetung, die hundert Jahre später zu einer populären Religion wurde. Nackt unter der Sonne – das klingt doch nach Arkadien, dem mythischen Naturparadies. Die Ascona-Leute waren utopisch bewegt. Sie suchten die Synthese aus Arkadien und Amerika. Die Brissagoinseln waren ein Garten der Freuden, gleichzeitig stellten sie den Ort am anderen Ufer en miniature dar. Die Utopie ist eine Insel? Ohne Insulation ist die Utopie nicht zu denken. Wer die glückliche Insel erreichen will, muss das Schiff besteigen und bei der Überfahrt sein Leben wagen. Das haben die Emigranten nach Amerika im 16., 17. und 18. Jahrhundert tatsächlich getan. Kein Mensch von heute könnte sich vorstellen, mit den damaligen Schiffen das andere Ufer des Atlantiks zu suchen. Ausser, wenn unbekannte Prämien lockten. Das ist der entscheidende Punkt. Wenn man wirklich glaubt, es lägen dort drüben Glücksgüter bereit, die man sich ohne Arbeit aneignen kann, dann wagt man den Aufbruch gegen alle Bedenken. Amerika war anfangs ein Kontinent, der den Europäern wie eine einzige grosse Schatzinsel erschien – das liefert die ökonomische Komponente des Inseltraums. An den Inseln Europas konnte man besser die erotische Traumkomponente festmachen. Sie kennen doch die «Einschiffung nach Kythera?» Das Gemälde des französischen Malers Antoine Watteau? Es zeigt den Archetypus der galanten Utopie in Vollendung. Besonders schön scheint mir die dritte, die Berliner Version des Gemäldes von 1717. Man sieht darauf elegante junge Menschen an einem Ufer, abfahrbereit, im fernen Hintergrund erahnt man die Konturen der Insel der Liebesgöttin. Der Aufbruch dorthin ist die wahre Utopie, denn die Liebe auf dem Festland soll von der Liebe auf der Insel träumen. Nur dort sammelte man die Kraft, so zu tun, als fände man den anderen immer grenzenlos interessant. Aber Schätze warten in Amerika kaum noch auf den Besucher. Die Amerikaner haben ihren Traum entzaubert, weil sie die Schatzsuche in Arbeit übergeführt haben. Sie haben aus dem Schatzsucher den Selfmademan gemacht. Die Amerikaner sagen: Reichtum ja, aber durch Arbeit. Das ist enttäuschend für alle, die sich am Schatzinsel-Pol der Utopie orientierten, wie so viele Besucher Asconas von einst. Hier genügte es, nackt auf der Wiese zu tanzen, und der neue Mensch sollte vom Himmel steigen. Die ursprüngliche Utopia im Roman von Thomas Morus war allerdings kein Schlaraffenland, sondern so etwas wie eine gut durchorganisierte Schweiz. Vergessen wir nicht: Die Utopie als neuzeitliches literarisches Genre gehört zum Korruptesten, was die Geschichte der Literatur kennt. Sie malt alternative Welten aus, die ihre realen Kosten systematisch auslagern und verschweigen. Ob dies etwas mit dem Modus vivendi der Schweiz zu tun hat, kann ich nicht beurteilen, ich hoffe nicht, ich finde die Schweiz ein sympathisches politisches Konstrukt. Sie haben einmal gesagt, die globalisierte Welt gleiche einem grosshelvetischen Experiment. Meinten Sie das positiv oder negativ? Ich bezog diese Äusserung auf das vereinte Europa, das unter günstigeren Umständen tatsächlich eine Wiederholung der Schweiz in vergrössertem Massstab hätte werden können. Durch die Einführung der gemeinsamen Währung hat es seine historischen Chancen vorerst zerstört. Eine vernichtende Diagnose. Nur eine nüchterne. Hysterie ist in Europa nicht am Platz. Scheitert der Euro, wird man eine andere Währung probieren, irgendetwas auf halbem Weg zwischen gemeinsam und getrennt. Aber grosshelvetische Verhältnisse wären für Europa wunderschön gewesen. Warum? Weil die Kantonisierung der Nationen eine im Höchstmass begrüssenswerte Entwicklung darstellt. Der Kanton ist eine halbautonome Struktur, die zwischen Selbstsorge und Mitarbeit balanciert, und Halbautonomie wäre genau das Wort, das wir jetzt positiv besetzen müssten, um uns politisch zu reorientieren. Sie nehmen Abschied von der nationalen Struktur? Nein, die Nationen werden für die Europäer noch lange die bevorzugten Gehäuse des politischen Lebens bleiben. Aber die alten Vorstellungen von nationaler Souveränität verlieren an Plausibilität. In der Schweiz heisst das Volk der Souverän. So heissen die Völker inzwischen überall, gerade, wo sie progressiv entmündigt werden. Die Realpolitik kann im Augenblick mit den Völkern nichts mehr anfangen. Weshalb diese Pattsituation? Wahrscheinlich rührt das Unbehagen in der grossen Politik daher,

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Martigny mon amour

Martigny mon amour Ewa Hess | 20. Mai 2013 – 23:05 Der Künstler Valentin Carron wird bald die Schweiz in Venedig vertreten – ich durfte ihn in seiner Walliser Heimat besuchen und einen fiebrigen Frühlingstag lang sein Martigny kennenlernen. von Ewa Hess / Bild Fred Merz Die scharfe Frühlingssonne steht Martigny nicht. Unbarmherzig bringt sie die Ungereimtheiten des Ortes zum Vorschein. In den verdunkelten Scheiben von stillos modernen Bürohäusern spiegeln sich malerische Schneegipfel. Das Bahnhofsgebäude aus einem vergangenen Jahrhundert steht verloren zwischen chaotisch angeordneten Parkplatzparzellen. Putzige Ästhetik eines intakten Schweizer Städtchens trifft auf die Zersiedelungsspuren einesaggressiven Baubooms. Valentin Carron entsteigt seinem bequemen Familienauto mit der entspannten Lässigkeit eines Bewohners des amerikanischen Mittleren Westens. So, dass man sofort spürt, wie sehr dieses Auto sein Zuhause ist. Und diese Gegend sein Jagdrevier. Dabei könnte man meinen, der 36-jährige Künstler sei längst seiner Heimatgemeinde entwachsen. Sein Name wird in Paris, New York und London in Grossbuchstaben geschrieben. Er ist der aufstrebende Star der Schweizer Kunst. Geheimnisvoll, eigenwillig, unübersehbar. Vor zwei Jahren verblüffte er die Kunstwelt mit der im Pariser Palais de Tokyo ausgestellten Kunstharz-Replik einer Walliser Weinlaube. In zwei Wochen wird er die Schweiz an der Biennale der Kunst in Venedig vertreten. Doch stur wie ein echter Bergler bleibt Valentin Carron in Martigny wohnhaft. Nur von hier aus, das spürt man, sind diese rätselhaften Skulpturen zu verstehen. Sie nehmen Elemente der Landschaft und ihrer Bebauung auf. Oft sehen sie wie Bergkreuze oder wie Rauverputz-Wände aus. Sie gleichen manchmal den Pergolas, manchmal den Strassenlampen. Doch das ist noch lange nicht das Geheimnis ihrer Wirkung. Ihre Präsenz ist es. Dass sie mit einer archaischen Kraft aufgeladen sind, dem schwarzen Monolith aus Stanley Kubricks berühmten Film «2001: A Space Odyssey» vergleichbar. «Hier, wo ich aufgewachsen bin», setzt Carron zu einer Erklärung an, «komme ich mir vor wie ein Fremder.» So wie er es sagt, muss es etwas Gutes sein. Im Kopf sei er in Zürich, vielleicht in Genf oder Paris zu Hause. Martigny aber sei sein Beobachtungsposten. Denn nur hier gebe es diese Mischung von heimelig und unbehaust, die ein Symptom unserer Zeit sei. Martigny, das sei die westliche Welt in Miniatur. «Nur hier bin ich real», sagt Carron. Ob das ein glücklicher Zustand ist, traut man sich nicht zu fragen. Während wir unseren Allerwelts-Cappuccino im Strassencafé schlürfen, geht schnellen Schrittes Pascal Couchepin mit einem schwarzen Rucksack an uns vorbei. Auch er ein unbeirrbarer Bewohner von Martigny – und sein ehemaliger Bürgermeister. Carron schaut dem Ex-Bundesrat mit einem kleinen Lächeln nach. Es ist ein menschenfreundliches, wenn auch verschmitztes Lächeln. Eine Mischung aus Melancholie und Spott. Noch vor wenigen Jahren wäre es Couchepin gewesen, der den Schweizer Pavillon an der Biennale eröffnet hätte. Wäre das schön, so ein Martigny-Gipfeltreffen in Venedig? Diesmal gilt das spöttische Lächeln der Frage. Diejenigen, die vermutet haben, dass Carron in Venedig etwas besonders Auffälliges inszenieren würde, etwa ein Riesenkreuz, wie 2009 vor dem Eingang zur Art Basel, bleiben auf ihren Erwartungen sitzen. In Valentin Carrons Schweizer Pavillon wird zwar eine 80 Meter lange Schlange die Besucher begrüssen, doch ihr schmaler schmiedeeiserner Körper wird nur dezent den Raum zur Geltung bringen. In Bronze gegossene Musikinstrumente, verbeult, als ob sie schon Generationen von Familienmusikanten gedient hätten, werden die strenge Form des Pavillons brechen. Als Bildelemente installiert der Künstler Remakes von Glasfenstern aus den 50er-Jahren. Er habe viel zu viel Respekt vor der Kunst, sagt Carron, um allzu plakativ auf das Ereignis einer Wettbewerbssituation einzugehen. Stünde dieser Pavillon nicht in den Giardini von Venedig, wohin die ganze Welt guckt, sondern in einem Kunstzentrum in, sagen wir, Portugal, würde er seinen Auftritt auch nicht anders gestalten. Er wolle nur eines: dem schönen, von Albertos Bruder Bruno Giacometti erbauten Pavillon gerecht werden. Seine Form respektieren – und ihr gleichzeitig durch die beharrlich irritierende Form der Werke lautlos widersprechen. Respekt und Widerstand – es ist der gleiche Widerspruch, der bei einem Spaziergang auf dem Friedhof, einem seiner Lieblingsorte, im Blick des Künstlers aufscheint. Wir bleiben bei einem Grab stehen. «Marc Morand – Anwalt und Notar», verkündet die Inschrift, «Bürgermeister von Martigny 1921-1960. Oberst im Generalstab». «Das ist Martigny!», sagt Carron. «Diese Macht, dieser Einfluss, kann man sich das vorstellen?» Hier, auf dem Kirchenacker, inmitten all der Morands, Couchepins, Constantins und auch Gianaddas, merkt man, wie stark die Walliser Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht – die heutigen Patrons tragen die gleichen Namen. Einer von ihnen, der Immobiliengigant Léonard Gianadda, ist im Wallis auch der Chef eines Kunstimperiums. Wenn Martigny eine Miniatur der westlichen Welt ist, dann ist die Fondation Gianadda eine Miniatur von Martigny. Auch hier trifft man auf eine Mixtur nicht zueinanderpassender Elmente: wunderschöne Aussicht, undefinierbares Gebäude und ein Museum, in dem Oldtimer-Autos, gallo-römische Ausgrabungsrelikte und Weltklassekunst leicht windschief nebeneinander existieren. Die Begegnung zwischen Gianadda und Carron muss ein besonderes Spektakel geboten haben – hier der flamboyante Unternehmer und wenig Widerspruch duldende volkstümliche Philanthrop Gianadda, dort der spröde, aber auch ruhig selbstbewusste Kunststar einer intellektuellen Elite. Sie fand jedenfalls statt, diese Begegnung, und resultierte in einem 700 Kilogramm schweren Geschenk – an Martigny. Es ist eine Skulptur in Form einer Aluminiumsäule, viereinhalb Meter hoch, die sich spiralförmig mitten auf der Strasse erhebt und einen Verkehrskreisel in eine archaische Andachtsstätte verwandelt. Wie ein Relikt einer ausgestorbenen Zivilisation wirkt diese Säule, aus der Zeit gefallen, fremd. Die anderen vierzehn Kreisel, die Léonard Gianadda seiner Heimat geschenkt hat, sind wie die meisten Kreisel auf der Welt mit Skulpturen lokaler Grössen ausgestattet, ergänzt durch einen Minotaur Hans Ernis und eine Assemblage Bernhard Luginbühls. «Es war ein Angebot, das man nicht ausschlägt», erklärt Valentin Carron seine Zusage, sich in die Riege der Kreiselkünstler einzureihen, und wir lachen über die Formulierung, die in einen anderen Kontext gehört. Aber er will damit nicht auf Mafiafilme anspielen. Er meint es ernst. Die Anfrage auszuschlagen, wäre ihm feige vorgekommen. Er wollte das gerne machen, für Martigny. Jetzt steht das Werk mitten auf jener Strasse, die nach Fully führt. Dort wurde er geboren. In Fully hatte die Familie des Künstlers ein Cheminée-Geschäft. Hier hat Carron als Kind

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Der Papst schreit

Der Papst schreit Ewa Hess | 28. Februar 2013 – 09:05 Francis Bacons obsessiv gemalten Bilder des schreienden Papstes gehören zu den erschütterndsten Bildern der Nachkriegszeit. Er malte 45 Variationen des berühmten Porträts von Diego Velázquez, auf dem Papst Innozenz X. abgebildet ist. Doch während auf dem Bild des Spaniers (gemalt 1650) der Papst mürrisch und misstrauisch dreinschaut, malte ihn Bacon schreiend. Hier einige Gedanken dazu (es ist der Text meiner Kolumne «Expecting Art» für die Aprilnummer der Kulturzeitschrift «Du»). Als Benedikt XVI demissionierte, tauchte Innozenz X aus der Versenkung auf. Aber was sage ich: Versenkung. Die gab es ja nur in meinem Kopf. In Tat und Wahrheit stolpert man über Francis Bacons schreiende Päpste geradezu. Erstens gibt es ihrer fünfundvierzig. Ja, 45 schreiende Päpste – wenn man sich vorstellt, dass sie nebeneinander hängen, wird man fast wahnsinnig. Zweitens gehören einige unter ihnen zu den teuerst gehandelten Leinwänden unserer Zeit (erst im November ging eins bei Sotheby’s für 29.7 Millionen Dollar weg). Und drittens sind sie alle so intensiv, dass sie, einmal gesehen, dem Betrachter immerfort hinterherschreien. Nur mit konzentrierter Willenskraft bringt man sie wieder aus dem Kopf. Was mir bisher gut gelungen ist. Erst als Papst Ratzinger mit leiser Stimme das Unerhörte verkündet hatte, dass er nämlich geht, einfach so seinen Rücktritt auf den letzten des Monats Soundso angekündigt hat, ganz als wäre er nicht Stellvertreter Gottes auf Erden sondern sein angestellter Buchhalter mit Kündigungsfrist und Vertrag, da explodierte dieser Schrei jäh im Schädel. Uaaaaaaaaah. Den Papst hats verjagt. Der rätselhafte Entschluss des Papstes hat Gemeinsamkeiten mit dem rätselhaften Bild. Denn da ist einerseits ein konservativer Papst, der seinem Vorgänger Johannes Paul II eine Stütze und ein Berater war und aus nächster Nähe zusehen durfte, wie der andere seinen Kampf mit Krankheit, Müdigkeit und dem Alter vor den Augen der ganzen Welt zelebrierte – ohne je daran zu denken, die heilige Pflicht niederzulegen. Und Ratzinger wäre nicht Ratzinger, wenn er nicht bemerkt hätte, wie dieses Verhalten auch strategisch einen starken christlichen Kontrapunkt zur Entsorgungsmentalität unserer Zeit setzte. Nein, aus Müdigkeit hat er kaum resigniert. Was war aber dann der Grund für Ratzingers Rücktritt? Steht es um unsere Welt und die katholische Kirche mittendrin wirklich so schlimm bestellt, dass er diese Bürde auf seinen 86-jährigen Schultern nicht mehr tragen konnte? «Es scheint, als wolle das Böse ständig die Schöpfung Gottes beflecken, um Gott zu widersprechen und seine Wahrheit und Schönheit unerkennbar zu machen», flüsterte der Papst bei einem seiner letzten Auftritte. Wenn das kein stummer Schrei war. Die in ihrer Schönheit bedrohte Schöpfung ist ja andererseits auch Bacons Thema. Er wollte den Schrei des Papstes, eigentlich jedes Bild, «schön» hinkriegen. «Ich wollte den Schrei des Papstes als etwas darstellen, welches die Intensität und die Schönheit von Monets Sonnenuntergang haben würde», sagte er anfangs der siebziger Jahre zu seinem Vertrauten Peter Beard. Da hatte er vom Papst-Sujet schon seit einer Weile Abschied genommen – seit der Mitte der Sechziger Jahre liess diese Obsession nach. Es war eine Besessenheit, die ihresgleichen sucht. Während zwanzig Jahren hat das ursprünglich von Diego Velázquez 1650 gemalte Bildnis vom Papst Innozenz X den irischen Gegenwartsmaler Bacon gefangen gehalten. Wenn er das das Velázquez-Bild irgendwo abgebildet sah, kaufte er das Buch, riss die Seite mit dem Papst heraus und pinnte sie an die Wand seines Ateliers in London. Als er aber 1954 nach Rom fuhr, entschied er sich gegen den Besuch des Originals, welches dort in der Sammlung Doria Pamphili hängt – ganz so, als ob er vor dieser Begegnung Angst haben würde. Zwanzig Jahre, in welchen er immer wieder den schreienden Papst malte, haben Bacon nicht einmal an den Rand des Verstädnisses herangeführt. Als er die Päpste aufgab, war es nicht, weil er ihr Geheimnis ergründet hatte. Nein, nein. Es wurde ihm schlicht zu blöd. «Silly», das war sein Wort. Er nahm es dem Sujet übel, dass es ihn so lange genarrt hat, ohne ihn wirklich hereinzulassen: «Ich mag diese Päpste wirklich nicht», sagte er zu Peter Beard. «Wenn der Papst schrie, schrie das Bild nicht. Ich hätte es viel besser machen können». Was ja aus heutiger Sicht überhaupt nicht stimmt. Der von einem Vorhang erstickte Schrei des Papstes, kombiniert mit seiner starren Sitzhaltung auf dem Thron, der auch ein elektrischer Stuhl sein könnte, gehört zu den erschütterndsten Bildern der Nachkriegszeit. Es ist eine schmerzhaft erstickte Intensität in diesem Schrei drin: der lautlos geöffnete Maul mit Zähnen, die unnatürliche Körperhaltung, die Hände, die sich krampfhaft um die Armlehnen schliessen. Dass es sich um einen Ausdruck der vergangenen Kriegsgreuel handelt, und dass mit dem Bild des Papstes die zwiespältige Rolle der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg symbolisiert wurde, gehört denn auch zu den häufigen Interpretationen dieser Bildserie – natürlich nebst vieler anderen. Wie könnte es bei Bacon anders sein. (Im Übrigen hat man in seinem Atelier durchaus auch Bilder von Pius XII gefunden, dem Kriegspapst, der trotz seines Wissens um den Holocaust lange und hartnäckig schwieg, was immer noch ein wundes Thema innerhalb der katholischen Kirche ist.) Der ursprüngliche Velázquez-Papst, Innozenz X, schreit ja nicht. Er schaut mürrisch und misstrauisch drein, die zusammengepressten Lippen verraten einen illusionslosen Machtpolitiker. Innozenz X, aus der Prinzenfamilie der Pamphilis, stand unter der Fuchtel seiner geldgierigen Schwägerin Olimpia Maidalchini, führte selbst ein strenges Regiment und war für seinen Zorn bekannt. Er soll das gnadenlose Porträt mit dem säuerlichen Spruch «troppo vero», zu wahr, kommentiert haben. Der Schrei ist Bacon aus anderen Quellen zugefallen. Da war einerseits ein Buch über Mundkrankheiten, das ihn seit früher Jugend fasziniert hat. Und auch der Schrei des vom Gewehrfeuer niedergestreckten Kindermädchens in der berühmten Treppensequenz des Films «Panzerkreuzer Potemkin» von Sergej Eisenstein. «Potemkin» ist ein Stummfilm, auch dieser schreckliche Schrei bleibt also lautlos. Michael Peppiatt, Francis Bacons Biograph, erinnert sich in seinem Erinnerungsband «Gespräche in der Nacht» an lange Nächte mit Bacon im Colony Room, dem Lieblingsclub des Malers in Soho, und wie in ihnen ein Riss aufklaffen konnte. Nach Stunden des Redens und des Trinkens, beschreibt Peppiatt, «riss etwas auf, eine Lücke, ein Spalt», plötzlich

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